Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063322--04095-3070907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Wahrheit Redaktion u. Sldiuinisuation: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon 3k. der Druckerei 15302. JuJ'BraU* L» Hell, per Nonpareille-Zeile. Slbonnements- ». Inserlionsbeträiie sind in Wie» zahlbar und klagbar. nakhängige Heitschrift für Mische JntereAen. Erscheint jeden Kreitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!* I Verngspireis: ij Ganzjährig . . . ft. lp.—!; Halbjährig ... ft. 6 - \\ Für Cultusbeamte: n Ganzjährig . . ft 10 -;j Für *?inslaild: |j Ganzjährig . . . s Mark!! |l 6 Rubel oder lo Fcs. j! Ur. 6. - Wien, 9. Februar 1906. Inhalt: Wahlreform-Debatte. — Die Brüsseler Konferenz. — Der Joreh Deah. — Verschiedene Nachrichten. Mahtreform-Debatte.! Tragikomische Szene. | Personen der Handlung : Ein Demokrat, ein Sozialdemokrat, ein Nationaler, i ein Zionist, ein Reformer, ein Orthodoxer; Volk: Männer und Franen;! Moses als Deux ex machina. | Ort: Der „große Saal" des Einkehrwirtshauses „am Platz" in Jüdisch- Schilda. Zeit: Die unmittelbarste Gegenwart. Der Präsident der nicht allzu zahlreich besuchten Versammlung begrüßt die „hochverehrten Herren," teilt mit, daß sich der Herr Rabbiner habe entschuldigen lassen, da er! „leider" bei einer Trauung beschäftigt sei, der Herr Vorsteher j habe nicht kommen können, weil ihn ein „sehr dringendes, un-! aufschiebbares Geschäft" abhalte, er sei aber mit seinen Sympathien (viele lachen) bei der Versammlung anwesend; auch sonst, bemerkt der Vorsitzende, sehe man viele, die nicht da seien (heiteres Gemurmel über den etwas abgestandenen Witz), aber die hochverehrte Versammlung möge sich über die Abwesenheit so vieler ..Maßgebender" trösten und gütigst die einzelnen Redner mit Vermeidung allzulauter Beifalls- und Mißfallsbezeugungen anhören. Als Erster ergreift das Wort der Demokrat: (Millionär, hat es Gottlob nicht nötig). „Hochverehrte Versammlung! Endlich einmal sind Juden zusammengekommen, um über etwas anderes, als die gewöhnlichen Killahangelegenheiten zu beraten. Wir sind hier eine politische Versammlung. Danken wir es der großen Bewegung unserer Zeit, daß es dazu gekommen ist." (Die Versammlung wird etwas ungeduldig; Zwischenrufe nicht sehr angenehmer Art). Der Demokrat: „Ich bin schon bei der Sache, lassen Sie mich ausreden. Also wir sind alle Bürger eines Staates (der Sozialdemokrat lacht), alle gleichberechtigt (er lacht noch mehr) und daher, weil wir Juden Bürger eines Volkes sind, wollen wir nicht mehr den anderen Völkern dienen, wie Jakob dem' ... (er stockt ein wenig).. . Der Orthodoxe (ruft): „Laban hat der Mann geheißen." ... Der Demokrat: ..Also meinetwegen Laban; wir wollen gleichberechtigte Demokraten und Wähler sein, darauf müssen wir hinarbeiten. Schächtfragen, Rabbineranstellungen, Koscherfleisch, Begräbnisse und Trauungen mögen für andere Leute weltbewegende Fragen sein, für uns sind sie es nicht. Jeder jüdische Demokrat muß jetzt darauf sehen, daß wir bei den Wahlen nicht zu kurz kommen, wie der Dichter in dem Gedichte des Herrn von Goethe, welches heißt: „Die Teilung der Erde." Der Zionist (natürlich Student, Jurist im xten Jahrgang): „Mir scheint das Gedicht ist vom Herrn von Schiller; mir übrigens höchst gleichgiltig." (Gemurmel der Menge: „Uns auch.") — Der Demokrat hat sich etwas erschöpft niedergelassen. Er lächelt ziemlich selbstbefriedigt. Der Sozialdemokrat (in seinen Mußestunden Advokat und Journalist): „Mein sehr geehrter Vorredner, den zu kennen ich nicht die Ehre habe" (der Demokrat ruft dazwischen: „Die Ehre, Sie nicht zu kennen, ist ganz meinerseits" . . . man lacht . ..) „hat sich einen Demokraten genannt, wir kennen keine Demokraten, mir Sozialdemokraten. Religion ist Nebensache. (Schüchternes Murren des Reformers und Orthodoxen). Wir sind keine Bürger, wir sind Genossen. Judenelend kennen wir auch nicht (der Nationale und Zionist springen wütend auf), es gibt nur ein Menschenelend. Schließen Sie sich alle der internationalen Sozialdemokratie an, die wird die allen gemeinsamen Schmerzen heilen. Was kümmert uns, wie die Ochsen geschächtet werden, wenn nur das Ochsenfleisch gut ist. (Der Orthodoxe schüttelt sehr bedenklich sein Haupt.) Heute handelt es sich nicht um Beten und Koscherfleisch, sondern um die Wahlen. Es lebe das allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht. Wer aber von Ihnen nach Jerusalem gehen will, dem wünschen wir eine glückliche Reise; grüßen Sie von uns die Türken." Der Z i o n i st: „Meine Herren! Dieses Geschwefel ist nicht mehr anzuhören. Wenn man es aber doch hören muß, so sagt man sich: Wie notwendig haben wir Juden einen Staat, eine gesicherte Heimstätte. Und diese kann nur Palästina sein, dort werden wir regieren, wie w i r wollen werden. Lassen Sie sich nicht von den Demokraten, Sozialdemokraten u. s. w. fangen. Auch uns ist die Religion Privatsache, meinetwegen Nebensache, wir sind eine moderne Partei; zwar ist die hebräische Sprache uns nicht sehr geläufig, aber sie soll doch unsere Staatssprache werden. Und so rufe ich Ihnen ein fröhliches „Hedad" zu. Aschre Zion l" (Gemurmel des Beifalls, manche lachen, der Nationalist und der Sozialdemokrat sind aneinander geraten, der Reformer macht kein sehr gescheites, der Orthodoxe ein etwas betrübtes Gesicht). Große Pause. Der Reformer meldet sich zum Worte. Rufe: „Hört, hört!" Der Nationalist (ironisch): „Da wird man Weisheit hören!"