Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 6. reite 8. jeder Seufzer weltenringend, jede Lebensäußeruug ein in Wirklichkeit umgesetzter Orach Ohaün-Paragraph. Anders verhält es sich mit dem Joreh Deah, welcher die Abschließung vom Unerlaubten anordnet, der ist vermöge seiner negativen Natur kein Widerschein der dargestellten Persönlichkeit. Der kommt im Praktischen überhaupt nicht zur Geltung und kommt nur theoretisch in Betracht. Diese Theorie hat Jsserlein in seinen eigenen Schriftwerken zum Ausdruck gebracht, und R. Joses konnte es sich nicht zur Aufgabe gemacht haben, diese Theorie in seinem Leket joscher einfach zu wiederholen. Es galt ihm hier nur, eine die Persönlichkeit seines Lehrers kennzeichnende Auswahl zu treffen. Vermöge dieser Auswahl im H. Teile gewinnen wir nun erst einen Einblick in die Seele des Verfassers, der im I. Teile ganz im Hintergründe blieb. Hier scheint er sagen zu wollen: Mein Lehrer und Meister Jsserlein hat in seiner Seele so manches geborgen, was man in unseren Tagen nicht so gerade heraus sagen kann. Insofern begreift man sehr wohl Dr. Freimanns begeisterte Hingebung für das Buch, dessen Bedutung für die fernere Entwicklung der Halacha er immer wieder betont und anerkennt. In den von R. Josef den Moses ausgewählten Stücken zeigt sich nahezu durchgängig, daß Jsserlein bei strenger Betonung der dargelegten Prinzipien, bei ernster Wahrung der rituellen Verbote, zuletzt immer doch praktisch den Schaden derselben verhütet, deren Beschwernisse durchaus erleichtert. Jsserlein erscheint da von der Erwägung geleitet, daß ein rechtschaffenes Jsraelitenkind, welches in religiöser Gewissensangst, vom großen Schaden bedroht, die Gelehrsamkeit zu Hilfe ruft, nicht endgiltig niedergeschlagen znrückgesandt werden dürfe. In dieser Beziehung geht mir ein Erlebnis aus der Jugendzeit nicht aus dem Sinne. Die fromme Köchin eines reichen Hauses hatte auf dem Salztische ein Hühnchen mit gebrochenem Beine bemerkt und lief flugs damit zum Talmudknndigen des Ortes. Auf diesem Salztische befanden sich aber außer dem Hühnchen noch drei Enten, zwei Gänse, ein Truthahn und einige Pfund Rindfleisch. Der Talmudkundige erklärte ohneweiters alles für ungenießbar. Vergebens eilte ich dann aus Wunsch der Hausfrau mit meinen bescheidenen, damals noch nicht autorisierten Kenntnissen zu ihm, um ihn auf die zehnfach hier in Betracht kommenden Zweifel aufmerksam zu machen, er erwies sich allen unzugänglich, und wir Gäste bekamen alle an den Feiertagen statt der fetten nur magere Bissen zu kosten. Heute weiß ich freilich ganz genau, daß keine noch so zelotische Talmudkoryphäe sich so unzulänglich in Verhütung solchen Schadens erwiesen hätte. Im koreh Deah ist auch für den Verständigen von kleinlichem Mückenseihen, von bornierter Befangenheit keine Rede. Die diesbezüglichen Forschungsgebiete, waren zur Zeit der Dalacha-Entwicklung noch von undurchdringlicher wissenschaftlicher Finsternis umhüllt. Da hat es den redlichen Schweiß der Edelsten gekostet, ohne Beihilfe chemischer und biologischer Kenntnisse dem religiösen, nationalen, sozialen und seelischen Bedürfnisse des israelitischen Stammes entsprechen zu können. Nehmen wir nur das Kapitel von den Vermischungen (Theruwoth) in Betracht. Hätten die alten Gesetzesforscher unter dem Lichte der modernen Chemie und hinsichtlich kerexhoth im Lichte der heutigen Physiologie und pathologischen Anatomie wandeln können, dann hätten sie das mühselige Umhertasten und Grübeln freilich nicht nötig gehabt, um die Grenzpfähle der Normen mit Sicherheit bestimmen zu können. Der Schulchan Arach Joreh Deah. ist in der Tat eine im Finstern nach dem bloßen Tastgesühl angerichtete Tafel. Heute, da das Licht hinzukam, zeigt sich die Geschicklichkeit und treue Widmung jener Anordner. Daß jedoch bei einfallendem Lichte mancherlei Umstellungen, Lichtungen und Ergänzungen angezeigt sind, bestätigt schon der Talmud betreffs der Lungenrosette, bekundet Maimonides betreffs des oberen Kehlkopfdeckels, tritt in der Praxis betreffs der zerrenden Lungenverwachsungen und in unserem Leket joscher betreffs der Frage hervor, ob das milchgebende Muttertier eine verläßliche Gewähr hinsichtlich der Erstgeburts-Verpflichtung bietet. Immerhin werden jene großartigen Kapitel mit allen ihren minutiösen, haarspalterischen Untersuchungen einen religiös-erhebenden, national-stolzen und bei fortschreitender Erkenntnis einen nur umso mächtigeren Eindruck machen. Diese sind ja geradezu vorbildlich den heutigen so minutiösen und mikroskopischen naturwissenschaftlichen Untersuchungen vorangegangen. Da wird auch die von so vielen belächelte Erörterung des kieket joscher nicht auszuschließen sein, ob der infizierte Löffel, der zweimal in dieselbe Speise getaucht wurde, auch zweimal oder doch nur einmal sechzigfach von dieser Speise überboten zu werden hat. Eines geht aber bedeutungsvoll aus all den 1500jährigen talmudischen Diskussionen als für die Halacha wichtigstes Moment hervor: daß sie alle vornehmlich dahin zielen, den Druck der Normen ohne deren Erschütterung zu heben und zu erleichtern. Einerseits gilt da wohl der Grundsatz: wer sich an das Strengere und Erschwerende hält, sei des Gottessegens gewärtig; anderseits wieder: das kühne Erlauben ist besser, als das ängstliche Verbieten. In Lösung dieses Widerspruches meint nun Jsserlein: Die Normen seien strengstens einzuhalten, doch verdienstvoll sei es, dieselben durch nie versagende Auswege derart auseinander zu rücken, daß überall zwischen denselben Raum für freie Lebensbewegung bleibe. Nach dieser Seite scheint Jsserlein schon in seiner Zeit erkannt und anerkannt gewesen zu sein. Vom höchsten Interesse ist auch das in seiner großen halachischen Bedeutung noch keineswegs gehörig gewürdigte subjektive Moment unserer Speisegesetze. Die Lunge eines gefallenen Tieres ist unerkennbar mit zehn andern unbeanständeten Lungen vermischt. Jsserlein erlaubt sie alle, auch jede einzelne für sich! zu essen, und nur ganz Überflüssigerwelse, wie er selbst erklärt,! läßt er eine beliebige derselben ausscheiden, damit eben das! subjektive Bewußtsein vor der positiven Gewißheit bewahrt! bleibe, daß man sich am Fleische eines gefallenen Tieres satt- > gegessen habe. Es ist ja auch Tatsache, daß im Talmud mit > besonderem Nachdruck hervorgehoben wird, daß die wesentlichsten! Speisegesetze während der ganzen siebenjährigen Eroberungs-! kriege zur Besitzergreifung Palästinas außer Kraft gesetzt waren. ' Daraus erhellt der unbezweffelbare Grundsatz, daß es hinsicht- , lich der Speisegesetze nicht so sehr auf objektive und reale Korrektheit als auf subjektive und formale Wahrung ankommt. > Dem gegenüber werden sich selbst die besten Eiferer, ja die skrupulösesten Behüter des Speisegesetzes ernstlich die Frage vorzulegen haben, ob nicht sie gerade mehr als der religiöse j Jndifferentismus den Nimbus des für das religiöse und natio- \ nale Judentum so wichtigen Laschrath der jüdischen Familien-! Häuser durch ihre überspannte Enthaltsamkeit schädigen. Vom! seligen Dr. Jellinek hörte ich einmal in seiner gelehrten Tafel-! runde, die er gewöhnlich an Sabbathen nach dem Mussaphj gottesdienste in seinem Hause abhielt, die beherzigenswerte i Aeußerung: „Früher wurden hervorragende Rabbiner nach ihrem | Können und Wissen gerühmt, wie großartig sie ein Blatt Gemara! lernen, wie herrlich sie predigen, wie bewunderungswürdig sie in religiösen Fragen entscheiden, wie heilig ihr Lebenswandel, ihre Gefühle, wie vielseitig ihre Kenntnisse seien, wie erlösend, helfend, rettend ihre Amtstätigkeit wirke. Wenn ich mich jedoch heute nach der Größe so mancher Männer erkundige, deren Name in die Welt hinein tönt, so höre ich nichts weiter, als daß sie da oder dort keine Speise berühren." Ich meinerseits muß gestehen, daß auch ich lange Zeit höchst geizig nach solchem Ruhme war und erst spät zur Ueberlegung gelangte, wie sehr dabei die heilige Sache selbst geschädigt wird. Man halte sich nur stets in geläuterter Erkenntnis an das Wesen der Sache, um die es sich handelt, und man wird finden, wie viel heilsamer das aufmunternde freundliche als das abstoßende schroffe Verhalten für das Gesamtjudentum ist, welches uns ja allem voran am Herzen liegen muß. Mit Unrecht wird auch der Posten als ein bereits verlorener bezeichnet, indem behauptet wird, daß unser religiösnationales Speisegesetz, außer Uebung gekommen sei und nur noch von Ausnahmsmenschen gehalten werde. Die Einzelpersonen außerhalb der Familien, auf der Reise, in den Restaurants,