Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 4. bemerkenswerter als das, was hervorragende Persönlichkeiten bei solchen Anlässen sagen und schreiben, ist das, was bei solchen Anlässen gelegentlich und auch von minder hervorragenden Personen gesagt bezw. geschrieben wird. Schließlich ist es ja nur natürlich, daß einer jüdischen Versammlung, die eine patriotische Feier begeht oder zu einem wohltätigen Zweck zusammengekommeu ist, Liebenswürdigkeiteil gesagt werden. Interessanter unseres Erachtens und bedeutsamer ist beispielsweise, was in dem von Madison Peters in seinem aus Anlaß der jüdischen Jubelfeier veröffentlichten Werke „Die Juden in Amerika" in dem Kapitel über ..Finanzen" mitgeteilt wird. Danach hat der verstorbene frühere Mayor von Newyork, Wm. L. Strong, nicht in einer jüdischen, sondern in einer Versammlung von Geschäftsleuten über die Ehrlichkeit jüdischer Geschäftsleute konstatiert: Ich habe weniger Geld verloren durch Verkaufen an Leute, die nichts hatten, als an reiche Geschäfte. Ich erinnere mich da eines Mannes, der bei mir eine Kiste Ware aus Kredit kaufte. Das war der Anfang. Nach zwei Jahren kreditierten wir ihm bis zu 30.000 Dollars. Es war ein Jude. Nach 16 Jahren teilte er 250.000 Dollars mit seinem Associe. Ich bin selbst ein Vierteljude. Das will'sagen, ich habe mehr Vertrauen, daß Juden ihre Schulden zahlen, als daß Christen es tun. Wir haben an Christen viel mal so oft verloren als an Juden, und von Juden, die falliert haben, haben zehn ihre Schulden voll bezahlt, gegen einen Christen. — Was sagen dazu die deutschen Antisemiten, deren am meisten geglaubter Glaubenssatz ist, daß die jüdischen Geschäftsleute mehr oder weniger unreell sind und betrügerischen Bankerott zu machen belieben? Als wenn es nicht gewissermaßen ein Widerspruch in sich selbst wäre, von Leuten, die hauptsächlich auf Geschäfte angewiesen sind und notorisch im Geschäftsleben Erfolge haben, zu behaupten, daß sie der Basis alles Geschäftslebens entbehren, nämlich der Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit. Dabei fällt uns ein, daß eine andere, kaum minder geglaubte Behauptung der deutschen Antisemiten dahin geht, daß die Juden Materialisten seien. Nun fügt es sich so, daß die „New Jork Evening Post" , vielleicht die einzige amerikanische Tageszeitung, die nicht nach nur geschäftlichen, parteipolitischen, sondern nach staatsmännischen Grundsätzen geleitet wird, die eher zum Tadeln als zum Loben hinneigt, jüngst in einem längeren Artikel gerade den Idealismus der Juden hervorgehoben hat. Keine Klasse der so verschiedenartig zusammengesetzten Bevölkerung Amerikas habe dem Lande ein höheres Ideal des Familienlebens gegeben als die Juden. Kein anderer Teil der amerikanischen Bevölkerung sorge so gut und so liberal für seine Kranken, Alten und Angestellte, und kein anderer Teil unterstütze so freigiebig die Armen und Hilflosen anderer Sekten. In den Listen der Geber an die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten Newyorks finde man außerordentlich selten christliche Namen, während die sogenannten „christlichen" Wohltätigkeitsanstalten selten vergebens sich an Leute jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung wenden. Der Wissensdrang, der die städtischen höheren Lehranstalten mit den Söhnen von Juden fülle, die als Zwischendeckpassagiere herübergekommen sind, sei an sich schon der beste Beweis des jüdischen Idealismus. In Deutschland machen die Antisemiten den Juden diesen Wissensdrang zum Vorwurf und in dem benachbarten Rußland hat man alles mögliche getan, diesen idealen Trieb der Juden unbeftiedigt zu lassen. Das genannte Blatt hebt dann noch die Leistungen und Verdienste der Juden um die Wissenschaft und um die städtischen und nationalen Reformen hervor. Was, fragt es. würden unsere Reform- und City-Klubs, unsere Bürgervereinigung gewesen sein, ohne die Juden und ihre generöse Unterstützung? Welcher Kulturbewegung haben die Juden ihre Förderung versagt? Niemand in Amerika habe einen höheren moralischen Standpunkt eingenommen oder für einen reineren Idealismus seine Stimme erhoben, als Felix Adler. Niemand habe kräftiger gegen den Krieg, dieses Konglomerat aller Niederträchtigkeiten, gesprochen, als Oskar Strauß. Und zu diesen Namen könnte noch eine ganze Schar anderer orthodoxer und nichtorthodoxer Juden hinzugefügt werden, und solchen Leuten schulde Amerika großen Dank. Die „Post" hebt sodann hervor, daß die außerordentliche Entwicklung des musikalischen Lebens in Amerika zu einem sehr großen Teil den Juden zu verdanken sei. Wenn von irgend jemandem in Amerika die Musik für eine Notwendigkeit angesehen wurde, so sei es von den Juden. Am anerkennenswertesten aber sei die Tapferkeit und Großgeistigkeit, mit welcher die Juden Verfolgungen und Intoleranz ertragen. Alle gesellschaftliche Antipathie hätten die Juden ertragen mit exemplarischer Geduld und Würde, oft mit einer Vornehmheit, die man mit Unrecht eine christliche nenne. Dazu habe sie wie ihre Religion, ebenso ihr Idealismus in den Stand gesetzt. Es sei, als wenn sie mit Ruskin in die Noblesse der menschlichen Natur, in die Majestät ihrer Gaben, in die Fülle ihrer Liebe ihr Vertrauen gesetzt, daß sie einmal gerechtfertigt dastehen würden, und der Zuversicht gewesen wären, daß einmal jenes blinde, unvernünftige Vorurteil verschwinden werde, unter welchem sie Jahrhunderte hindurch gelitten haben und mit dem sie noch lange zu rechnen haben dürften. Die ursprüngliche Dortr-rgsnieilc des Meeresliedes und des Hallet. Bon Rabbiner Stark, Prag-Weinberge/ In dem interessanten Artikel „Singen und Sagen" in Nr. 1 dieses geschätzten Blattes vom 5 d. M. sagt Herr Oberkantor Singer, daß auf die sich aufdrängende Frage, nach welchen Gesetzen oder Anordnungen diese Psalmengesänge (Halle!) im alten Judentume gesungen wurden, wegen des bedauerlichen Mangels jedweder jüdisch-historischen Quelle vom jüdischen Standpunkte aus keine Antwort gegeben werden kann. Obgleich nicht stimmbegabt und kein gesanglicher und musikalischer Fachmann, erlaube ich mir dennoch, Herrn Oberkantor Singer auf die von ihm mit großem Bedauern vermißte jüdisch-historische Quelle aufmerksam zu machen. Diese Quelle hat zwar nicht in erster Linie die Psalmeugesänge (Hallet), sondern die Schirah, das Lied, welches Moses und Israel nach dem wunderbaren Zuge durch das Rote Meer angestimmt haben, zum Gegenstände, aber es wird dort auch auf das Hallel Bezug genommen. In der Mischnah, Toßiftha und Gemara Sota 30 b wird nämlich die Frage erörtert, in welcher Weise, oder in welcher Ordnung Mose und die Israeliten das herrliche Lied gesungen haben. Drei der bedeutendsten Mischnahlehrer geben hierüber ihre von einander abweichenden Meinungen kund. Der erste, R. Akiba, behauptet, Mose allein habe das Lied vorgetragen und das Volk habe stille zugehört, nur zum Schlüsse eines jeden Verses oder Absatzes habe das Volk dessen Anfang gleichsam als Refrain wiederholt, gerade so wie beim Hallel, wo einer, der Kundige, das Ganze vorträgt und die anderen, die Nichtkundigen, am Schlüsse eines jeden Absatzes „Hallelujah" rufen; R. Elieser, Sohn des R. Jose aus Galiläa, ist der Meinung, Meinung, Moses habe jeden Vers des Liedes dem Volke vorgesprochen und dieses habe dann denselben wiederholt; R.Nechemjah äußert die sonderbare Ansicht, daß Mose bloß mit dem Gesänge begonnen, denn das Volk, vom gleichen prophetischen Geiste wie er erfaßt, habe gleich nach den ersten Worten mit eingestimmt und wunderbarerweise dieselben erhabenen Worte für den Ausdruck seiner Gefühle und Gedanken wie der große Prophet gefunden. Toßafoth zur Stelle führt indes die Toßiftha an, nach welcher die Meinung des R. Nechemjah anders lautet, nämlich, daß Moses immer den ersten Halbvers und das Volk den zweiten Halbvers (Parallelismus) gesprochen. Im Midrasch Tanchumah wird lediglich diese letzte Meinung über die Art und Weise, in welcher Mose und Israel das Lied sangen, ausgesprochen, nur wird diese Meinung dort nicht dem R. Nechemjah,! sondern dem R. Eleasar b. Tadjah zugeschrieben, i Im ganzen also bestehen vier Meinungen über die Vor-! tragsweise des Liedes vom Roten Meere. Nach der ersten hat! Moses allein das Lied gedichtet und gesprochen und das Volk I nur die Anfangsworte einer jeden Strophe nach jedem Vers | wiederholt (Refrain); nach der zweiten hat das Volk jeden von