Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 6. korb und Paß überall in Rußland herumlaufen; Juden dürfen es nicht, selbst mit Paß und Maulkorb), durch einen Haß, der daher zu jeder gelegenen und ungelegenen Stunde ausbrechen konnte und noch ferner ausbrechen kann. Was sich — ich will in der Sprache Darwins und Häckels reden — philogenetisch durch lange Zeitläufte allmälig abgespielt hat, hat sich in den Oktobertagen ontogenetisch wiederholt mit anderen Worten: Die Oktobertage waren bloß eine kurze Wiederholung ein auf drei Tage und drei Nächte zusammengedrängtes Extrakt desselben Vernichtungsprozesses, der allmälig von Geschlecht zu Geschlecht an den Juden verübt worden ist." Dr. Mandelstamm schildert hierauf die allgemeine Lage in Rußland, den Kampf der Parteien unter einander und fährt dann fort: „Aber auch nach außen hin ist das Bild recht düster. Im Verlause der letzten 25 Jahre, seit den Judenhetzen von 1881 emigrierten aus Rußland gegen IV2 Millionen. Die Zahl der Emigranten erreichte in den letzten Jahren fast den Nachwuchs. Wohin aber auch die Juden in größeren Scharen ziehen mögen, überall tragen sie in ihrem Rucksack die Judenfrage, d. h. den Antisemitismus mit sich; je größer die Emigrantenzahl in irgend einem Lande wird, desto drohender wird die Judenfrage daselbst. Die Tore Amerikas beginnen allmälig sich zu schließen; England fürchtet die jüdischen paupers und erläßt die Alienbill. Es überfällt einen ein wahrer Schauer, wenn man die Berichte über die Drangsale und Quälereien liest, denen die Auswanderer schon an der preußischen Grenze unterworfen sind, die sich in Hamburg, Bremen und anderen Hafenstädten noch steigern. Die schimpfliche Untersuchung, der sie sich unterziehen müssen, gleicht der Untersuchung von Verpesteten. Sehr häufig geschieht es, daß die Elenden zweimal die Reise von Hamburg nach New-Iork und von New-Iork nach Hamburg zurücklegen, um zuguterletzt wieder nach Rußland zurück verschlagen zu werden. Ein Teil der Emigranten geht unter Krankheit und Entbehrung jeglicher Art zu Grunde; aber selbst diejenigen, die in England oder Amerika Boden fassen, führen ein jämmerliches Leben. Die verzweifelte Lage eines 5—6 Millionen zählenden Volkes, welches nicht sterben will und nicht leben kann — eine Lage, die nicht erst durch die Oktobertage oder durch die jetzigen Wirren in Rußland geschaffen wurde, sondern in der letztem Zeit bloß akutere Formen angenommen — hat ja seit undenkbarer Zeit dem Zionismus den Boden gedüngt, die Lage der Juden in Rumänien und Galizien hat ihn befruchtet, der Antisemitismus in anderen Ländern hat ihn zur Reife gebracht. Es ist ein Irrtum, zu glauben, Herzl habe den Zionismus geschaffen; das Umgekehrte ist der Fall: Herzl, dieser große Mann mit goldenem Herzen und eisernem Willen, hat ihm bloß eine konkrete Gestalt verliehen." Redner fkzziert in knappen Umrissen die organisatorische Tätigkeit Herzls und seine Bemühungen zur Erlangung eines Territoriums, zuerst Palästina, dann die Kombination El-Arisch, schließlich das Ugandaprojekt, das vom letzten Kongreß abgelehnt wurde. „Dabei aber blieb's nicht stehen; die Minderheit des Kongresses legte nicht die Hände in den Schoß, sondern suchte die Beziehungen, die Herzl mit England angeknüpft hatte, fortzuspinnen und die Verhandlungen fortzusetzen. Z a n g w i l l übernahm die Führung dieser Gruppe politischer Zionisten, die sich eine territorialistische nennt und sich zum Zweck gesetzt hat, von England ein Territorium zu erlangen, das für eine jüdische Ansiedlung günstig sei. Die territorialistische Bewegung ist keine phantastische, sondern eine äußerst reelle, praktische. Die Judennot ist zur brennenden Frage geworden, nicht nur für die östlichen Juden selbst, sondern auch für ihre westlichen Glaubensgenossen, denen die fluchtartige Emigration russischer Juden äußerst lästig, ja unerträglich werden könnte. Wir müssen nun diesen Moment der allgemeinen Stimmung innerhalb des gesamten Judentum ausnützen, um die Emigration in richtige Bahnen in ein gesundes Flußbett zu lenken. „Wir müssen ein Vaterland suchen." Das aber kann einzig und allein geschehen, wenn ein Territorium geschaffen werden sollte, welches zur autonomen Ansiedlung geeignet wäre, wo die Juden Werte schaffen undsich Achtung verschaffen, d. h. den Befähigungsnachweis für ein gesundes Kolonisieren oblegen können. Die unglücklichen Menschen, welche jetzt, ohne sich umzuschauen, dahingehen, wo sie den geringsten Widerstand finden, könnten sich mit der Zeit ein Home, ein Ir miklot schaffen, auf welches auch diejenigen Hinschauen würden, welche in ihren jetzigen Vaterländern bleiben. Es handelt sich hier nicht etwa um eine Versetzung von Bergen, um das Hinüberführen Hunderttausender von Menschen aus einmal in ein neues Land, sondern um eine langsame, vernünftige Pionierarbeit mit geeignetem Menschenmaterial auf günstigem Boden, um eine Arbeit, wie sie sich un Verlaufe von 60 Jahren in Neu-Seeland vollzogen hat, woselbst vor etwa 50 Jahren die Ureinwohner noch Menschenfleisch, ihre Feinde, mit Wonne verspeisten und wo jetzt gegen eine Million Menschen sich die allerhöchste politische und soziale Freiheit erkämpft hat, ebenfalls unter dem Protektorate Englands, dermaßen, daß dieselben Menschenfresser, die Maori, samt Frauen an den Parlamentsverhandlungen teilnehmen und Stimmberechtigung genießen. Eine solche Kolonisation wird mit jedem Jahre um so leichter ausführbar werden müssen, als auf allen Gebieten der Technik, des Verkehrs riesige Fortschritte gemacht werden, und sie wäre für uns um so leichter, als den vielfachen jüdischphilantropischen Vereinen kolossale Geldmittel zur Verfügung stehen. Hat ja Baron Hirsch sein enormes Vermögen der J.C.A. ausschließlich zu Kolonisationszwecken vermacht! Der Versuch wäre allerdings kühn, aber durchaus nicht gewagt; denn zu verlieren haben wir Juden des Ostens absolut nichts. Diese elenden, geknechteten Menschen, diese Ghettojuden, welche eine so erstaunliche Zähigkeit besitzen, kulturell so sehr beanlagt sind, könnten bei richtiger Anfassung des Problems, bei einer peinlich gewissenhaften Auswahl der ersten Kerntruppen mit der Zeit der Welt das erstaunliche Bild darbieten, was ein Volk leisten kann, welches sich selber hilft und nicht von dem Gnadenbrot und den Speiseresten seiner Wirtsvölker abhängt. Was heute Utopie ist — das könnte morgen tastbare Wirklichkeit werden. Sollte aber dieser Versuch, dieser letzte, mißlingen — ein Versuch, der nicht mehr kosten würde, als der Versuch, die zerstörten Existenzen in Rußland heute durch Hilfsaktionen wieder aufzurichten, damit sie morgen aufs neue zerstört werden — dann, ja dann wäre die Judenfrage in ihrer Art gelöst, wir würden dann sagen müssen: fink Judaeae; wir würden dann zur Missionstheorie unserer Rabbiner zurückkehren müssen, die da behaupten, daß wir bestimmt seien, in der Welt unstät und flüchtig herumzuwandern, die Kolporteure ethischer Begriffe zu sein, damit sie andere ausnützen, der Dünger, auf welchem der Freiheitsbaum für alle grünt, nur für die Juden selber nicht. Ich hoffe aber, daß letzteres nicht eintreffen, daß unser gequältes, unglückliches Volk endlich eine Heimstätte finden wird." (Lebhafter, langanhaltender Beifall). Hierauf referierte Herr Dr. Alfred N 0 s s i g an der Hand eines im Aufträge des zionistischen Aktionskomitees vom „Verband für Statistik der Juden" herausgegebenen, der Konferenz unterbreiteten vortrefflichen Druckwerkes „Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland" über „Die russische Judenfrage im Lichte der Statistik". Eindruckerweckend war die Rede Mo tzkins-Kiew, der als Mitglied des vom zionistischen Aktionskomitee eingesetzten Ausschusses die überfallenen Orte besucht hat. Er richtet einen flammenden Appell an die Judenschaft der Welt. Die begangenen Grausamkeiten seien schlimmer noch, als bekannt geworden, selbst wo die Zahl der Getöteten niedrig sei. Interessant ist es, daß Motzkin einen eigentlichen Haß der Bauern gegen die Juden nicht konstatieren kann. Die Bauern betrachten, in ihrem Verlangen nach Landbesitz, den Juden nicht als Konkurrenten und sind ihm daher nicht feindlich gesinnt. Hierin liege ein Moment, das für die spätere Entwicklung einen Hoffnungsschimmer biete. Motzkin, wie der nachfolgende Redner C 0 h a n - Kischenew, glauben die Einwanderungsländer in den Nachbarländern Palä-