Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Die Wahrheit ieite 7. stinas zu finden, von wo aus immerhin eines Tages, wenn es die Verhältnisse zulassen, das von den Zionisten ersehnte Ziel erreicht werden kann. Dr. Nathan-Berlin erklärt, die Judenfrage sei keine Geldfrage, da keine noch so hohe Summe Geldes im Stande ist sie zu lösen. Da sie aber nichts mehr ist als ein Teil der allgemeinen menschlichen Frage, so müssen wir etwas Geduld haben und das Zeitalter abwarten, wo der Mensch nicht mehr dem Menschen ein Wolf sein wird. Ausländische Juden dürfen sich keinesfalls in die russischen Angelegenheiten einmischen, da sie damit den russischen Juden nur schaden werden. Was wir tun können, ist einzig und allein Philanthropie, zu welchem Zwecke sich alle Juden ohne Unterschied der Parteifarbe vereinigen können. Es sprechen noch die Herren Professor Warburg- Berlin, der die Ansichten Dr. Nathans unterstützt, Dr. Alexander Marmorek, der, obwohl er sich über das Zusammenarbeiten der zionistischen Organisationen Deutschlands und Englands freut, die Anschauungen Dr. Nathans jedoch aufs schärfste bekämpfen muß; Dr. Franz Oppenheimer, der zu praktischer Arbeit auffordert und Dr. Klee, der den Zionistischen Vereinen überall Jnformationsbureaus für die Emigration zu errichten vorschlägt. Er legt auch eine Resolution Berliner Zionisten vor, die großen Unwillen hervorruft und die dahin geht, das junge Geschlecht, namentlich Kinder, aus Rußland zu entfernen, damit der dortige Nachwuchs der jüdischen Bevölkerung, den nicht einmal die Emigration abzuschwächen vermochte, endlich gelähmt werde. Dr. I a s s i n o w s k y - Warschau spricht über die I t o. Dr. Friedeberg aus London diskutiert mit Dr. Nathan. Die Vertreter der Anglo-Jewish-Assoziation erklären den Grund, warum die Jca und die Alliance abwesend seien. Sie fürchteten, man würde über zionistische Angelegenheiten verhandeln. Sie schlagen zugleich vor, auf Rußland zu drängen, daß es den Juden gleiche Rechte gewähre. Mr. Belisch aus Manschester schlägt vor, eine Kommission zu wählen, die alle Juden vertreten und untersuchen soll, wohin unsere Massen am besten gehen könnten. — M a s s i n s o h n macht den Juden ihre Einmischung in die Angelegenheiten Fremde,' zum Vorwurfe und schildert das Verhalten des organisierten Proletariats den Juden gegenüber. — Dr. Hildesheimer- Berlin nimmt die Philanthropie in Schutz, obwohl er gesteht, daß sie dem gegenwärtigen Elend rat- und hilflos gegenübersteht. — Dr. Bodenheimer spricht zu Gunsten der Selbstverteidigung und des Vorschlages Mr. Belischas. —«■ Dr. Werner ans Wien spricht für die Notwendigkeit der physischen Entwickelung der Juden. — Ussischkin - Jekaterinoslaw meint, daß die Russen sich nur lustig machen werden über den Antrag der englischen Delegierten. Nach dnrchgesührter Diskussion werden folgende Resolutionen gefaßt: 1. „In Anbetracht, daß die ungeheure Notlage der Juden in Rußland die Zusammenarbeit aller jüdischen Korporationen erfordert, in Anbetracht, daß diese Notlage ein Problem darstellt, das alle Juden der Welt angeht, beschließt die Versammlung der verschiedenen in Brüssel auf Initiative des zionistischen Aktionskomitees versammelten Organisationen, sofort an der Errichtung einer Vereinigung aller jüdischen Korporationen heranzutreten. Zu diesem Zwecke wird ein vorläufiges, aus den Herren Greenb e r g und S p i e l m a n (beide aus London) bestehendes Komitee ernannt. 2. Es wird von den versammelten Delegierten der Wunsch ausgedrückt, daß die verschiedenen Organisationen sich an der Bildung einer Kommission beteiligen, die die verschiedenen Länder, insbesondere den Orient in bezug auf Emigration s m ö gl i ch k e i t e n für die russischen Juden studieren soll. Diese Kommission, für die die Mittel von den beteiligten Organisationen aufzubringen sind, soll auch berechtigt sein, vorbereitende Maßregeln in Angriff zu nehmen. 3. Die Konferenz hat die Erklärung der jüdischen Hilfsorganisationen zur Kenntnis genommen, wonach eine Emigration Mitte lloser gegenwärtig von ihnen nicht gefördert werden kann, weil erstens die erforderlichen namhaften Mittel fehlen, zweitens weil zurzeit für diese Kategorien von Auswanderern Emigrationsländer nicht zu Gebote stehen. Die Konferenz erachtet es für nötig, daß diese Erklärung zur Kenntnis der r u s s i s ch e n Behörden gebracht werde. Der Joreh Deah. Bon Dr. M 8. Stern.*) Der kenntnisreiche Herausgeber, Rabbiner Dr. Jakob Freimann aus Holleschau in Mähren, hat nunmehr seinem I. Teile Orach Chaim Leket joscher den II. Teil Joreh Deah folgen lassen. Mehr als 400 Jahre hatte das Manuskript des R. Josef b. Mofes, des treu lauschenden Schülers des R. Israel Jsserlein in Wiener-Neustadt, auf seine nunmehr erfolgte Auferstehung zu warten. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde es von hervorragenden jüdischen Gelehrten— Steinschneider, Berliner, Güdemann und Brann — zur historischen Ausbeute aus den papiernen Gräbern herangezogen. Dr. Freimann verleiht ihnen laut tönende Sprache durch meisterhafte Interpretation, durch erschöpfenden Quellennachweis und durch biographische Skizzen über alle Männer, die in dem Buche genannt werden und die in dem Zeitalter, aus welchem es entstand, führend waren. Das Gebiet, welches dieser zweite Teil umfassen sollte, ist weit umfangreicher und schwieriger, als das des ersten Teiles. Nach dem Titel Joreh Deah sollte das Buch das ganze jüdische Speisegesetz, den jüdischen Verkehr mit den anders religiösen Völkern, die religiösen und moralischen Familienpstichten. die eheliche Keuschheit mit ihren Ritualien, die Behandlung der religiösen Schriftwerke, die Gelöbnisse und Gelübde, die Schwüre und die Wortheiligkeit, das Lernen und Lehren, die Krankenpstege, die Familientrauer, die Bestattungs-, Reinigungs- und Tröstungsfeierlichkeiten umfassen. Ein großer Schatz chemischer, biologischer, physiologischer, psychologischer und sozialer Beobachtungen und Erfahrungen gehört zum verständigen Erfassen dieser Normen. Daß diese Erfahrungen und Beobachtungen zu jener Zeit noch nicht wissenschaftlich systematisiert waren, machte dieses Forschungsgebiet nur umso schwieriger und verworrener. Der große Ruhm, welcher den gründlichen Beherrschern dieses Forschungsgebietes zuteil wurde, war keinesfalls unverdient. So ins Volle greift auch der U. Teil, Joreh Deah Leket joscher, in der Tat nicht. Wir können diesen zweiten Teil keineswegs wie den ersten eine eigene Art Schulchan Arueh nennen. R Josef b. Moses wollte ja nicht so sehr die Lehre Jsserleins als vielmehr den Lehrer Jsserlein zur Darstellung bringen, den er in seiner Art und Weise, in seinem Fühlen und Handeln, ja in seinem Getue und Haben ins Licht stellen wollte, die Seele, aus der das Licht des Gesetzes in jenem Zeitalter leuchtete. Diese Tendenz erschöpfte den Orach Ghaim allerdings mehr als den Joreh Deah. Der Orach Chaim, der das Ausströmen der innern Gottesverehrung und Weltverherrlichung durch Gebete, Lobgesänge, Tages-, Wochen-, Mondes- und Jahresfeierlichkeiten anordnet, spiegelt sich in der Tat nahezu ganz und völlig in der Lebensschilderung eines observanzfrommen jüdischen Gelehrten. Für solch frommen Israeliten gilt keineswegs das bekannte christliche Wort: „Unrein ist, was aus dem Munde herauskommt." Da ist vielmehr jedes Wort geheiligt, jede Handlung geläutert, jede Bewegung gemessen, jede Lnst rein, jeder Gesang an das Himmelsgewölbe anschlagend. jede Träne Himmelstau, *) Zur Besprechung des vom Rabbiner Dr. Jakob F r e i m a n n herausgegebenen Leket joscher, II. Teil. (Leket joscher, II. Teil, Joreh i>eah, herausgegeben vom Vereine Hekize Nerdamim, durch Rabbiner Dr. Jakob Freimann nach dem Manuskripte. München, cod. 256.)