Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063320--04078-3070888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Die Wahrheit Nr. 4. AfS Wir zasaaKt!lSSi2»atax&t* LLL-.'»--»«--!.- - ••;. Tugenden gepriesen. Aus ganzem Herzen wünsche er daher, daß es dem trefflichen Jubelpaare beschicken und gegönnt sei, das echt jüdische Jubiläum, die 50. Wiederkehr ihres glücklichen Tages, die goldene Hochzeit in vollkommener Frische und Rüstigkeit begehen zu können. Jnnigst gerührt dankte der Jubilar für die ihm ganz unerwartet dargebrachten Ehrungen. Nauchaste Summen verteilte das hochherzige Jubelpaar an diesem Tage an hiesige Arme ohne Unterschied der Konfession uud auch auswärtige wurden in reichem Maße bedacht. Von Nah und Fern erhielt das seltene Paar zahlreiche telegraphische und schriftliche Glückwünsche. Budapest. (Eine gegenseitige Ueberraschuug.) Eine alte Geschichte, die immer neu bleibt, wenn sie wahr ist. Ein jüdischer Angestellter einer christlichen Firma verliebt sich in die Tochter seines Chefs. Dieser, von Zorn entbrannt, droht dem jungen Manue mit der sofortigen EuÜaffung, falls er seine Gefühle gegen seine Tochter nicht unterdrückt. Diese Ehe könne nie erfolgen, denn er laste es nicht zu, daß seine Tochter einen „Juden" heirate. Er habe zwar die Juden gern, schätze seine tüchtigen jüdischen Angestellten ebenso hoch wie die christlichen, doch laste er seine Familie nicht „verscharweln". Doch er machte die Rechnung ohne sein Töchterchen, das in seiner modernen Denkungsart mcht einsehen wollte, warum die Religion zwei junge, liebende Herzen von einander trennen soll. Sie war zwar stets eine gehorsame Tochter, doch hierin wollte sie mit gutem Willen nicht nachgeben. Sie brachte ihre ganze Zeit einsam in ihrem stillen Kämmerchen zu, benetzte mit ihren Tränen dutzendweise ihre weißen Taschentücher und verlor tagtäglich von ihrer sonst so ftischen, rosigen Gesichtsfarbe. Ihr Vater, der ein weiches Herz besaß, konnte die stille Gram seiner Tochter nicht mehr ertragen und beschloß, wenn auch nach hartem Kampfe mit sich selbst, nachzugeben, falls der junge Mann seinen angestammten Glauben verlasse und sich der Taufe unterzöge. Der junge Mann blieb jedoch standhaft und erklärte, daß feine verstorbenen Eltern sich im Grabe umdrehen würden, wenn er sich taufen ließe. Diese Liebesgeschichte bildete bald den alleinigen Tratsch des kleinen Provinzstädtchens, so daß der Vater es für gut befand, feine verliebte Tochter zu einem Verwandten nach Budapest zu schicken. Der junge Mann wurde von seinen Freunden und engeren Kollegen fast zu Tode gehänselt, und er entschloß sich, wenn auch schweren Herzens, den Neckereien seiner Freunde und den stillen Borwürfen seines verehrten Chefs ein Ende zu bereiten und mit seinem religiösen Vorurteile zu brechen. Er ging hinaus zum stillen Friedhof, wo seine Eltern seit Jahren schliefen, sagte sein letztes jüdisches Gebet, ging dann zum Geistlichen und unterzog sich der Taufe. Das Fräulein wurde eilends nachhause gerufen, und damit die Ueberrafchung umso größer und fteudiger sei, sollte sie bei dem ersten trauten Beisammensein von ihrem Herzensgeliebten das Ereignis erfahren. So geschah es auch: der glückstrahlende junge Mann zog geheimnisvoll seinen Tomffchein aus der Tasche. Zu gleicher Zeit aber überreichte auch das Mädchen ihrem Bräutigam eine — Urkunde, welche den Uebertritt des Mädchens zur jüdischen Religion bestätigt. Das bis über die Ohren verliebte Mädchen benützte ihren Budapester Aufenthalt dazu, um in die Geheimniffe des mosaischen Glaubens einzudringen und lernte fleißig die weisen Sprüche des alten Testaments. Die Szene, welche sich dann zwischen Vater, Tochter und Bräutigam abspielte, erzählt die Fama nicht; nur soviel ist festgestellt, daß das kleine Städtchen über die Geschichte jetzt herzlich lacht und mit gespanntem Jutereffe der nun zu gewärtigenden Ereignisse harrt. Sarsyewo. Am 9. d. wurde im benachbarten Z e n i c a die neuerbaute jüdische Synagoge in Anwesenheit der Spitzen der Behörden durch Rabbiner Dr. Samuel Weszel aus Sarajewo feierlich geweiht. Den Einzug in die Synagoge flankierte die Feuerwehr mit brennenden Fackeln. Bezirksvorsteher Graf Brandts eröffnete die Pforte des Gotteshauses, in das nach dem Rabbiner und den Kantoren die moslemischen, katholischen und serbisch-orthodoxen Seelsorger Zenicas einzogen. Die Weihepredigt des Rabbiners übte einen tiefen Eindruck. Abends fand im „Hotel Zentral" eine Festvorstellung statt. An den Kaiser wurde eine Huldigungsdepesche abgeschickt. Frankfurt. Hier fand am 17. d. M. die Trauung des Fräulein 8flU v. Goldschmidt-Rothschild mit dem Freiherrn S ch e y v. Moromla statt. Die 21jährige Braut ist die älteste Tochter des Gmeralkonsuls Max v. Goldschmidt-Rothschild, der 24jährige Bräutigam ist ein Sohn des ungarischen Gutsbesitzers Freiherrn Paul v. Schey-Koromla in Wien. Das Brautpaar erhielt Geschenke vom Kaiser Wilhelm und dem Großherzog von Heffen. Zurückgefunden. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Sie können doch Deutsch mit den Gästen sprechen," sagte Dansky im Tone der tiefsten Verbitterung. „Deutsch? Sie scherzen wohl, Herr Doktor! Die ganze Manifestation, wie sie hier aus Anlaß der Denkmalsenthüllung veranstaltet wird, ist doch eine deutschfeindliche und hat eine panslavische Vereinigung zum Zwecke." „Ja, so sagte man auch mir zu Hause, als ich zu dieser Reise ausersehen wurde; aber die Wirklichkeit spottet jedem politischen Uebereinkommen. Mutter Slävia hat alle ihre getreuen Söhne zusammenberusen, um hier einen festen Bund gegen ihren Unterdrücker, den Deutschen, zu schließen. Das Herz,, voll von diesem Ideale habe ich meine Heimat verlassen, dem auch an mich ergangenen Rufe Slavias zu folgen, bereitetemich vor, um mit begeisterten Worten für die große, erhabene- Idee eines verbündeten-, mächtigen Slavenreiches zu wirken. Vertreter der slavischen Nation sind gekommen ans meiner Heimat, dem Polenlande, sind erschienen aus Rußland, Ungarn, sie weilen hier im bunten Durcheinander mit Ruthenen, Kroaten,. Serben, Slovenen, Slovaken. Wir kamen heute Vormittag zn einer Besprechung im Theatersaale zusammen. Der Bürgermeister der Stadt Tabor eröffnete diese mit einer kurzen aber schwungvollen Begrüßungsrede in seiner Muttersprache. Während dieser Rede beobachtete ich die fremden Herren, welche sich im gedrängt: vollen Saale befanden, und bemerkte an vielen, und gerade den bedeutendsten, den Ausdruck von Gleichgiltigkeit, wenn nicht gyr Gelangweiltheit im Gesichte, was einzig und allein dem Umstand entsprang, daß sie die Begrüßungsrede gar nicht verstandenhalten. Als der Bürgermeister geendet hatte, erscholl ein hundert-- stimmiges „Slava"- (Hoch-) Rufen. Das Wort Slava dürftedas einzige czechische Wort sein, welches sie fehlerfrei aussprechen konnten. Diese Herren, gewiß feurige Patrioten, und für die heilige Sache, die wir erstreben, begeistert, verstanden bloß ihre eigene Muttersprache, vielleicht noch ein verwandtes Idiom, aber untereinander verständigen konnten sie sich nicht. Da mußte die neutrale französische Sprache aushelfen So weit gings gut. Dann stellte der Bürgermeister uns die Herren vom Stadtrate vor, mit Ausnahme einiger Professoren des hiesigen Gymnasiums und der landwirtschaftlichen Hochschule, lauter Gevatter Schneider und Handschuhmacher. Diese aber waren der französischen. Sprache nicht oder wenigstens nur sehr unvollkommen mächtig,. — und Fräulein, stellen Sie sich mein Einsetzen vor, sie fingen an, deutsch zu sprechen, und sich in dieser Sprache, der ver-- haßten, zu verständigen. Deutsche Worte, die Sprache unserer Unterdrücker! Von allen unbemerkt habe ich, an der Erfüllung, meiner Ideale verzweifelnd, diese Versammlung verlassen und bin hinausgewandert ins Freie, um in Gottes schöner Natur meinen Schmerz zu lindern und meine Enttäuschung auf Mo-- mente zu vergessen. Da sah ich Sie, und wie ein Lichtstrahlin düsterer Nacht war mir Ihr holdes Bild erschienen!" Dr. Dansky,' sonst nicht sehr mitteilsamer Natur, hatte sich so recht vom Herzen gesprochen. Er wußte selbst nicht, wie. es kam, aber dieses Mädchen mit den wundersamen Augen,, dieses Mädchen, dessen Namen er nicht einmal kannte, hatte es^ ihm im ersten Augenblicke angetan. Er sprach zu ihr mit einem Eifer, einem Feuer, als stünde er vor einer hundertköpfigen,, seinen Ausführungen lauschenden Menge. Zuweilen wurde er von den Kindern unterbrochen, welche ihrer Lehrerin Blumen, brachten, um sie damit zu schmücken. Den Eichenkranz hatten sie ihr abgenommen und ihn durch einen bunten aus Wald-- blumen und Farnkräutern geflochtenen ersetzt, und immer wieder eilten sie fort, um andere Blumen herbeizuschleppen. Der Doktor setzte seine Auseinandersetzungen fort, um sie mit einem Ausfälle gegen die deutsche Sprache und mehr noöst die deutsche Anmaßung und Ueberhebung zu schließen. ..Und doch," sagte das junge Mädchen, als der Doktor endlich schwieg, „kann man es nicht in Abrede stellen, daß die Kenntnis der deutschen Sprache ein notwendiges Uebel ist,, selbst in slavischen Landen. Sie ist eine Weltsprache, deren Bedeutung nicht abgeleugnet werden, kann. Als Vermittlungssprache taugt sie, wie keine andere. Sie alle, welche aus weiter Ferne hergekommen sind, um das Andenken des großen Böhmen mitzufeiern, sind gewiß treue Söhne Slavas und sind von dem Wunsche beseelt, Germania zu deren Füßen geknechtet zu sehen. (Fortsetzung folgte jjaranl-ierh narurechtesl feinstes=| SSfeJPflanzen* 4=§&wFett.| aus Kokosnüssen^