Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063321--04084-3070895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ff Die Wahrheit Redaktion u. Adiiiinistlalioii: Wien, TI/, Avvaragasse 27J Telephon Nr. der Druckerei! 15302. Inserate 20 Hell, ver Nonpareille-Zeile. Abonnements- ». JnsertioilSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. 'nabhängige Heitschrift für Mische Mleresten. Erscheint jeden Kreilng. Aolto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!* Werugspirets: Ganzjährig ... ff. ia.— Halbjährig ... ff. 6.— Für Cultusbeaulte: Ganzjährig ... ff. >0 — Für Ausland. Ganzjährig 6 Rubel oder . 8 Mark j 16 Fcs i Ar. 5. Wien, 2. Fedrnnr Anhalt: Aus der Woche. — Zur Affaire Hilsner. — Mittelstand. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Feuilleton: Zurückgesunden. Aus der Woche. Die von vielen Optimisten ausgesprochene Erwartung, daß mit den grauenhaften Ereignissen zu Ende des Vorjahres die lange Serie der Judenmassakres in Rußland abgeschlossen sein, und daß die russische Regierung selbst die nötigen Vorkehrungen gegen deren Wiederkehr treffen werde, hat sich leider nicht erfüllt. In den letzten Tagen wurden neuerdings aus Homel und ans Wassilkow bei Kiew Judenkrawalle gemeldet, und besonders in letzterem Orte sollen die Plünderungen der „schwarzen Horde" von der Polizei geleitet worden sein. Diese traurigen Nachrichten sind wohl nicht geeignet, die Beschlüsse der Frankfurter Konferenz zu rechtfertigen, welche dahin gingen, von den gesammelten Geldern möglichst wenig für die Emigration zu verwenden und die Flüchtigen aus Rußland zur Rückkehr in ihr grausames Vaterland zu veranlassen. Im Gegenteil, der Auswanderungsstrom ans Rußland dürfte in der nächsten Zeit noch größer werden und an die verschiedenen Hilfsorganisationen bedeutend höhere Anforderungen als bisher stellen. Da es aber feststeht, daß die für die Opfer der russischen Judenverfolgungen eingeleiteten Sammlungen nicht ausreichen, um eine Emigration im großen Stile durchzuführen, so ist eine möglichste Beschränkung der Aktion auf jene, Flüchtlinge, die faktisch durch die Massakres gelitten haben, dringendst geboten. * Von diesen Gesichtspunkten hat sich nun die „Israel. Allianz zu Wien", die durch die Anwesenheit von vielen Hunderten russischer Emigranten in Galizien Und Wien in eine äußerst schwierige, mit den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz eigentlich kontrastierende Situation gebracht wurde, bei ihrer Hilfsaktion in den letzten Wochen leiten lassen, und wer diese Tätigkeit, die allerdings durch die lokale Unterstützung der Wiener Emigranten seitens des österr.-russischen Hilssvereines in Wien eine nicht unbedeutende Entlastung fand, aus eigener Wahrnehmung zu beobachten Gelegenheit hatte, der mußte sich gestehen, daß trotz der Unzulänglichkeit der vorhandenen Mittel das Möglichste geleistet wurde. Umsomehr ist es zu bedauern, wenn in mehreren, in den letzten Tagen in Wien abgehaltenen Versammlungen Personen, die offenbar mit den Verhältnissen nicht genügend vertraut sind, gegen die Allianz in oft geradezu gehässiger Weise loszogen. Ueber den von zionistischen Rednern erhobenen Vorwurf der Plan- und Zwecklosigkeit der ganzen Hilfsaktion könnte die Allianz sich umso leichter hinwegsetzen, da ja gerade von dieser Seite die Allianz deshalb verurteilt wurde, weil sie nicht sämtlichen in Wien befindlichen Flüchtlingen, ohne Rücksicht aus ihre i spezielle Eignung, dorthin zur Emigration verhalf, wo ihr eigener Wunsch sie hinzog. Solche Begehren zu erfüllen, wäre allerdings plan- und zwecklos. Aber entschiedene Verurteilung verdient es, wenn in den erwähnten Versammlungen Ausstreuungen gemacht wurden, daß die Allianz über ungezählte Millionen verfüge, die sie aus Hartherzigkeit und Engherzigkeit nicht dem, von den Spendern beabsichtigten Zwecke zuführe, oder daß sie Volksgelder verwalte und zur Verwendung derselben auch gegen ihre eigene Ueberzeugung gezwungen werden könne. Abgesehen von der Unwahrheit, die in diesen Behauptungen j liegt, wird dadurch einerseits ein exzessives Allstreten der hilfei suchenden Emigranten gezückter, welches den ruhigen Verkehr mit! denselben außerordentlich erschwert, und anderseits werden ans diese , Weise bei den gewiß bedauernswerten Flüchtlingen Aspirationen ■ geweckt, die mit Rücksicht aus die knappen Geldmittel! unmöglich erfüllt werden können. Wer es mit den un- : glücklichen russischen Glaubensgenossen gut meint, der wird j sich nicht mit Reden und Schimpfen bescheiden, sondern durch werktätige Mitwirkung und Aufklärung von Mißver-! ständnissen die Hilfsaktion zu fördern suchen. Bor allem anderen! aber ist es notwendig, daß alle jüdischen Kreise größere materielle! Opfer als bisher bringen, denn nur dann wird es möglich! sein, dem großen Elende wirksam zu begegnen. In diesem Sinne möchten wir an die gesamte Oeffentlichkeit appelliert haben. * Seit einigen Jahren macht sich eine Richtung bemerkbar, die den Rassenglanben, mit allerlei wissenschaftlichem Aufputz versehen, zu verbreiten versucht. Ihr oberstes Dogma ist die! Lehre, daß der germanischen Rasse ein Kulturmonopol zukomme.? Sie allein habe selbst dorr, wo sie unter fremden Rassen eine j Minorität bilde, wahre Kulturwerte geschaffen. Mit Eifer be-! mühen sich die „Gelehrten" jener Richtung sestzustellen, daß die Genies aller Nationen Rassenmerkmale ausweisen, die ihren germanischen Ursprung anzeigen. Als solches untrügliches Merkmal genügt ihnen einer der Züge, aus denen sich das Idealbild des Germanen zusammensetzt: Blondes und welliges Haar,! blaue Angen, lichte Hautfarbe, hohe Statur, schmaler Schädel, j Sie nehmen ferner das Vorhandensein einer niedrigeren Rasse! an, die in ganz Europa verbreitet, die entgegengesetzten Merkmale aufweise und deren Minderwertigkeit gegenüber den Ger-! manen feststehen soll. Es ist nun nicht uninteressant, aus die neuen Studien des bekannten Beethoven-Forschers Frimmel hinzuweisen, deren Resultat ist, daß die äußere Gestalt des größten musikalischen Genies in jedem einzelnen Punkte von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.