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Die Wahrheit · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion u. Adiiuiiistiation: Wien, 11/, Novaragaffe 27. Telephon 9tr. der Druckerei I53V2. Inserate uv Hellper Nonpareille-Zeile. AdonnemenlS- ». JnsertionSbelräue sind in Wie» zahlbar und klagbar. nabhängtge Heitschrift für Mische Intereß'en. Erscheint jeden Ilreilag. ülolto: „Vas Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verngspqeis: Äauzjähria ... ff. ns.— I Halbjährig ... ff. 6.— I Für Cnltnsdeamte:; Ganzjährig ... ff. IO.— Für Ausland:! Ganzjährig . . . a Mark j 6 Rubel oder lü Fcr i _j Uv. Wien, 16. Kedrnar 1966. Anhalt: Ein Vorschlag. — Die Greuel von Homel. — Ein Vetter Heinrich Heine's. — Jesus und die Effäer-Orden. — Verschiedene Nachrichten. Neue Organisationspläne in Ungarn. — Feuilleton: Zurückgefünden. Gin Vorschlag. „Die Menge machles." Dieser bekannte nüchtern kausmännische Satz gilt nicht nur für merkantile Kalkulation sondern! auch für andere Gebiete; die einzelne Erscheinung, die nicht allzu! sinnfällig an Ohr und Auge pocht, sind wir leider nur zu sehr ge-; neigt zu ignorieren. Einige Erdstöße, der Verlust von einigen Menschen, das wirkt kaum auf die. .Vorwerke unseres . Gemütes ein, das Erdbeben in Lissabon, dem 20.000 zum Opfer fallen, erregt — wie einst die Unglückshäufung bei Hiob — die ersten religiösen Zweifel in der Seele des Knaben Goethe. Das Jammergeschrei der Betroffenen hallte durch ganz Europa und war intensiv genug, Mitgefühl hervorzurufen. Auch ist die Aufnahmsfähigkeil unserer Organisation zu wenig feinfühlend funktionierend, als daß wir die gewaltige Gesamtwirkung kleiner, unbedeutender Urj sachen vorher zu summieren vermöchten. Achtlos sieht der Tourist! ein Schneekügelchen vorbeirollen und stutzt erst, wenn er das! ferne Donnergrollen der das Tal verheerenden Lawine vernimmt. > Einzelnen erlesenen Geistern zwar ist es gegeben, schärfer hineinzusehen in das Nebelgewoge der Zukunft. Kassandra ahnte den Untergang Ilions, Nordau sprach vor wenigen Jahren die Befürchtung aus, die mittelalterliche Verfolgung der Juden könne bald ihre Fortsetzung und Wiederholung finden. Doch das fruchtet wenig. Kassandras wurde nicht geachtet und auch über Nordaus bangen Kassandraruf mag mancher sich weise dünkender Philister die Nase gerümpft haben. „Denn sie haben Augen und und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht." Jetzt freilich, wo Zehntausende von unglücklichen russischen j Juden dahingemordet wurden, wo Lueger, der Bürgermeister.! deshalb dreister auch nach Hooligans sehnsüchtig auslugt, jetzt j reiben sie sich die blöden verschlafenen Augen, jetzt entledigen sie sich der Zipfelmütze. „Die Menge macht es" und Gleichartiges wirkt auf Gleichartiges, auf die Menge. Jetzt ringen sie die Hände und sinnen, was zu geschehen habe. Vorschläge regnet es förmlich, Ratschläge sind wohlfeil geworden wie Brombeeren. Doch wie lange, und die Hochflut der Erregung wird verebbt sein — und wir werden uns wie früher in träger Bequemlichkeit gehen lassen? Und doch! Wir befinden uns vielleicht im schicksalsschwersten Moment und im Wendepunkt unserer vieltausendjährigen Geschichte. Wir müssen uns entweder aufraffen, den prometheischen Funken entzimden, der die Seelen erleuchtet, sie begeisternd erwärmt zur rettenden Tat, oder zugrundegehen sehen, was so lange widerstanden hat der allesvernichtenden Zeit. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage, und die' schwere Not der Zeit findet ein schwaches, Pygmäenhaftes Geschlecht, dem es an überragenden Führern fehlt. Nach heldenhaften Makkabäern, nach einem Arnold Winkelried, der sich für die Eidgenossen die Spieße in die Brust drückt, würden wir vergeblich Ausschau halten. Trage darum jeder seinen Teil bei, stimme jeder in den allgemeinen Chorus der Beratung ein, auch bescheidenere Begabungen geben oft den Austoß zu großen Geschehnissen. Man denke an Fischhofs Rede im Jahre 1848 und deren zündende Wirkung. In diesem Sinn und ohne jede Prätension mögen die folgenden Ausführungen auf Beachtung Anspruch erheben. Das allgemeine Wahlrecht ist in Oesterreich auf dem Marsche. Es trifft sich gut, daß der Höhepunkt der Kurve des Antisemitismus und diese politische Bewegung zeitlich zusammenfallen. Auch hat ja die von der jüdischnationalen Partei ausgehende Idee, dies nutzbar zu machen, ziemlichen Anklang gesunden. Leicht ist es, wie der sterbende Attinghausen zu predigen: „Seid einig, einig, einig," aber sie in die Tat umzusetzen die Einigkeit, ist schwieriger als die Quadratur des Zirkels. Auch den alten Römern war es bewußt, wie leicht eine einzelne Rute zu biegen und zu brechen sei, viele derselben jedoch zu einem Bündel zusammengesaßt, als Symbol der Unbeugsamkeit dienen können. Man trug darum auch den Liktoren zum Zeichen ihrer Würde die Fasces voran. Trotzdem sank Roms Weltmacht dahin, und wenn auch Montesquieu und Mommsen mannigfachen Gründen nachgeforscht haben, der Parteienhader ist wohl am ehesten dafür verantwortlich zu machen. Auch für uns liegt hier der Schwerpunkt des Problems. Unter allen schwereren und leichteren Anwürsen unserer Feinde ist keiner tückischer und listiger, als der unserer Solidarität. Wir, die wir in Zionisten, Orthodoxe, Fortschrittliche, Jndifferentezersplittert, chamäleonartig in allen Farbenschattierungen schillernd in allen Lagern zu finden sind, sollen durch diese Kriegsfinte nur noch mehr auseinander gebracht werden. Kehren wir uns nicht daran. Versuchen wir einmal, unbeschadet unserer Individualität und der Rechte derselben, ungeachtet der Verschiedenheit unserer Ansichten, nach außen eine geschloffene Phalanx, eine politische Partei zu bilden. Wir könnten uns beispielsweise in Galizien an die Seite der entrechteten Ruthenen stellen, wir die Verfolgten und Verfehmten verbünden uns mit anderen Heloten, um uns Achtung und Freiheit zu erkämpfen. In Böhmen hingegen müßte strikte Neutralität beobachtet werden, um weder die Feindschaft der Deutschen, noch jene der Czechen herauszufordern; nicht wir.sind berufen, die Frage zu lösen, ob die ältere Kultur der Deutschen als Vormacht aus dem Streite hervorzugehen habe, oder die jüngere, aber aufstrebende der Czechen.

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