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Die Wahrheit · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Oesttrr.-migar. Kantoren -Zeitong. Gesänge von Einst nnd Jetzt. j Auf meinen unter obiger Spitzmarke geschriebenen Artikel! Dom 17. November v. I. fragt mich Kollege Kornitzer: ..Was ist melodiös?" Gewiß ist die Frage schwer zn beantworten, nber ich frage ihn ebenso; „Was ist andachterhebend?- Man hat einmal bei einer jüdischen Training ein kirchliches Hochzeitslied von einem Mädchen singen hören. Trotzdem das Lied eine -gute Komposition nnd vielleicht auch andachterregend war, nahm -es sich gar seltsam zwischen den blutnnd glutreicheii Piecen Sulzers aus und es gefiel nicht, weil es kühl ließ bis ans Herz j chinan — es fehlte eben der jüdische „Taam". Hier finden Sie, lieber Herr Kollege, das Geheimnis des Wortes melodiös! Wie nun jede im katholischen Geiste geschriebene Kirchenkomposition für unsere Gotteshäuser ausgeschlossen ist, so ist es -auch mit der dramatischen Musik. Gerade herausgesagt, für .uns Kantoren hat der Wagnersche Stil gar keinen Wert, und ich möchte lieber zurückgehen auf die lyrischen Tondichter Schubert und Weber. Während Wagner erst einen jahrelangen Kampf zit bestehen hatte, bevor er jenen Ruhm erlangen konnte, der heute noch geteilt ist, hatte ihn Weber mit seinem „Freischütz" in einer Nacht errungen; denn als derselbe zum ersten Male im Kärntnertor-Theater zu Wien ausgeführt wurde, erhob sich nach Schluß der Ouvertüre das ganze Publikum von seinen Sitzen und bejubelte den Komponisten, und bei der zweiten Ausführung sang schon das Publikum einzelne Stellen mit. So unmittelbar wirkte die Macht der Melodie, während 1860 Wagners ..Tannhänser" in Paris total ausgepfiffen wurde. In unseren Tetnpeln wollen wir lieber das unmittelbar zu Gehör und Herzen Gehende und nicht durch Verstandessinn Geläuterte, denn, ich wiederhole, das Verständnis in höherem Sinn macht die Synagoge zur dramatischen Bühne, und wenn wir wirklich zu dem gelangen sollen, was so viele anstreben, zum Gemeindegesang, so ist das Einfachste gut genug! Wenn aber jemand von seinen Hörern überzeugt ist, daß dieselben das Ez-chajim von Kirschner lieber hören als das von Rubin, so kann er doch dieselben nicht zwingen, daß fie von dem letzteren eingenommen sein müssen.? Ee gustibns non est disputandum, Damit wäre jede weitere Diskussion ausgeschlossen, wenn fich Herr Kollege Kornitzer nicht zu einem Vergleiche und Ausdrucke verstiege, den ich zn widerlegen in der Lage bin. Er sagt: „Wie nennt man eine Bühne, die ihr Repertoire einzig ulid allein nach dem Geschmacke der breiten Menge gestaltet? Eine — Schmiere." Mit Verlaub, Herr Kollege! Ich möchte den Spieß umwenden und sagen: Eine Bühne, die ihr Repertoire nicht nach ihren Verhältnissen einrichtet und mit vieler Prätension und unzulänglichen Kräften sich an klassische Sachen heranwagt, ist eine Schmiere. Es geht vielen unserer Kantoren ebenso. Schon im ersten Jahre des Erscheinens der „Kantoren-Zeitung" wurde in einer Nummer ein trefflicher Artikel veröffentlicht, der die Kollegen davor warnte, allzu schwere nnd zu klassische Piecen aufzuführen. Es ist dann so, als wollte ein Kind die Hosen seines Vaters anziehen und den kleinen Gernegroß spielen. Nur hübsch bei der Stange bleiben! Auch ich war in Arkadien geboren, auch ich habe die schwersten Sachen aufgeführt, habe aber bald einsehen gelernt, daß sich der Meister in der Beschränkung zeigt. Also nur Melodiöses und recht Sangbares! Und dafür ist Meister. Naumburg wie geschaffen, denn er sorgt für alle gegebenen Fälle, auch wo der Chor nicht in der Stärke auftreten kann, wie es wünschenswert, wäre. Und ist es bei Landchören nicht immev so. Es braucht nur eine gute Stimme auszufallen und die Ausführung .einer Piece ist illusorisch. Daß ich Sulzer/ Lewandowsky unH Freund Rubin in die Auswahl nicht einbezog, ist deshalb geschehen, weil ich voraussetze, daß in größeren Gemeinden dieselben selbstverständlich aus dem Repertoire figurieren. Auf eine Belehrung, daß Sulzer und Lewandowsky unsere Klassiker sind, muß ich verzichten. denn es klingt aus dem Munde des geehrten Herrn Kollegen gar zu naiv, mich belehren zu wollen, was uns Sulzer ist, da ich schon vor mehr als 20 Jahren über die Bedeutung Sntzers nicht nur in unserem Fachblatt, sondern auch in anderen Blättern genügend daraus hinwies! Jnngbunzlau, im Jänner 1906. Benedikt Singer. Uerschiedene Nachrichten. Wien. Zum Ehrengeschenke für Oberkantor I. Bauer haben noch beigetragen die Kollegen: Singer-Jungbunzlau, Pollak-Bechiu, Kohu- Rakonitz, Schwarz-Bukovar und Kestel-Bielitz. Wien. Am 18. Tebeth verschied in Piskolt lKomitat Szatmsr) der ehemals gefeierte altjüdische Chasan Abraham S ch o r r im hohen Greisenalter. Der Verstorbene, Vater des Herrn Oberkantor Mayer S ch o r r in Wien, zeichnete sich durch tiefe talmudische Gelehrsamkeit nnd frommen Lebenswandel aus. Er zählte zu den hervorragendsten Chasanim seiner Zeit nnd fungierte lange Jahre hindurch in den Gemeinden Zbarac, Zolkiew, Jaroslau und Krakau. In letzterer Stadt folgte ihm sein Sohn Moses S ch o r r, der bis auf den heutigen Tag an der alten Synagoge amtiert. Seinen Lebensabend verbrachte er in Zurückgezogenheit in Piskolt und erfreute sich in allen Schichten der Bevölternng, dank seiner Herzensmilde und Wohltätigkeit, allgemeiner Verehrung, die auch in der zahlreichen Beteiligung an dem Begräbnisse zum Ausdrucke kam. Wien. (S ch u l i ns p e kt i o n im „Jüdischen Schutv e r e i n.") Wie alljährlich wurde auch heuer die Bibelschnle des „Jüdischen Schulvereines im IX. Bezirke", Glasergasse 24. einer genauen und eingehenden Inspektion unteitzogen. Sonntag, den 14. d. M., besuchte nämlich der Inspektor für den israelitischen Religionsunterricht, Herr Professor M. Kanitz. diese Schule und wurde, nachdem sich derselbe über den gegenwärtigen Stand der Schüler, wie über die regelmäßige Frequenz derselben in den verschiedenen Abteilungen informiert hatte, die EL Abteilung, die gerade unterrichtet wurde, in den verschiedenen Lehrgegenständen geprüft. Sodann wurde die Hl. Abteilung, die sich aus Bürger- und Mittelschülern rekrutiert, gleichfalls in eingehendster Weise geprüft, und beantworteten die Schüler alle Fragen in hebräischer Grammatik, Pentateuch und Religionslehre rc. in sehr zustiedenstellender Weise. Nach nahezu zweistündiger Anwesenheit verließ Herr Inspektor Kanitz sichtlich bestiedigt die Schule. Wie«. Samstag, den 27. d. M., veranstaltet der Verein „Jehudah Halevy" im Festsaalc des „Hotel Guth". II., Stefaniestraße 14, einen „Jehudah Halevy"-Abend mit reichhaltigem Programme. Herr Dr. Leopold Kahn wird den Festvortrag halten. Beginn Uhr abends. Karten sind im Vereinslokale. II., Rembrandtstraße 7 und im „Verlag Zion" zu haben. — Sonntag, den 28. d. M., um 6 Uhr abends, findet im Verein „Jehudah Halevy" ein Bortrag statt. Referent und Thema Vorbehalten Aufruf! Die Brigittenau wird mit Recht der Sammelpunkt der armen jüdischen Bevölkerung Wiens genannt. Groß, unermeßlich groß ist die Not unter der Judenschast dieses Bezirkes. All unser Bemühen, nur teilweise das Los unserer armen Glaubensgenossen zu mildern, scheitert aber an der Unzulänglichkeit der uns zu Gebote stehenden Mittel. Wir bitten daher unsere besser situierten Glaubensgenossen, ihr Augenmerk dem ärmsten aller Wiener Bezirke zuzuwenden und uns durch Spenden in die angenehme Lage zu versetzet!, den zahlreichen an uns gestellten Anforderungen gerecht werden zu können. Für den Brigittenauer israelitischen Unterstützungs-Verein: Adolf Schreiber, Obmann, XX., Klosterneuburgerftraße Nr. 19. Hermann Elt bogen, Joses Wünsch, Kultusvorfieher. Armenrat. Gütige Spenden wolle man gefälligst an Herrn Adolf Schreiber richten, und werden dieselben in den Wiener jüdischen Blättern ausgewiesen werden.

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