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Die Wahrheit · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheu Nr. 5. jenem Idealbild des Germanen abweicht. Beethoven war klein; und häßlich, sein Schädel breit, sein Haar schwarz und von; mehr spröder Struktur, seine Gesichtsfarbe sehr dunkel, wie auch! seine Augen. Leider haben mir bisher nur von wenigen großen! Männern genaue zweiselfreie Personalbeschreibungen. Immerhin! wissen wir, daß Goethe dunkelhaarig war, daß viele der größten! Genies besonders ausgesprochene Rundköpfe besessen haben. So j Luther, Schiller, Bismarck, Napoleon, Laplace, Raphael,! Schopenhauer, Leibuitz. Kaut. Eine große Zahl von Genies war kleiner als mittelgroß. Selbst Woltmann, der gegenwärtige Hauplvertreter der anthropologischen Rassentheorie, betrachtet als Mischlinge des germanischen und des vorarischen" dunklen Typus z. B. Luther, Goethe, Beethoven, Michelangelo, Raphael, Dante, Shakespeare. Trotzdem behauptet er, „daß die ganze europäische Zivilisation auch in den slavischen und romanischen Ländern eine' Leistung der germanischen Rasse sei" und daß „Dante, Raphael, Luther u. s. w. Genies sind, nicht weil sie, sondern trotzdem sie Mischlinge sind. Ihre geniale Anlage ist das Erbteil der germanischen Rasse". Kurz vorher behauptet Woltmann, daß die germanische Rasse durch die Mischung mit dem brünetten Typus in physischer Hinsicht entschieden verschlechtert werde, was auch eine geistige Herabdrückung bedeute. Uns will scheinen, daß, wenn die Mischung die germanische Rasse nicht tiefer herabdrückt, als auf das Niveau Beethovens und Goethes, ihr keine besondere Gefährlichkeit beizumessen sei. Die Zuversichtlichkeit, mit der die Rassengläubigen selbst dort, wo ' ihre Diagnosen nicht zutreffen, alles Hervorragende auf germanischen Einschlag, alles Minderwertige auf fremde Einwirkung zurücksühren, kann natürlich wissenschaftlich nur als Beweis der Minderwertigkeit ihres eigenen Denkens gewürdigt werden. . . * In der baierischen zweiten Kammer gab es jüngst eine kleine Judendebatte. Der klerikale Abgeordnete Schönleben sagte in der Sitzung vom 11. d. M. u. a.: „Bedauerlich ist das Einschleichen des jüdischen Geistes in die Armee. Die Triebfeder dazu ist der Reserveoffizier. Auch jüdische Armeelieferanten sind sehr unnötig. Die Soldaten sollen in baierische Wolle gesteckt werden und sollen baierisches Hammelfleisch essen. Ich habe das schon früher gesagt und bin dann ais „fränkischer Hammel im baierischen Landtag" bezeichnet worden. (Allgemeine Heiterkeit.) Bei einem Münchener Kavallerieregiment sind 28 Pferde, die von jüdischen Händlern herstammen, an der Seuche krepiert. Ich glaube, wenn schon Justiz, Kunst, Presse usw. von den Juden verschandelt werden, so sollten wir wenigstens die Armee reinhalten." bietet die Auseinandersetzung, zu welcher es am letzten Montag in der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses zwischen einem freisinnigen Abgeordneten und dem Justizminister Dr. B e s e l e r betreffs den Boykott jüdischer Referendare durch ihre christlichen Berufskollegen kam. Der freisinnige Abgeordnete erwähnte zuerst den Breslauer- Fall, in dem. es sich bekanntlich um ein die jüdischen Referendare beschimpfendes T a f e l l i e d handelt, das bei einem Bankett christlicher Referendare gesungen worden war. Davon ausgehend, brachte der freisinnige Abgeordnete die Verhältnisse in verschiedenen größeren und mittleren Städten zur Sprache. Er führte an, daß dort Vereine oder auch nur lose Vereinigungen existieren, die teilweise vermöge ausdrücklicher Statntenbestimmungen den Ausschluß'jüdischer Referendare bedingen, daß ferner teilweise durch stillschweigende Uebereinkunft oder Tradition derselbe Effekt erreicht werde, in einigen Füllen auch durch die Bestimmung, daß Einstimmigkeit zur Aufnahme notwendig ist, die A u f n a h m e jüdischer Referendare als ausgeschlossen gilt. Hieran schloß der freisinnige Abgeordnete die Anfrage, ob der Minister geneigt sei, in dieser Beziehung nähere Recherchen anzustellen und, wenn die Tatsachen richtig seien, gegen diese Ungebührlichkeiten einzuschreiten. Er verwies darauf, daß es ja zweifelhaft sein könnte, ob der Minister in der Lage sei, Vorschriften über gesellschaftliche Zusammensetzungen oder den Verkehr der Referendare untereinander zu treffen, daß es ferner nicht anfechtbar sei, wenn in einzelnen Fällen mißliebige Personen gesellschaftlich ausgeschlossen würden, daß es aber nicht angängig sei, ganze Klassen von Referendaren nur wegen ihre r Zu geh örigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zu boykottieren. Der Minister ging näher auf den Breslauer Fall ein, indem er erklärte, er habe Gelegenheit genommen, die D i sziplinarun terfuchung zu veranlassen, sie sei auch eingeleilet und habe seines Wissens bereits zu einem erstinstanzlichen Urteil geführt. Er werde auch iu jedem einzelnen Falle, der ihm dazu Veranlassung gebe, einschreiten, er jei aber nicht in der Lage, im allgemeinen Untersuchungen a n z u st e l l e n und die Referendare in der Wahl ihres Umganges zu beschränken. Zur Affaire Hilsner. Ihm traten die sozialistischen Abgeordneten Müller und v. Vollmar sowie die liberalen Abgeordneten G o l d s ch m i t t und Häberlein entgegen. Letzterer erklärte: „Ich kann nicht umhin, in meinem und meiner Partei Namen unser Erstaunen darüber auszudrücken, daß der Kriegsminister in seinen Ausführungen keinerlei Worte der Abwehr gegenüber der Rede Schönlebens gefunden hat; ich meine die Stelle, in der Schönleben geglaubt hat, den Militäretat vom Standpunkt des Antisemitismus aus betrachten zu müssen und von einem immer mehr zunehmenden jüdischen Geist der Zersetzung in unserem Heere gesprochen hat, und wo er den Kriegsminister ausdrücklich warnte, unsere Armee durch Juden verschandeln zu lassen. Der Kriegsminister muß doch auf Grund seiner langjährigen militärischen Laufbahn wissen, daß der jüdische Soldat genau so viele Militärpflichten erfüllt wie der Christ und genau so im Ernstfall Gut und Blut für das Vaterland opfern muß, und da glaube ich, es haben die jüdischen Mitglieder der Armee als gleichberechtigte Staatsbürger die Berechtigung zu verlangen, daß sie gegenüber derartigen unberechtigten und unbegründeten Angriffen, wie sie derAbgeordnete Schönleben machte, von autoritativer Stelle verteidigt werden. Ich muß im Namen meiner Fraktion das Bedauern darüber aussprechen, daß dies nicht geschehen ist." Nun erst fand sich der Kriegsminister v. Horn veranlaßt, folgende Erklärung abzugeben: „Ich erkläre hiermit unumwunden, daß der Kriegsverwaltung seitens der einzelnen Kommandobehörden irgendwelche Klagen israelitischer Soldaten darüber nicht vorgekommen sind, daß ihnen von den Angehörigen der anderen Glaubensbekenntnisse in einer nennenswerteu Weise Hindernisse in den Weg gelegt worden sind. Mir ist es gleich, ob einer Katholik, Protestant oderJsraelit ist, wenn er nur ein guter Soldat i st." * * * Die preußische Justizverwaltung hält auch weiterhin den antisemitischen Kurs stramm inne. Einen neuerlichen Beleg hiefür Die Wahrheit bricht mit elementarer Gewalt hervor, auch wenn man ihr alle Wege versperrt. In unserer an aufregenden! Ereignissen so überreichen Zeit schien die Affaire Hilsner endgiltig eingefargt zu fein, nachdem das feinerzeitige mutige Auftreten Professor Masaryks gar nichts gefruchtet batte. Da veröffentlicht unverhofft der Berliner Rechtsanwalt Dr. Nußbaum ein Merkchen: ..Der Polnaer Ritualmordprozeß", zu welchem der gefeierte Kriminalist Professor v. Liszt ein beherztes Vorwort schreibt, in dem er mit juristischer Präzision auf die verheerenden Wirkungen der suggestiven Macht des Vorurteils bei Ritualmordprozesfen hinweist. Die Affaire Hilsner war damit ins Rollen gebracht. Kurz darauf brachte die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" vom 29. Jänner d. I. die sensationelle Nachricht, der Präsident des Piseker Kreisgerichtes Ottokar v. Winter hätte nach Verkündigung des Todesurteiles über Hilsner zu dessen Verteidiger Dr. Auredniczek tränenden Auges mit bebender Stimme Folgendes gesagt: „Herr Doktor, Sie sehen mich tief erschüttert. Ein Unschuldiger wurde zum Tode verurteilt!" Der Prozeß ist noch in aller Erinnerung, so daß wir in die Details nicht näher einzugeben brauchen. Es genügt, wenn wir betonen, daß, trotzdem die Anklage das Motiv der Tat in die sexuelle Sphäre verwies, der Prozeß vollständig den Charakter eines Ritualmordprozesses trug, indem die Belastungszeugen Hilsners von dem Wahne befangen waren, Hilsner als Ritualmörder hinzustellen, was ihnen auch bei den Geschworenen in glänzender Weise gelang. Der von Dr. Baxa enthusiastisch begrüßte „charakteristische" Schnitt hatte einen glorreichen Sieg errungen. Dr. Baxa wurde eine gefeierte antisemitische Größe

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