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Die Wahrheit · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 5. Derselbe schilderte die Not seiner unglücklichen Landsleute, denen zu helfen, die „Jca", beziehungsweise die Alliance israelite universelle und die Wiener Allianz wohl die beste Absicht hüben, doch geschieht dies „in plan- und sinnloser Weise", so daß dabei viele Tausende zum Fenster hinausgeworfen worden. So wie in England bereits eine Bill gegen die russische Massen-Einwanderung durchgesetzt wurde, so ist ähnliches Wohl demnächst von Seite Amerikas zu erwarten. Der einzige und richtige Ausweg aus dieser Sackgaffe ist die tätige Selbsthilfe. Es muß aus der Mitte der Betroffenen selbst ein energisches Komitee sich bilden, das mit den hilfsbereiten finanziellen Kreisen in direkte Verbindung tritt und ein geeignetes Territorium zur Auswanderung suchen muß, was wohl bei der Brüsseler Konferenz zur Sprache kommen dürfte. — n. Wie» Mittwoch, den 31. Jänner, ist hier der Rentier und frühere Großindustrielle Herr Emanuel Grünfeld nach längerem Leiden im.?6. Lebensjahre gestorben. Er war eine durch unermüdliches humanitäres Wirken ausgezeichnete und in der Gesellschaft sehr bekannte Persönlichkeit. Sein gastliches Haus war in frühern Jahren der Sammelpunkt für einen großen Kreis von Gelehrten, Schriftstellern und Künstlern. Das Hinscheiden dieses Mannes, dem seine edle Gattin schon vor drei Jahren im Tode voranging, wird nicht nur von den Familienmitgliedern, sondern auch von zahlreichen Armen und Notleidenden, denen das Ehepaar Grünfeld Stab und Stütze war, tief betrauert. Wie». Herr Josef Pick, Religionslehrer und Exhortant der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, hat sich mit Frl. Rosa Friedländer, Tochter des Schriftstellers Rabbiner Dr. M. H. Friedländer, verlobt. Budapest. Vergangene Woche hat die Kultussektion unter dem Präsidium des Kultuschefs Ludwig Adler Sitzung gehalten, in welcher mit Stimmeneinhelligkeit beschloffen wurde, den Kischinewer Oberkantor Israel Tkats. als alleinigen Kandidaten für die erledigte Oberkantorstelle dem Vornaude vorzuschlagen. Unter einem hat die Kultussektion verfügt, daß Tkats sofort sein Neues Amt anzutreten habe, was am Freitag Abend auch faknsch geschah. Tkats versah den Gottesdienst am Abende und am darauffolgenden Vormittag in geradezu phänomenaler Weise und riß die andächtig lauschende Beterschar, die sich einmütig für ihn erklärte, zu heller Begeisterung hm. Unter den Anwesenden befand sich auch der Ministerialrat und Direktor des königl. ungar. Patentamtes Dr. Ludwig B a l l a i. Jetzt wird der Vorstand den Oberkantor Israel Tkats, der im 34. Lebensjahre steht, dem Ausschüsse und der Repräsentanz zum Nachfolger des unvergeßlichen Oberkantors Jakob B a ch m a n n Vorschlägen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Generalversammlung diese Wahl freudigst gutheißen werde. (Wie uns nachträglich mitgeteilt wird, hat der Kultusvorstand bereits den Vorschlag der Kultuesektion bestätigt und in Folge deffen ist Oberkantor Tkats Sonntag nach Czernowitz gereist, um seine Familie nach Budapest zu bringen. Die Red.) Budapest. Unter dem Vorsitze des Präsidenten der „Jmit" Dr. Adolf Agai, hielt jüngst die Ungarische israel. literarische Gesellschaft im Prunksaale der isr. Religionsgemeinde einen Vorleseabend. Demselben wohnte ein erlesenes Publikum an, wobei das schöne Geschlecht besonders stark vertreten war. Wir bemerkten den Rabbiner Dr. Hevesi, Seminarprofessor Dr. Bacher, den Direktor der israelitischen Landes-Lehrerpräparandie Prof. Dr. Banezi, Dr. Emil Farkas, viele Schulmänner und Gelehrte u. a. Als erster hielt der Pester Rabbiner Dr. Julius Fischer eine 5/4 ständige Vorlesung unter dem Titel „Ein jüdischer Advokat". Mft oratorischem Schwünge und mit sonorer Stimme schilderte der gelehrte Kanzelredner das Leben eines bei uns bereits in Vergessenheit geratenen, um das moderne Judentum hochverdienten Mannes, des Hamburger Advokaten Gabriel Ri eher, welcher in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Deutschland lebte und sein ganzes Leben dem Kampfe um die Rechte und die Freiheit seiner Glaubensgenossen widmete. Rieß er bekleidete die hohe Stelle eines Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, trotzdem er unentwegt an seinem ererbten Glauben hing, von dem er nicht lassen wollte. Ein interessantes Moment im inhaltsreichen Leben Rießer's war unstreitig jene religiöse Auseinandersetzung, die er mit dem judenfeindlichen Kirchenrate Dr. Paulus hatte und aus welcher Rießer als überlegener Sieger hervorging. Ungeheueren Beifall, stürmische Eljenrufe und langandauerndes Händeklatschen lohnten den äußerst fesselnden Vortrag Dr. Fischers. Der Szolnoker Oberrabbiner Dr. Komel Heves trug hierauf sein. wirkungsvolles und fantasiereiches Gedicht ..Legende eines guten Nachbarn" vor und erntete damit reichen Beifall. Budapest. Das Komitee des „Adele B ro dy" Kinderfpitals hielt jüngst unter dem Vorsitze seines Präsidenten Leopold Keppich eine Sitzung. In seiner Eröffnungsrede gedächte der Vorsitzende in pietätsvoller Weise des Ablebens des Begründers des Spitals, des Magnatenhausmitgliedes Sigmund Brody. Die Gedenkrede wurde von den Anwesenden stehend angehört. Es wurde beschlossen, dem schmerzlichen Beileid des Komitees über den großen Verlust protokollarischen Ausdruck zu verleihen. Hierauf hielt der Kinderarzt und dirigierende Primarius Dr. Julius j Groß, welcher seit dem Bestände dieses Musterspitals dasselbe in ausgezeichneter Weise leitet, eine gedankenreiche und tiefgefühlte Gedenkrede. Nachdem die. Rede Dr. Groß, welche nachhaltige Wirkung erzielte, verklungen war, dankte das Komiteemilglied Arthur Szecsy, ein Schwager des verewigten Sigmund Brody, namens der Familie für die pietätsvolle Gedenkfeier, worauf die Sitzung ihr Ende erreichte, v. H. s. Berlin, 29. Jänner. Dem „Lokalanzeiger" wird telegraphiert: Gleich nach den ersten Zusammenstößen zwischen Aufständischen und Militär brachen in Hömel Judenkrawalle aus. Ueberall tauchten Huligans auf, welche die jüdischen Häuser und Magazine zu demolieren begannen. Bauern aus den umliegenden Dörfern zogen nach der Stadt, um an der Plünderung teilzunehmen und bei der Judenmetzelei mitzuhelfen. DieserPöbel st eckte die Stadt in Brand. Jetzt brennt Homel an allen Ecken. Die örtliche Feuerwehr ist ohnmächtig. Aus Mohilew wurden Hilfsmannschaften kommandiert. Der Vizegouverneur ist mit Kosaken nach Homel unterwegs. Die Verluste beziffern sich auf Millionen. Ein „Tageblatt"-Telegramm meldet: Homel steht in Flammen. Die allgemeine Verwirrung wird benützt, um die jüdischen Laden zu plündern. Auf der Rnmjanzowstraße brannten 10 Häuser und 24 Laden nieder, 17 Laden wurden ausgeplündert; in der Kaufstraße wurden 68 große und 41 kleine Laden, in der Bazarstraße 7 Häuser und 28 Laden niedergebrannt; in der Apothekerstraße wurde die Wohnung des Doktor Salkind geplündert. Militär ist zum Schutze der jüdischen Bevölkerung eingetroffen. Der Brand dauert fort. Der Materialschaden ist bedeutend. Kiew, 30. Jänner. In W a s s i l k o w, unweit von Kiew, sind Judenkrawalle ausgebrochen. Jüdische Läden und Häuser wurden niedergebrannt und geplündert. Die Polizei leitet die „schwarze Horde". Die Einwohner fliehen nach den umliegenden Städten. giterntnr. Drei neue Kompositionen von Musikdirektor David- Rubin in Prag. Kol N i d r e. Bußgesang für Singstimme und Orgel oder für Klavier allein. Im Grunde genommen ein Wagnis, diesem nach jeder Richtung ausgenützten Melodiefragmentchen noch einen neuen Gesichtspunkt abgewinnen zu wollen. Meister Rubin ist diese Aufgabe prächtig gelungen; sowohl bezüglich der interessanten nwdulatorischen Wendungen, als auch durch Anordnung der Textesworte (Lo al azmi) nicht minder auch durch eigenartige, sachgemäße Rhythmisierung kann diese Komposition den besten dieser Gattung beigestellt werden. Zudem scheint es — wenigstens besagt es die Titelblattbemerkung für Klavier allein — in der Absicht Rubins zu liegen, durch dieses. Opus einen neuen, in der letzten Zeit so oft verlangten Kompositionszweig „religiöse. Hausmusik" anbahnen zu wollen und dieser Gedanke muß entschieden gut geheißen werden, indem hiedurch unseren musikalischen. Kindern ein Mittel geboten wird, die beim Gottesdienste sie erhebenden Melodien auch in der Umfriedung des Familienhauses, durch eigene Betätigung lebendig zu erhalten. Die Erfüllung dieser löblichen Absicht entspricht einer durch den Wiener Religionsprofessor Herrn Äntscherl kundgegebenen Intention und wäre es nur zu wünschen, wenn dieser durch Rubin nunmehr angebahnten Richtung auch die Sympathie weiterer Kreise entgegengebracht würde. Psalm 128: „Wohl dem, der den Ewigen fürchtet." Für gemischten Chor. Wenngleich auch der Choral, d. h. das metrisch gefügte und langsam vorzutragende Musik- oder Gesangsstück streng genommen, eine Schöpfung der katholischen Kirche ist, welche Gesangsgattung später auch beim protestantischen Kirchengemeindegesange Aufnahme fand, so partizipiert der moderne Synagogengesang dennoch redlich an dieser Gesangsform, namentlich seit der Verwendung deutscher Gebetstexte für den jüdischen Gottesdienst. Anfangs eine verunglückte Nachahmung des protestantischen Kirchengesangbuches vegetierten die in weßie Notenköpfe gefügten Melodien eine zeitlang auch in den deutschen Synagogen, bis Meister Lewandowsky durch die musikalische Bearbeitung' seiner herzerhebenden Psalmen, dieser Zwitterkomposition ein vollauf verdientes Ende bereitete. Dieser durch Lewandowsky angebahnten Psalmengesangsrichtung entspricht auch das vorliegende Opus Rubins. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß auch diese, wie alle anderen Rubin'schen Kompositionen bis in die Fingerspitzen hinein sauber und korrekt gearbeitet sind; es soll vielmehr konstatiert werden, daß hier auch die melodische Gewalt! der Oberstimme mit mehr Selbständigkeit ausgestaltet erscheint;

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