Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. dir. 5. Kamine fegen und Rinder und Schweine schlachten, der Schuhmacher darf auch Haare schneiden, barbieren und backen. Der Fleischer darf Schlosser- und Schmiedearbeiten verrichten und malen und anstreichen. Der Schlosser darf Brot und Kuchen backen und tapezieren. Der Konditor darf schneidern und tischlern. Der Klempner darf Schuh und Stiefeln fabrizieren und die Wohnungen dekorieren. Diese Spottgeburt von Dreck und Feuer ist das, was die Zünftler nach jahrelangen Beratungen ausgeheckt haben, das ist das, was die zünftlerische Siebner- Kommission dem Handwerkskammertage in Köln vorgelegt hat zu ihrer eigenen Blamage und zum Hohngelächter der ganzen Welt. Kann man sich einen größeren Anreiz zum Pfuschertum im Handwerk denken, als daß man ausdrücklich jeden Handwerker ermächtigt, jedes andere Handwerk auszuüben, oder meint man wirklich, daß, wer das Schornsteinsegerhandwerk ordnungsmäßig erlernt hat, besser imstande ist, das Fleischergewerbe zu betreiben, als derjenige, der kein Handwerk zunstmäßig gelernt hat, der aber seine Kenntnisse in einem Fabrikbetrieb dieser Art erworben hat? So viel Verstand und gesunden Sinn hatte Gott sei Dank der Handwerkskammertag, daß er diesen Hohn auf das Handwerk mit gewaltiger Mehrheit ablehnte und damit das seine tat, um den Befähigungsnachweis zu begraben. Man wollte sich doch nicht zum Gelächter der ganzen Welt machen.**) Für uns, die wir den Befähigungsnachweis immer bekämpft haben, die wir immer erklärt haben, daß eine Abgrenzung der einzelnen Handwerke von einander nicht möglich sei, ist der Beschluß der Siebener-Kommission ebensowohl wie der ihn verwerfende des Handwerkskammertages die glänzendste Rechtfertigung. Nun kann doch Niemand mehr den Vorwurf gegen uns erheben, daß wir Feinde des Handwerks seien, wenn dieses in seiner berufenen Vertretung sich selbst gegen den Befähigungsnachweis wehrt. Die Leute, die mit Pathos versicherten, daß wir den Pulsschlag des deutschen Handwerkes nicht zu fühlen vermöchten, sie sind vom deutschen Handwerke selbst aufs gründlichste desavuiert worden nnd die Volksbeglücker, die dem Handwerk jahrzehntenlang hindurch immer aufs neue gesagt haben: Euch ist nur durch den Befähigungsnachweis zu helfen, sie sind heule die Blamierten. Freilich reden sie sich jetzt damit heraus, daß man solange für den Befähigungsnachweis im Handwerk I habe eintreten müssen, als es selbst ihn verlangt habe. Aber! der ist doch nicht mein wahrer Freund, der, wenn ich eine j Dummheit zu machen in Begriff bin, mir zuredet, die Dummheit, die mich schädigen würde, nur ja zu machen, sondern der ist es,! der mich ernstlich davor warnt. Wenn jemand am Unterleibs-! Typhus erkrankt ist und in den ersten Anfängen der Genesung! ist, wo sich ein starker Appetit einstellt und er sagt zu seinem! Arzt: Herr Doktor, ich habe riesigen Appetit auf Eisbein, Leberknödel, Bratwurst und Sauerkraut, so wäre der Arzt, der i ihm sagte: ..Lieber Freund, wenn Sie darauf Hunger haben, j ist es Ihnen gewiß sehr gesund, essen Sie es man ruhig", der j schlimmste Kurpfuscher, den man sich denken könnte. Solch ein! Mann paßt eben nicht zum Arzr, der müßte sich das Lehrgeld zurückgeben lassen, der wirkt gemeingefährlich. Und so wirkt auch der Politiker gemeingefährlich, der törichten Wünschen eines notleidenden Gewerbes nachgibt. Das Verlangen nach dem Befähigungsnachweis ist aber weit weniger aus dem Handwerk selbst herausgekommen, als daß es ihm von draußenstehenden Handmerksbeglückern eingeredet worden ist. Charakteristisch dafür ist, daß die Hauptvertreter des Befähigungsnachweises auf dem Handwerkskammerlage in Köln die Handwerkskammersekretäre von Wiesbaden und Hildesheim waren und daß es gerade die Handwerksmeister waren, die ihn in zum Teil glänzenden Reden bekämpften, so der Klempnermeister Derlien aus Hamburg, der Metzger-Obermeister Falk aus Mainz, der Schneidermeister Jakobskötter aus Erfurt u. a. m. Wie gering übrigens das Bedürfnis ist, nicht ordnungsmäßig vorgebildete Personen vom Handwerk fernzuhalten, geht am besten daraus hervor, daß nach Erhebungen der Reichsregierung von den ein Handwerk Ausübenden nur 3'/z pCt. dasselbe nicht ordnungsmäßig erlernt hatten. Es gibt ja allerdings auch heute noch Leute, es gibt sogar noch Handwerker, die trotz dem Beschluß des Handwerkskammertages in Köln sagen, wir bestehen weiter auf dem Befähigungsnachweis. Es gibt eben in allen Ständen Leute, die nicht alle werden. Aber es gibt auch superkluge Politiker, die sich sagen: Ich will es weder mit den Angehörigen des Befähigungsnachweises im Handwerk, noch mit den Handwerkern verderben, die dessen Gegner sind, denn ich will mir nicht die Stimmen der einen und auch nicht die der anderen bei den Wahlen verscherzen. Und die sind dann so klug und sagen: „Lieber Mittelstand im Handwerk, erst müßt ihr einig werden über die Frage des Befähigungsnachweises. Beratet darüber ruhig weiter und wenn ihr einig seid, so werden wir das, was ihr wollt, gesetzgeberisch vertreten. So lange aber müßt ihr diese Frage vertagen, denn sie stört die Einigkeit unter euch. Wenn aber dem Mittelstand geholfen werden soll, so mü§t ihr einig sein. Nur keinen Streit im Mittelstand, immer nur Einigkeit." Wie sie selbst zur Frage des Befähigungsnachweises stehen, das hüten sie sich aber wohl zu sagen. Es sind solche mutigen Leute wie der, der erst die konservative und dann die freisinnige Wahlversammlung besucht hatte nnd als ihn Jemand fragte, was er denn meine und wie er wählen würde, vorsichtig sagte: „Ich kann so sagen, ich kann aber auch so sagen. Ich sage aber, ich werde weder so sagen, noch werde ich so sagen, damit man mal nicht von mir sagen könnte, ich hätte so gesagt oder ich hätte so gesagt." Nun, wer ein ehrlicher Politiker ist, der geht nicht auf solchen Stimmenfang aus, sondern sagt, was er für nötig lind nützlich hält. Wie aber soll man einen Mann wählen, der nicht den Mut einer Meinung hat! Der taugt doch zum Führer nicht, der nicht weiß, welchen Weg er führen soll. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. (Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 28. Jänner 1906 unter dem Vorsitze des Herrn 1. Vize-Präsidenten Tr. Gustav Kohn.) Einlauf und Präsidialbericht. Im Einlause befinden sich nebst Spenden ein Dankschreiben des Herrn Dr. Arthur Goldmann für die bewiesene Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Hinscheidens seines Vaters Herrn Joses Bernhard Goldmann; ein Dankschreiben der Frau Ernestine Fleischer für die ihr zugekommenen Beweise der Teilnahme anläßlich des Todes ihres Gatten des Herrn k. k. Baurat Max Fleischer; ein Dankschreiben der Kultusgemeinde Friedek- Mistek für die Kondolenz der Kultusgemeinde anläßlich des Hinscheidens des Kultusvorstehers der Gemeinde Friedek-Mistek, Herrn Hermann Löw; ein Dankschreiben des Herrn Vorstehers Leopold von Lieben für die ihm aus Anlaß der Allerhöchsten Auszeichnung zugekommenen Glückwünsche des Kultusvorstandes; ein Beileidsschreiben des Vorstandes des Tempel- und Schulvereines, VI., Stumpergasse, anläßlich des Hinscheidens des Mitgliedes des Kultusvorstandes Herrn Baurat Max Fleischer s. A. Der Präsident bringt zur Kenntnis, daß die Familie des verewigten Präsidenten der Knltnsgemeinde, Herrn kais. Rat Heinrich Klinger, Mittwoch, den 31. Jänner 1906, um 7 Uhr abends im Stadttempel ein Requiem für den Verstorbenen veranstalten werde und ladet die Vorstandsmitglieder ein, diesem Requiem beizuwohnen. Vor Uebergang zur Tagesordnung begrüßt Herr Vize- Präsident kaiserl. Rat Hirsch, welcher zu Beginn der Sitzung den Vorsitz führte, das nach längerer Krankheit zum erstenmale bei der Sitzung erschienene Vorstandsmitglied Herrn Baurat Wilhelm Stiaßny unter Zustimmung der Versammlung in herzlichen Worten. L. D. Königsberg fches Mädchen-Erziehungs- Institut. Laut testamentarischer Verfügung des im Jahre 1857 verstorbenen Großhändler Leopold Dilmar Königsberg bestimmte der Genannte einen großen Teil seiner Hinterlassenschaft zur Errichtung eines Mädchen-Erziehungs-Jnstitutes, dessen Zweck und Aufgabe in nachstehender Weise bestimmt wurde: