Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 7. In Ungarn bietet sich uns eine Illustration zu unserem, manchen vielleicht fremd anmutenden Vorschlag. Ein politisch geschultes und reifes Volk, das der Magyaren, hat hier die Juden in seinem Kamps gegen die übriger: Nationalitäten zu Verbündeten erwählt. ^Die Juden sind wohl Liberale, Achtundvierziger u. s. w. alle'aber gut magyarisch gesinnt. Der Antisemitismus und die Mißgunst der Klerikalen zerschellen an dieser Konstellation. Der Eintritt der Frauen in den Kampf ums Wahlrecht wird wohl nicht lange auf sich warten lassen und eröffnet uns weitere kühne Perspektiven für ein opportunes Zusammengehen, und einmal angeregt, wer hemmt den Flug der Phantasie? „Gebet mir einen festen Punkt außer der Erde und ich hebe euch diese aus den Angeln." Das archimedische Wort mag uns hier zur Parabel dienen. In dem von uns geforderten Zusammenschluß aller Juden, in dem wie gesagt keine geisttötende Uniformität die Bedingung und niemand ein Jntelligenzopfer zu bringen gezwungen wäre, sehen wir den festen Punkt, auf welchem wir Vorurteil und Haß, die zentnerschwere Last des Jahrtausende währenden Vorurteils, aus den Angeln heben wollen. Und diese Angeln selbst sie verrosten und verderben. Die Kasten und Scheidewände der Menschheit sie stürzen zusammen, sie ist eine große Familie geworden. Wem anders als den Juden fiele die weltgeschichtliche Mission zu, diesen Zustand herbeizusühren und zu verwirklichen? Von dem gottbegeisterten Seher Jesaias ist diese providentielle Sendung Israels in hehrer poetischer Form zum ersten Male ausgesprochen und verkündet, das goldene Zeitalter nicht wie bei den Griechen in den Anfang, sondern in weite, nebelumflossene Fernen der Zukunft verlegt worden, und siehe da, Hellas ist nicht mehr, Israel aber, das verfolgte, gehetzte, ans Kreuz geschlagene lebt und hat den Völkern der Erde seither so manchen Heilsbringer geschenkt. Spinoza transponierte die Idee eines Eingottes ins - Philosophische, und die Ethika weihte zwei Lebensalter später Goethe und Lessing zu Hohenpriestern des Pantheismus ein. Marx und Lassalle organisierten die zerstreuten Arbeitermassen und sind sozialdemokratische Heroen geworden. So bekundet sich überall im jüdischen'.Volke eine gewaltige monistische Kraft, die das Feindliche, Auseinanderstrebende versöhnt und gattet. Das gewaltige Genie, wie ihn Emmerson, der Essayist, herbeisehnt und erwartet, welches Willenskraft, Intelligenz und Güte, Güte in höchstem ethischem Sinne verstanden, in sich vereinigt, wird es den Juden entstammen? Wir hoffen es; kommt es anders, gleichviel, so wollen wir wenigstens seine begeistertsten Anhänger werden und ihm neidlos zujubeln. S. V i ne t a. Die Greuet von Hömel. Ueber die neuerlichen Judenverfolgungen in Homel wird der „Berliner jüdischen Presse" berichtet: Der mit Zittern und Bangen erwartete erste größere Judenkrawall im Jahre 1906 ist über Nacht gekommen: Unsere Stadt wurde binnen drei Jahren zum zweiten Male ruiniert, und wiederum sind Hunderte von Juden an den Bettelstab gebracht worden. Ein Knotenpunkt zweier großer Eisenbahnen und an den Ufern des den Verkehr mit Südrußland und dem Schwarzen Meere vermittelnden Sosch gelegen, hat sich Homel allmählich zu einem großen Handelszentrum mit einer starken Arbeiter-Bevölkerung entwickelt. Letztere ist, wie jetzt überall in Rußland, der Regierung sehr feindlich gesinnt. Während der letzten Dezemberwoche herrschte hier Generalstreik. Das Streikkomitee der Arbeiter der Werkstätten der Libau-Romnyer Bahn war faktisch Herr der Stadt, und die Polizei mußte ihre Tätigkeit gänzlich einstellen. Ja, der Militär-Kommandant D a vid o w sah sich aus Furcht vor den Revolutionären genötigt, in die Kaserne überzusiedeln. Die Polizei schwor den Juden, die an dem Streik und seinen Wirkungen völlig unbeteiligt waren, Rache, und bald kam der ersehnte Tag, an dem sie ihren Schwur erfüllen konnte. Anfangs Jänner drangen Infanterie, Kavallerie und Artillerie in die Stadt ein, und die Kysacken begannen die Juden mit ihren Nagaikas auf offener Straße zu schlagen und Massenverhaftungen vorzunehmen. Das war das Vorspiel. Am 22. Jänner befahlen die / revolutionären Organisationen den Juden, ihre Läden zu schließen; andererseits drohte ihnen die Polizei mit einer Strafe von 300 Rubel, wenn sie diesem Befehl Nachkommen. Man suchte sich damit zu helfen, daß man zwar die Läden offen hielt, aber nicht verkaufte. Am Tage darauf wurden von Neuem Maffen-Verhaftungen vorgenommen, und die Verhafteten auf der Polizeiwache schwer mißhandelt, Am 24. Jänner wurde der Pristawgehilse Anossow, der die Internierten persönlich geprügelt hatte, erschossen. Das war für die Behörden das willkommene Signal, den längst vorbereiteten Judenkrawall, dessen Programm bis in die kleinsten Details seit Wochen fix und fertig ausgearbeitet war, in Szene zu setzen. Am 26. Jänner tauchte eine Rotte von 15 Huligans in der Rumianzowstraße auf und begann auf die arglosen Passanten mit Revolvern zu schießen. Sofort waren alle Straßen menschenleer, sämtliche Geschäfte geschlossen. Nun fing man an die jüdischen Läden auszurauben und in Brand zu stecken. Die Arbeit ging ganz systematisch vor sich: Erst erschienen Infanterie und Kavallerie, welche eine Zeit lang ganze Salven abgaben und so die Menschen in die Häuser jagten. Darauf wurden die jüdischen Läden erbrochen und, nachdem man die Waren auf die Straße geworfen, mit Petroleum begossen und angezündet. Große Mengen von Waren hat man ans Fuhren gepackt und unter militärischer Bedeckung sortgeschafft. Die von den Juden herbeigerufene Feuerwehr wurde von der Polizei durch Schüsse verjagt. Bald stellte auch das Telephon auf Befehl der Polizei seine Tätigkeit ein. Um 11 Uhr Nachts brannten sämtliche Läden ans den Hanptmarkl. Niemand war aus der Straße seines Lebens sicher. Nur die Mordbrenner durften ungehindert ihr Zerstörungswerk fortsetzen. Am folgenden Tage wurden die.Löscharbeiten zum Teile gestattet, aber es fehlte an Wasser, angeblich weil die Juden die Wasserleitung durch Bomben beschädigt hätten. In Wirklichkeit ,aber haben sich unsere Glaubensgenossen während der Ausschreitungen versteck: gehalten. Auch die Selbstwehr trat nicht in Aktion, weil sie gegen das mit modernen Waffen ausgerüstete Militär doch nicht hätte anfkommen können. Die Zahl der geplünderte:: und. verbrannten Geschäfte beläuft sich auf 173, die der Häuser auf 151; unter letzteren befindet sich die Bank der gegenseitigen Kredit-Genossenschaften. Der Schaden übersteigt drei Millionen Rubel. Zehn Personen sind verwundet, eine getötet. Der Ermordete wurde erschossen, als er Waren aus dem brennenden Laden seines Chefs retten wollte. Die Geschädigten sind ausnahmslos Juden. Christliche Läden wurden selbst wenn sie inmitten von jüdischen lagen, sorgfältig verschont, jüdische, die sich zwischen christliche befanden, zwar ausgeraubt, aber nicht verbrannt. Ein Reihe von jüdischen Laden-Besitzern konnte sich von der Plünderung loskaufen. Die Taxe dafür betrug durchschnittlich 60 Rubel; doch taten es einige Soldaten billiger; sie begnügten sich mit einer Abfindungssumme von 6 Rubel. Charakteristisch war das Vorgehen der Polizei gegen das Haus des Dr. S a l k i n d , des meistgehaßten Vorsitzenden des jüdischen Unterstützungs-Vereines. Das in der Apothekergasse (die durchweg von Christen bewohnt ist) belegene Haus wurde erst mit einer Salve überschüttet, dann erbrochen, gründlichst ausgeplündert und in Brand gesteckt. Glücklicherweise hatte Dr. Salkind, auf dessen Leben es abgesehen war,sich mit seiner Frau vorherinden benachbartenLaden eines christlichen Freundes geflüchtet. Dr. Sacharin, Mitglied des Hilsskömitees für das Gouvernement Tschernigow, wurde verhaftet, weil man in seinem Hause eine „Bombe" und „kompromittierende Schriftstücke" gefunden zu haben behauptete. Am anderen Morgen stellte sich heraus, daß die „Bombe ein — Globus und die „kompromittierenden Schriftstücke" — alte Kollegienhefte aus der Studienzeit Dr. Sacharin's waren! Was die hiesigen Greuel von früheren ähnlichen Vorkommnissen unterscheidet, ist die Tatsache, daß nicht nur die Urheber, sondern auch die Akteure fast einzig und allein die Polizei und das Militär gewesen sind. Ihre Mithelfer, die „Hooligans", waren nicht mehr wie fünfzehn an der Zahl. Hinzugefügt sei, daß auch der Vorwand