Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Leite 9. Die Wahrheit wenngleich auch die Erscheinung zutage tritt, daß dem verehrten Komponisten bei diesem a Oaxslla-Gesange gleichfalls sein unangetasteter Orgelsatz gar so sehr am Herzen liegt (daher die vielen Vorhalte und sich gegenseitig ablösenden — nicht auflösenden Dissonanzen), so muß es doch willig zugestanden werden, daß der Komponist redlich bestrebt ist, mit beschränkten, melodischen und harmonischen Mitteln eine anerkennenswerte dramatische Wirkung zu bewerkstelligen. In einer Zeit, wo so mancher Prediger mit vielen vollklingenden und pathetisch vorgetragenen Worten so tvenig Gedanken entwickelt und die sogenannten Kantoren durch einen Ansturm ungerechtfertigter Töne und vollständig unverantwortlicher Modulationen die Armseligkeit ihrer Phantasie zu verdecken glauben, muß es als Errungenschaft anerkannt werden, wenn ein Komponist mit den kärglichsten musikalischen Mitteln eine immerhin bedeutungsvolle Tat vollbringt, wie es Rubin mit dieser einfachen, sich bescheiden einfuhrenden, aber mit Ernst und Zielbewußtsein gesättigten Kompositionen so prächtig vollbringt. Psalm 12*3: „Aschre kol jere adonoj." Für gemischten Chor. Der Komponist hätte sich wohl daraus beschränken können, die musikalische Gewandung des vorbehandelten deutschtextlichen Psalmes auch für die in der originalen hebräischen Wortsassung zu behandelnde Komposition anzupassen. Daß der verehrte Komponist es nicht hiebei bewenden ließ, sondern angesichts der Berschiedenartigkeit der Wortform und Prosodie des hebräischen rm Gegensätze zum deutschen Worte gleichsam in didaktischer Feinfühligkeit eine neue Musikgewandung schuf, obgleich der Gehalt des Originaltextes und dessen deutsche Uebertragung dieselben ethischen nnd bildlichen Momente zum Ausdruck bringen, dafür darf ihm gebührender Dank nicht vorenthalten werden. Die vorliegende Komposition trügt gleichfalls das Gepräge musikalischer Redlichkeit, wie es bei Rubin allenthalben der Fall, doch will es bednnken, als ob der Komponist seine persönliche Vorliebe für dissonierende Akkorde hier etwas allzusehr ins Wagnerische übersetzt hätte. Unsere modernen Ohren sind ja durch Richard Wagner an Dissonanzen gewöhnt, allein ein Zusammenklang von Tönen, wie — um nur einige Beispiele anzuführen — A, H, Gr, A (im 1. Takte der 1. Partitnrzeile, S. 4) oder D, Cis, E, A (am Beginne des 2. Taktes) oder gar B, Pis, A, D (im 5. Takte der 2. Partiturzeile) u. s. w. dünkt uns doch etwas zuviel Christentum in der Synagogenmusik *). Falls einige dieser und ähnlicher Zusammenklänge etwas freundlicher gestaltet würden, so wäre es sicherlich nur zum Nutzen für die sonst treffliche Arbeit des verehrten Komponisten. .r. Zurückgefunden. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Es ist dies ein Wunsch, zu dessen Erfüllung Niemandem ein Opfer zu groß oder zu schwer wäre. Aber gestehen Sie selber, wenn alle die Polen, Russen, Slovaken, Slovenen, Ruthenen, Serben und Czechen heute über etwas Wichtiges beratschlagen sollten, müßte da nicht eine babylonische Sprachenverwirrung entstehen? Da ist es, wie Ihnen heute die Wirklichkeit zeigte, die deutsche Sprache, welche in solchen Fällen die Vermittlerrolle übernehmen muß. Wohl jede andere Sprache wäre Ihnen willkommener, ich gebe das zu; aber jede andere wäre wieder nur einigen Wenigen zugänglich, während sie dem bei weitem größeren Teile der Versammlung unverständlich wäre. Die deutsche Sprache allein wird von dem gebildeten Teil der Einwohnerschaft jedes Landes, in welchem eine slavische die Volkssprache ist, gesprochen, und aus diesem Grunde kann es als Undankbarkeit bezeichnet werden, wenn sie dermaßen geschmäht und verfolgt wird, wie es tatsächlich geschieht." „Fräulein," rief Dansky überrascht aus. ..Sie sind trotz Ihrer eleganten böhmischen Aussprache doch keine Czechin. sind vielleicht gar eine Deutsche?" *) In gegensätzlicher Anspielung auf Richard Wagners'„Judentum in der Musik." (Der Autor). „Deutsche, Czechin, wie Sie wollen. Ich bin eine Jüdin!" Bei diesen Worten des Mädchens zuckte Dansky zusammen. Die Jüdin hatte diese leise Bewegung nicht bemerkt, sie hätte in diesem Falle nicht weiter gesprochen. „Verstehen Sie mich recht, mein Herr, ich möchte nicht gerne mißverstanden werden, nicht so meinet-, als meines Volkes wegen, welches jedes unbedachte Wort eines Einzelnen büßen muß. Sie könnten, wenn Sie meine Worte mißdeuten, annehmen, daß wir nicht mit dem Volke fühlen, unter dem wir leben, und daß es uns mit der Nationalität, zu der wir uns bekennen, nicht ernst ist. Das wäre ein Unrecht gegen uns. Ich habe von mir selbst gesprochen. In einer rein czechischen Gegend geboren, inmitten einer czechischen Bevölkerung ausgewachsen, habe ich mit ganzem Herzen die Sache des czechischen Volkes zu meiner eigenen gemacht, bin von Kindheit an eine treue Tochter Böhmens gewesen. Ich habe die deutsche Sprache ebenso studiert, wie die französische, und wie ich eine andere, fremde Sprache gelernt haben würde, wenn ich dazu Gelegenheit gehabt hätte. Als Kind gebildeter, aber unbemittelter Eltern, habe ich mich von Jugend an auf meinen Beruf als Lehrerin vorbereitet. Die unbestrittene Tatsache, daß das czechische Volk — Ausnahmen gibt es immer, doch diese bestätigen die Regel — nicht der Boden ist, auf welchem die geistige Sumpfpflanze, Antisemitismus, so ungehemmt wie in deutschen Gegenden unseres Reiches, gedeiht, hat meine Liebe zur czechischen Nation erhöht und befestigt. Als ich aber meine elterliche Hütte verlassen hatte, um ins Leben hinaus zu treten, als mich die Notwendigkeit praktisch machte, da trat mir auch die Notwendigkeit klar zum Bewußtsein, die zweite Landessprache der ersten gleichzustellen. Ich studierte in Prag an einer czechischen Lehranstalt, verkehrte gesellschaftlich ausschließlich in czechisch-nationalen Kreisen, aber ich hörte in Prag nur höchst selten eine andere slavische Sprache, als das landesübliche Böhmisch, während das Deutsche sich im goldenen slavischen Mütterlein Prag überall breit machte." „Ich habe das auch schon von Anderen gehört," sagte der Doktor mit unmutig gefalteter Stirne, „aber das soll und muß anders werden." „Das werden nicht Sie jemals ändern, noch hunderte anderer, die gleich Ihnen für dieses Ziel kämpfen. Denn kein slavischer Ausländer, der nach Prag kommt, sei es geschäftlich oder zum Vergnügen, kann sich hier mit Erfolg seiner Muttersprache bedienen. Er muß deutsch oder czechisch sprechen. Ungefähr so würde es umgekehrt einem Czechen in Polen, Rußland, Ungarn oder sonstwo ergehen, entweder die dortige Landessprache oder das vermittelnde Deutsch. Er müßte, wenn er der Landessprache nicht mächtig ist, das bischen Deutsch, das er etwa von der Schulzeit noch kennt, hervorsuchen und sich damit verständigen. Der Slave ist in Oesterreich in der Majorität, das ist wahr, aber seine Sprache ist keine einheitliche und deswegen ist seine Kraft zersplittert." „Sie treten sehr warm für das Deutschtum ein," sagte der Pole etwas pikiert, ..mehr, als es sich für eine gute Böhmin ziemt." „Nur vom praktischen Standpunkte aus, als Jüdin. Sie sind ein gebürtiger Pole, haben daher eine idealere Anschauung als ich." „Und verträgt sich Ihre praktische Anschauung mit der Hingabe zu Ihrer Nation?" ..Bitte, Herr Doktor, nicht zu vergessen, daß ich in erster Reihe Jüdin bin, und mit einer fast leidenschaftlichen Liebe zu meinem Glauben und Volke hinneige." Dansky hatte sich bei den letzten Worten des Mädchens leicht verfärbt. „Sollte es wahr sein, was manche behaupten wollen," sagte er, „daß die Juden Böhmens Stützen des Germanismus sind?" (Fortsetzung folgt.) Schicht feste Spezialität für Wolle and Seide. Gibt auch die schönsteWeittwäsohe