Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. Die Wahrheit. dem Rate, sich zuerst abschlachten zu lassen, um alsdann! russischer Vollbürger zu werden.! Vielleicht ist es das letzte Mal im meinem Leben — mein j Alter gestattet mir nicht, nach dieser Richtung hin rosige Hoff-! nungen zu hegen — daß ich vor einer so illustren Versammlung j rede, die am geeignetsten wäre, das Problem, welches ich Ihnen i stellen will, dreist, zielbewußt und opferfreudig anzupacken. Deshalb halte ich es für meine Pflicht, so objektiv wie möglich die Dinge, die sich jetzt im großen Rußland und speziell im jüdischen Ghetto abspielen, zu schildern, und ihrem Ermessen wird es anheimgestellt bleiben, ob die Beweggründe, die ich zu meinem Versuch der Lösung der Judenfrage außerhalb Rußlands! anführe, überzeugend genug sind, damit das Problem in Angriff > genommen werde. Es ist aber nicht so leicht, das Bild, welches der Ghettosumpf bietet, in photographischer Treue wiederzugeben, weil es! bereits seit vielen Jahren so buntscheckig, so kaleidoskopisch ver- : worren ist, wie die Zustände in Rußland überhaupt. „Wie es! sich christelt, so jüdelt es sich." Vor allen Dingen sei nun eine Klasse russischer Juden hervorgehoben, welche die Ansicht der Westler teilen, daß die endgültige Lösung der Judenfrage in Rußland selbst geschehen müsse. Hierher sind diejenigen besser situierten und intelligenteren Kreise zu zählen, welche die Judenfrage als eine Teilfrage der allgemein-russischen auffassen. Sobald in Rußland geregelte, rechtliche, freiheitliche Zustände eintreten, meinen diese Herren, müsse auch den Juden die Freiheit erblühen. Die Juden müssen; die Leiden der russischen Freiheitskämpfer teilen, damit sie auch; ihre Freuden ernten. Die Juden müssen sich ihre Sporen er-! kämpfen und am russischen Freiheitstisch einen Ehrenplatz er- . obern. Die Einen schließen sich nun den liberalen, gemäßigten - russischen Parteien an, wirken durch Wort und Schrift, in! Meetings, Vereinen, Verbindungen jeglicher Art, in Gemeinschaft mit ihren russischen Gesinnungsgenossen; die Andern schließen sich den radikalsten, revolutionären Parteien an und suchen die Freiheit mit den Waffen in der Hand zu erkämpfen.! Und wenn auch die russische Regierung und das russische Volk i gewissenhaft dafür sorgen, daß der Glaube an eine Juden-! emanzipation nicht zu sehr Wurzel fasse, und zu diesem Zwecke j uns regelmäßig als „memento moriu Überraschungen jeglicher Art, Pogromchen und Pogrome bescheert, so verschlägt das recht wenig. Im Gegenteil: diese Glaubensseligen fassen die Judenkrawalle als letzte Zuckungen eines vertrackten Regimes, als letzte Anstrengung einer verpachten Bureaukratie auf, nm das Heft in Händen zu behalten, und stürzen sich mit um so größerem Eifer in den Strudel der Revolution. Nur die Regierung und nicht das Volk sei der Feind, heißt es, und es dürfte ein Leichtes sein, ersterer beizukommen. Die Stunde der Freiheit habe geschlagen; die Judenmassakres seien ein vorüberziehendes Gewitter, über das hinweg man zur Wahlurne schreiten, resp. die „Duma" boykottieren müsse. Eine zweite recht zahlreiche Gruppe russischer Juden sei erwähnt, welche seit Jahr und Tag die Aufmerksamkeit, nicht sowohl der Juden, als der russischen Regierung auf sich lenken : Im Lande des Elends und des Jammers, dem Ghettosumpfe l nämlich, ist ganz wider Erwarten eine Passionsblüte ent- - sprossen, ein bis dahin nie dagewesenesA Geschlecht junger! Makkabäer in Jakobinermützen, bekannt unter dem Namen; „Bund". Diese russisch-jüdischen Sozialdemokraten, die ganz! stramm, nach deutschem Muster organisiert sind, aus Fabrikj arbeitern und hauptsächlich aus kleinen Handwerkern sich rekru- : tieren, haben den Marxismus in Bausch und Bogen dem! Ghetto aufgepropft, ohne Rücksicht auf Zeit, Raum und alle! Lebensverhältnisse. In verba magistri schwörend, erwecken sie j durch ihr mathematisch abgezirkeltes Programm, welches keine Kritik und keinen Widerspruch duldet, den Neid eines jeden denkenden Menschen. Mit kühnem Mute, weder Gefängnis, noch Sibirien, noch den Galgen fürchtend, wollen sie in dem autokratischen Rußland, und gar im verelendigten Ghetto, mit Bomben und Revolvern in der Hand, eine solche soziale Ordnung einführen, welche den Sozialdemokraten der kulturellsten Ländern Europas mit Hilft aller ihnen zu Gebote stehenden Kulturmittel bis nun nicht gelungen ist Eine zahlreiche, bis nahe an die Hunderttausende gehende Gruppe von Ghettojuden gibts ferner, welche politisch ganz indifferent, den nächsten Augenblick ins Auge fassend, dem unerträglichen Druck des Elends, des Hungers, des Ausgeraubtwerdens weichend, aus dem Lande fliehen, nach allen Richtungen der Windrose sich zerstreuen und ihr Heil in der Fremde suchen, ohne es zum größten Teil zu sinden; arme, unglückliche Menschen, welche instinktiv fühlen, daß sie von ihrem „teuren Vaterlande" selbst in weiter Ferne nichts zu erhoffen und daß sie anderswo nichts zu verlieren haben. Diese Emigration von Desparados, oder richtiger diese Flucht ist durch nichts einzudämmen, weil sie naturgemäß, kraft dem Gesetze des geringsten Widerstandes, sich ein Flußbett graben m u ß. Aus diesem Gewimmel von kämpfenden und fliehenden Juden, von Glaubensseligen, Assimilanten, Polen und Russen mosaischer Konfession, von Sozial-Revolutionären und Sozialdemokraten, von Leuten, die eine Gleichberechtigung erträumen und gar eine nationale Autonomie erkämpfen wollen — ragt gleich „dem ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht" eine zahlreiche, so vielfach verlästerte Gruppe russischer Juden hervor, die man „Zionisten" und in ihrer neuen En tw icklnng sphase „Territorialisten' nennt, und die bereits so viele Anhänger in den Ländern der ganzen Welt zählt; Leute, die sich weder durch das Wiegenlied, das Eijapopeia zukünftiger Gleichberechtigung oder kosmopolitischer Träumereien, noch durch die Hoffnung auf Lohn für das um den russischen Feeiheitskampf vergossene Blut einlullen lassen. Diese Zionisten, welche auch jetzt für den russischen Freiheitskampf ihren Mann stellen und während der Oktobertage sich nicht etwa feige verkrochen, sondern ihre besten Jünglinge zur Selbstwehr Hingaben, die zu Dutzenden unter den Flinteukugeln und Bajonettstichen der Soldateska und den Keulenschlägen der schwarzen Bande gefallen sind, sind nichtsdestoweniger tief davon überzeugt, daß, wenn die Judenfrage einer menschenwürdigen Lösung überhaupt entgegengeführt werden könne, dies nur dadurch erreicht werden müsse, daß ein freies Territorium geschaffen werde, auf welchem sie sich frei ausleben und ihren Volksgenius entfalten könnten. Sie hegen die tiefe Ueberzeugung, daß das jüdische Volk, ebenso wie die andern Kulturvölker, seineKulturmission, aber nur auf nationaler Basis erfüllen könne. Wir haben es satt, wo es auch sein mag, namentlich aber in Rußland, die Rolle von Versuchskaninchen zu spielen, an welchen, nach der Seltenheit oder Häufigkeit ihrer Todeszuckungen, der Grad des kulturellen und ethischen Fortschritts des russischen Volkes zu bemessen sei. Genug! Genug, des unschuldig vergossenen jüdischen Blutes! Mögen die christlichen Völker Europas die dankbare Mission übernehmen, den großen russischen Augiasstall von dem Miste zu säubern, der sich durch die Jahrhunderte daselbst angehäuft hat — wir sind keine Herkulesse! Oder mögen diese Mission diejenigen russischen Juden übernehmen, welche sich eins mir dem russischen Volke fühlen und nur in der rnssischeu Regierung, nicht im Volke selbst den gemeinschaftlichen Feind erblicken, sich daher mit dem Wisch Papier begnügen werden, welches man „russische Konstitution" nennen wird und die im besten Falle der rumänischen, wie ein Ei dem andern, ebenbürtig zur Seite stehen wird. Noch nie. glaube ich, hat der Zionismus im weiteren Sinne eine solche Existenzberechtigung erlangt, wie grade jetzt, allerdings für diejenigen bloß, die zwar Augen und Ohren hatten, aber nicht hören und sehen wollten. Denn für uns Zionisten waren ja die Pogrome keine Ueberraschung, keine vulkanische Eruption; wir wußten vielmehr, daß das über uns Verhängte kommen, das Gefürchtete nahen mußte. Diese Judenkrawalle sind die natürliche Folge eines Judenhasses, der feit Jahrhunderten gezüchtet, durch eine Rechtlosigkeit sondergleichen genährt, durch eine Rechtlosigkeit, welche in Bezug auf das Wohnrecht selbst die eines Hundes übertrifft (Hunde nämlich dürfen ohne Maul-