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Die Wahrheit · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 6. Der Reformer (eleganter Herr, nach der neuesten i Mode gekleidet, sammelt gerne für hungrige Kinder ohne Unter-! schied der Konfession): ..Meine Herren! Wir sind hier zuj sammengekommen, um über die neue Wahlreform zu diskutieren. (Der Sozialdemokrat ruft: „Das missen mer eh!") Das Judenmm ist keine Nation, sondern ein Bekenntnis, eine Konfession." (Der Orthodoxe nickt, der Sozialdemokrat lacht unbändig, der Nationalist und der Zionist machen wütende Zurufe). Der Reformer (etwas ängstlich): „Wir sind leider eine Minorität, darum müssen wir Frieden halten mit den Majoritäten. Ich lasse mir mein Deutschtum nicht nehmen. (Brausender Lärm). Wir haben darauf zu sehen, daß das Judentum in schönen Formen auftrete. Rabbiner und Kantoren mögen sich dies vor Augen halten. Der Gottesdienst muß schön sein. Es muß schön gesungen und sehr schön geredet werden. Beerdigungen und Trauungen müssen schön sein, das ist die Hauptsache, damit unsere Mitbürger anderer Konfessionen vor uns Respekt bekommen. Ich bin für vollständige Reform des Judentums, namentlich in Bezug auf gottesdienstliche Fragen. Schöne Formen, das ist die Hauptsache, denn wir glauben ja alle nichts. Wahren wir wenigstens die Aesthetik. Ich wähle mit den Deutschen und wünsche, daß meine Tochter zu allen Bällen der andersgläubigen Mitbürger Zutritt finde. Mein Sohn (Zuruf der Nationalisten: Hat er sich noch nicht taufen lassen?)... Der Reformer: „Vorläufig noch nicht. Mein Sohn ist Mitglied eines deutschen Corps." (Lebhafte Schlußrufe.) Der Nationalist (etwas defekt in der Kleidung, sehr mager, schwarzer Bart, sehr fanatisch): „Meine Herren! Nach dem blühenden Unsinn, den wir jetzt gehört haben (lebhafte Zustimmung von allen Seiten), ist es wohl an der Zeit, daß wir endlich einmal auch etwas Gescheites vernehmen. Merken Sie also auf. Mein Vorredner mit dem modernen Anzug, dem feisten Embonpoint und der dicken goldenen Uhrkette ist ein etwas rückständiger Mensch (der Reformer protestiert ziemlich elegant und parlamentarisch). Ich bitte Sie, der Mensch spricht heute von Konfession und sagt dabei: Wir alle glauben gar nichts. Haben Sie schon je solch' einen Unsinn und Widerspruch gehört? (Allgemeiner Ruf: Nein!) Ich sehe also, der Herr mit den vielen Brillantringen, der nach dem modernsten Parfüm riecht und einen wohlgeplätteten Zylinderhut sein eigen nennt, ist sür uns abgetan. Wir sind heute Gegenwartspolitiker, er aber lasse sich über soziale und politische Fragen von seinen mit Bäffchen geschmückten Rabbinern belehren. Glück auf den Weg! er mag sich auch auf die schönste Form begraben und trauen lassen. Wir Juden, sagt er, seien kein Volk! Nun denn, so bleibe er bei seinem Deutschtum und lasse sich in den Kultusvorstand und in die teutsche Gemeindevertretung wählen. Wir aber wollen eine jüdische Wahlkurie." (Der Sozialdemokrat ruft: Also Jargonschulen und das Ghetto!). Der Nationalist: „Genosse, Sie müssen nicht alles nachsageu, was der Daszynsky vor Ihnen gesprochen hat. Nochmals also, wir sind eine Nation, wollen jüdisch-national wählen, und zu diesem Behufe eine Resolution fassen, die lautet: „Die heute hier versammelten jüdischen Bürger von Jüdisch-Schilda erklären hiemit feierlich: Das Judentum ist eine Nation, sie tritt nun in die politische Bewegung unserer Zeit ein; wir geben unsere Stimme nur einem Jüdisch-Nationalen. Zion ist zwar sehr schön, aber uns sehr ferne, wir leben nicht in der Vergangenheit auch nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart. Es lebe die jüdische Nation!" Er hat sich niedergesetzt und nippt an einem Wasserglase. Der Reformer hat sich entfernt, leise und fast unbemerkt. Der Sozialdemokrat ruft: „Die Leute siud mit Trottulosis geschlagen, da ist nichts zu machen!" Der Demokrat und Zionist schreien laut auf einander los. Der Orthodoxe ist aus dem Schläfchen erwacht, in das er sanft gesunken war. . . Der Präsident schreitet zur Abstimmung. Diese ist nicht möglich. Die Leute schreien zu viel . . . auch hat sich der Saal schon mehr als zur Hälfte unter großem Lärm geleert. . . Das Getöse wird so groß und gewaltig, daß der Vorsitzende die Versammlung für geschlossen erklärt. Brausende Zurufe. . . Der Saal ist nun geleert, nur der Orthodoxe ist noch zurückgeblieben. Er sieht sich sehr verwundert um. . . Im Hintergründe des Saales erhebt sich eine majestätische Gestalt mit langem, wallendem Haare und glänzender Stirne. Der Orthodoxe: „Träume ich, bist du nicht unser Lehrer Moses, Ncrsobeb B-abbenu?' Moses: (Dens ex machina.) „Ja, der bin ich, aber sage mir, wer waren die hier Versammelten?" Der Orthodoxe: „Sie nennen sich Nationale, Demokraten, Zionisten. Reformer, Sozialdemokraten; ich aber bin ein Orthodoxer. Alle sind wir vom Stamme Israels, freilich etwas verschiedener Meinung." Moses: (mild lächelnd) „Das glaube ich selbst; aber sage mir, wo finde ich die Juden?" Der Orthodoxe stutzt und macht sich schnell hinweg. Moses ist, etwas zornig, zu den Höhen zurückgekehrt. Politicus. Die Brüsseler Konferenz. Der ..allgemein-jüdische Kongreß", der über Einladung des zionistischen Aktionskomitees am 29. Jänner zur Beratung der Lage der russischen Juden in Brüssel abgehalten wurde, muß, insoweit derselbe den Grundstein zur gemeinsamen Arbeit aller jüdischen Kräfte legen sollte, sicherlich als eine bedeutsame Erscheinung im jüdischen Leben gekennzeichnet werden. Wenn jedoch an denselben Hoffnungen geknüpft wurden, daß derselbe praktische Erfolge zeitigen werde, um die große russische Judennot von heute zu lindern und die drohende Gefahr von morgen abzuwenden, dann muß man sich trotz des würdigen und imposanten Verlaufes der Konferenz gestehen, daß die diesbezüglichen Erwartungen nicht erfüllt wurden. Alles nur Zukunftsmusik, für die Gegenwart aber keine befreiende Tat. Der größte Teil der Anwesenden rekrutierte sich aus zionistischen Kreisen. Von den großen nicht-zionistischen Organisationen waren nur der ..Hilfsverein der Deutschen Juden" und die Anglö Jewish- Association vertreten; alle anderen hatten die Beschickung abgelehnt, die „Israelitische Allianz" in Wien, weil das österreichische Gesetz die Teilnahme an derartigen internationalen Veranstaltungen politischen Charakters verbiete. Insgesamt hatten sich 72 Delegierte eingefunden. Der Präsident des zionistischen Aktonskomitees, Herr D. Wolfsohn -Köln begrüßte die Erschienenen, indem er den Zweck der Konferenz auseinandersetzte, der dahin gehe, eine Gesamtorganisation aller Juden anzubahnen und den unglücklichen russischen Brüdern Hilfe zu leisten. Nach Wahl des Bureaus erteilte der Vorsitzende Herrn Prof. Dr. Mandelstamm- Kiew das Wort zu seinem Referate über „Lage der Inden in Rußland". „Der Zweck meines Hierseins", so führte der Redner nach einigen einleitenden Worten aus, ist einzig und allein der. Sie zu einer Tat zu bewegen, welche nicht nur momentane Hilfe schaffen, sondern den Weg bahnen könnte, auf welchem die Judenfrage in Rußland, welche so ziemlich der Kern der Judenfrage überhaupt ist, einer radikalen Lösung, wenn auch, in einem langen, aber dennoch absehbaren Zeitraum, entgegengeführt werden könnte. Ich komme zu Ihnen mit dem Rüstzeug einer 40—50jährigen Beobachtung und Erfahrung, mit dem Einsatz meiner tiefinnersten Ueberzeugung und ganzen Persönlichkeit, um Ihnen nachzuweisen, daß der im Westen eingenistete Glauben, die Lösung der Judenfrage sei nur in Rußland selbst möglich, meiner Ueberzeugung nach reiner Aberglaube ist. Und wenn gar dieser Glaube zum unfehlbaren Dogma erhoben und zur einzigen Richtschnur splendider Hilfeleistungen gemacht wird, so könnten letztere vielleicht zum Danaergeschenk ausarten. Die harte Klausel: „Bleibe zu Hause und nähre Dich redlich", die den unglücklichen russischen Almosenempfängern zugerufen wird, ist, meiner Ansicht nach, gleichbedeutend mit

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