Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aßr^eit Redaktion ii. Adiniiiistiaiio»: Wien, II/, Novaragasse 27. Telvphv» Sir. der Druckerei I53»L Inserate HO Hell, »er Noiipareille-Aeue. Abonnementsu. JnsertiouSbeträge und in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitfchnft für jüöifche Intere^en. Krscheinl jeden Kreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verngspyeis: Äauzjährig . . . ft. j*.— Halbjährig . . ft. 6.— ll Für Snltiiabeumte: jj Ganzjährig . . . ft. io — jj Für Ausland: jl Ganzjährig . . . s Mark | 6 Rubel oder »6 Fc». Ur. 4. Wien, 26. Jänner 1966. Inhalt: Aus der Woche. — Professor Dr. Gustav Wilhelm Bickell. — Offenes Schreiben. — Heber den Antisemitismus in der Schweiz. — Amerikanischer Brief. — Die ursprüngliche Vortragsweise des Meeresliedes und des Halle!. — Verbandstag der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgesunden. — Gesänge von Einst und Jetzt. Ans der Woche. Die von der jüdisch-nationalen Partei angeregte Bewegung, bei der bevorstehenden Wahlreform auch den Juden in Oesterreich auf Grund der nationalen Autonomie eine ihrer Zahl und Steuerlraft entsprechende Vertretung im Abgeordnetenhause zu sichern, findet in den mährischen und galizischen Gemeinden immer mehr Anhänger. In zahlreichen jüdischen Versammlungen, die in der letzten Woche in den beiden Kronländern abgehalten wurden, erhielten die in der Vorwoche in den Wiener Versammlungen diesbezüglich aufgestellten Forderungen starken Sukkurs und namentlich in Galizien wendete sich der allgemeine Unmut mit handgreiflicher Deutlichkeit gegen jene jüdisch-polnischen Abgeordneten, die im Widerspruche mit der großen Mehrzahl ihrer Wähler, sich noch immer an die Rockschöße des Polenklubs hängen. Daß die Vertrauensmännerversammlung der „Oesterreichisch-israelitischen Union" sich gegen die nationale Autonomie der Juden erklärte, kann bei der bekannten Abneigung der maßgebenden Wiener Kreise gegen die Betonung des jüdisch-nationalen Standpunktes niemanden Wunder nehmen. Diesem Widerstande dürfte es aber kaum gelingen, der mächtigen Bewegung Schranken zu setzen. Alle Freunde der Wahrheit und Gerechtigkeit sind von der Hoffnung erfüllt, daß im Hilsner-Prozeß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, und in dem Bestreben, aufklärendes Licht auf die dunklen Wege dieses seltsamen Prozesses zu werfen, gibt der Berliner Rechtsanwalt Dr. Nußbaum eine auf aktenmäßiger Grundlage angestellte kriminalpsychologische Untersuchung heraus. Professor v. Liszt hat zu dem demnächst erscheinenden Buche ein Vorwort geschrieben, in dem er unter Anderem folgendes sagt: „ Das Strafverfahren gegen Leopold H i l s n e r wegen Ermordung der Agnes Hruza in Polna ist bisher das e r ft e, das, unter dem Gesichtspunkte des Ritualmordes eingeleitet. zu der Verurteilung des durch die Volksstimme Bezichtigten geführt hat. Die aktenmäßige Darstellung dieses Strafverfa hrens ist daher für die Kulturgeschichte des ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts eine Urkunde von einzigartiger Bedeutung. Allerdings hat die Staatsanwaltschaft in der erneuten Schwurgerichtsverhandlung zu Pisek (1900) die Annahme eines 'Ritualmordes mit Entschiedenheit abgelehnt; aber die ursprüngliche Beweisaufnahme und die erste Verhandlung vor dem Schwurgerichte in Kuttenberg (1899) stand unter dem herrschenden Zeichen der Blutbeschuldigung; dieses dem Strafprozeß gegen Hilsner von allem Anfang an gegebene Gepräge hat die Staatsanwaldschast ihm nicht wieder zu nehmen vermocht. Indem sie das Motiv des Ritualmordes preisgab, beraubte sie sich der Möglichkeit, die dem Angeklagten zur Last gelegte Tat psychologisch zu erklären: für die Annahme eines Lnstmordes, auf die sich die Anklage in Pisek stützte, fehlte es an jeder ausreichender Grundlage. Und dennoch die Verurteilung wegen Mordes! Als Ritualmordprozeß wird der Fall Hilsner in der Kulturgeschichte fortleben. Die Ueberzeugung des Volkes, daß Christenblut zu jüdischrituellen Zwecken beschafft werden sollte, hat den Verdacht auf Hilsner gelenkt; von dieser Ueberzeugung ist die private Untersuchungskommission ausgegangen, als sie, neben dem behördlichen Verfahren, das Belastungsmaterial gegen den Beschuldigten zu gewinnen suchte; von dieser Ueberzeugung sind die Aussagen der Zeugen getragen; in ihr liegt die Erklärung für den sonst kaum begreiflichen Wahrspruch der Geschworenen. Aber nicht nur dem Kulturhistoriker, sondern auch dem Kriminalisten bietet der Prozeß Hilsner ein außergewöhnliches Interesse. Er liefert einen Beitrag zur Psychologie der Aussage, der alle theoretischen Auseinandersetzungen über dieses Thema und alle experimentellen Untersuchungen in den Schatten stellt. Der Verfasser hat es verstanden, auch diese Bedeutung des Falles in das richtige Licht zu setzen. In anschaulichster Weise zeigt er uns an der Hand der Akten die Macht der Suggestion; wie aus dem Volksaberglauben heraus die Phantasiebilder in den Zeugenausagen entstehen, wie sie immer festere Geftblt gewinnen, anschaulicher werden und zahlreichere, kennzeichnende Einzelheiten aufnehmen; wie nach langen Monaten neue Zeugen sich melden und unter ihrem Eide über entscheidende Tatsachen berichten, die sie bis dahin nnbegreiflicherweise bei sich behalten haben; wie die Maschen des Netzes immer enger werden, dos sich über den Verdächtigen zusammenzieht. Die Kriminalistik kann reiche Belehrung und vielfach neue Anregung aus dem Buche schöpfen, und so möchte ich das gründliche Studium der Schrift den Gebildeten aller Kreise, ganz besonders aber unseren deutschen Strafrechtspraktikern wärmstens empfehlen. Es ist keine Tendenzschrift, was der Verfasser uns geliefert hat, sondern eine nüchterne, streng wissenschaftliche, überall auf dem Akteninhalt fußende Darstellung eines der interessantesten und lehrreichsten Prozesse aus dem letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts". * * ..Die Hilfsgelder für die russischen Juden werden in den Dienst der russischen Revolution gestellt" — so verkünden schon seit Wochen die antisemitischen Blätter. Wasser auf ihre Mühlen