Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 4. lieferte nun eine Zeitschrift aus Odessa in Nr. 17 der „Köln. Ztg.", in der es hieß: Es hatten sich mehrere Hilfskomitees gebildet, um die schwer geschädigte jüdische Bevölkerung zu unterstützen. Auch aus dem Auslande sind namhafte Summen eingelaufen. Leider sind die Spenden nicht dazu verwandt worden, wofür sie bestimmt sind; sicher ein Viertel der Gelder ist zur Bewaffnung der Mitglieder des sozialistisch-revolutionären Vereines „Bund" und auch zur Anfertigung von Bomben verwandt worden. Mögen die Spender, namentlich in Deutschland, vorsichtig sein und nur solchen Komitees Geld senden, vie wirklich die armen Juden unterstützen und nicht die Revolutionsparteien! Hierzu erhielt das Blatt vom Hilfs verein der deutschen Juden die Mitteilung, daß die von ihm nach Rußland geschickten Gelder ganz ausschließlich im humanitären Interesse verwandt werden und daß jede Unterstützung der Revolutionäre ganz nnd gar ausgeschlossen sei. Das Komitee in Odessa bestehe durchweg aus reichen und angesehenen Personen und es könne gar nicht in Frage kommen, daß diese die ihnen übergebenen Gelder zur Unterstützung der Revolution verwendeten. Von derselben Seite erhielt die „K. Z.' die Nachricht, daß eine jüdische Abordnung, die vor einigen Tagen von derartigen Gerüchten gehört hatte, sich direkt zum Ministerpräsidenten Grasen Witte begeben hat, um gegen die Anschuldigungen Einspruch zu erheben. Graf Witte antwortete den Herren folgendes: Es handelt sich hier um ein lächerliches Mißverständnis und ich bedaure, daß der uneigennützigen und nützlichen Tätigkeit der jüdischen Hilfskomitees im Anslande aus solche Weise Schwierigkeiten bereitet werden. Von der völligen Grundlosigkeit dieser böswilligen antisemitischen Ausstreuungen konnte sich auch jedermann überzeugen, der in den letzten Tagen in den Bureaus der . Israelitischen Allianz" nnd des ..russischen Hilfsvereines" in Wien die nach hunderten zählenden russischen Flüchtlinge Revue passieren ließ. Das sind gewiß nicht Revolutionäre, sondern arme bedauernswerte Menschen, denen selbst ein in Eisen gepanzertes Herz Mitleid und Mitgefühl nicht versagen kann. Leider sind die gesammelten Gelder, die nach den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz zunächst für die Hilfsaktion in Rußland selbst verwendet werden sollen, viel zu gering, um wenigstens einem Theil dieser Unglücklichen eine neue Existenz in einem fteieren Lande zu verschaffen und es muß darum der Appell erneuert werden, durch reichlichere Spenden die Möglichkeit zu bieten, daß eine Emigration im größeren Stile eingeleitet werde. * * * Die Erwartungen, daß durch den Rücktritt des früheren preußischen Justizministers Schönstedt der antisemitische Kours in der Justizverwaltung eine Aenderung erfahren werde, haben sich leider nicht erfüllt. In der jüngst durchgeführten Etats- Lebatte brachte der freisinnige Abg. Wiemer die Begnadigung des Grafen Pükler zur Sprache, indem er bemerkte: Auf das Konto des Herrn Schönstedt ist wohl auch die Begnadigung des anttsemitischen Grafen Pückler zu fetzen, der wegen Aufreizung zu Gefängnis verurteilt ist. Ich hoffe, daß der neue Minister, der für die gerechte Handhabung der Gesetze eingetreten ist, zu einer derartigen Be- . gnadigung nicht die Hand bieten wird. Die Antwort des neuen Justizministers Dr. Beseler erfolgte in der nächsten Sitzung. Sie lautete: Der Abg. Wiemer hat gestern auf einen Fall der Begnadigung angespielt und hat dabei angedeutet, daß dießer Erlaß wohl noch unter die Verantwortlichkeit meines Vorgängers falle; ich möchte ihm darauf antworten, daß die Verantwortung hierfür lediglich von mirübernommenwordenist. Nun ist der Schleier gelüftet, der neue Justizminister scheint die Wege des Herrn Schönstedt wandeln zu wollen. * Die liberale Partei wird mit großer Majorität in das englische Parlament einziehen, und dieser Umstand bietet sichere Gewähr, daß die Härten des Fremdengesetzes, welches das abgetretene konservative Ministerium noch unter Fach brachte, wenigstens in der Ausführung einige Milderung erfahren werden, da die Liberalen sich zum größten Teile als Gegner dieses Gesetzes erklärten. In dem neuen englischen Ministerium bekleidet ein Jude, Herbert Louis Samuel, das Amt eines Unterstaatssekretärs im Departement des Innern. Er ist 45 Jahre alt, dem Unterhause gehört er seil vier Jahren an; auch sein Bruder ist Parlamentsmitglied. S. hat gegen das Fremdengesetz gestimmt. Trotzdem hat die Regierung ihm, dem Juden und Gegner des Fremdengesetzes, ein Amt anvertraut, in dessen Kompetenz die Ausführung eben dieses Gesetzes fällt. Prof. Dr. Gustav Wilh. Kickest. Mit Prof. Dr. Bickell ist einer der hervorragendsten Orientalisten, groß an Geist, Gemüt und Wissen, gestorben. Mir war es viele Jahre vergönnt, seine Vorlesungen zu hören, und die Gründlichkeit und Tiefe seiner Forschung, wie seine seltene Klarheit bei Erklärung der sprachlichen Formen und Erscheinungen zu bewundern. Seine hebräische Grammatik ist ein wahres Musterwerk, das die Genesis der Verbalformen insbesondere dem Forscher klar vorführt. Er nahm bei jeder Form das ursemitische Sprachengebilde vor, aus dem er dann die Form erklärte. Seine Hinweise auf die verwandten Sprachen, das Arabische, Aramäsche und Syrische waren äußerst interessant und lehrreich. Wie bei der hebräischen Grammatik ging Prof. Dr. Bickell auch in der aramäischen und syrischen vor, die er gründlich beherrschte. Seine Interpretation der biblischen Bücher, seine Einteilung und Feststellung des Metrums in den Psalmen, soviele Gegner sie selbst im katholischen Lager gefunden haben mögen, war stets für die Hörer von großem Interesse, ebenso die Erklärung der aramüschen Bestandteile der Bibel, wie Daniel, Esra, wo eine wundersame Gründlichkeit jeden Zweifel, jede Unklarheit bannte. Eine jede Form wurde zerfasert und auf die ursemitische Form zurückgesührt, aus der sie abgeleitet ward. Seine Vorlesungen und Uebnngen im Syrischen, wo namentlich die Evangelien und eine Chrestomathie aus dem Syrischen behandelt wurden, waren hochinteressant, da hie und da die aramäische Uebersetzung der Stellen vorgenommen wurde. Er wollte die Schüler daran gewöhnen, die Aehnlichkeit der beiden Idiome, des Syrischen und Aramäischen, durch vergleichende Uebersetzungen kennen zu lernen. Bei der Prüfung entwickelte Bickell eine solche Güte und nie zu verleugnende Milde, daß damit oft Mißbrauch getrieben ward und das Professorenkollegium der philos. Fakultät Kolloquienzeugnisse von Bickell allein zeitweise als nicht für die Kollegiengeldbefreiung entscheidend erklärte. So hoch man seine Gelehrsamkeit und Güte auch schätzte, so wenig wollte man den Mißbrauch durch unwürdige Elemente dulden, die wahre Herzensgröße ausbeuten und schließlich — verlachen. Bickell wurde oft sehr getäuscht. So erzählte man sich, es seien arme Leute zu ihm gekommen, die er unter vielen Entschuldigungen reichlich beschenkte, aber nicht los werden konnte, da sie stets unter anderen Vorwänden neue Bitten und Bedürfnisse vortrugen und auch durchsetzten. Bezüglich der Judenfrage war der strenggläubige Katholik sehr milde und verurteilte als echter Frommer die antisemitischen Nichtswürdigkeiten auf das entschiedenste. Auch auf Prof. I Rohling in Prag kamen wir zu sprechen. Da meinte er, ' Rohling sei von der Richtigkeit seiner Ansichten durchdrungen, er handle so aus Ueberzeugung und nicht etwa aus blindem Hasse. Es sei dahingestellt, ob sich das gute edle Herz darin nicht, wie in manchen andern menschlichen Dingen, täuschte. Seine reichhaltige Bibliothek enthält auch die Mischna, die er gut zu lesen verstand. Hinsichtlich des Talmud scheint Bickell zwar Studien gemacht und sicherlich den hagadischen Teil verstanden zu haben, während ihm die Halacha, der Anfbau irgend eines Themas, das schakel watarje wohl doch schwer gewesen sein mag. Ich wollte nie mit ihm darüber sprechen, da ich dies als Anmaßung ansah. Hingegen machte ich ihn aufmerksam, daß seine hebräische, aramäische und syrische Grammatik für alle Forscher den größten Wert habe und herausgegeben worden sollte, was er einsah, aber meines Wissens nicht tat (außer der hebräischen Grammatik in englischer Sprache). Hoffentlich wird einer seiner Freunde die Herausgabe dieser wichtigen, für Vorlesungen verfaßten Hefte, zu denen er freilich mündlich viele Zusätze machte, in seinem Geiste besorgen. Sollte