Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 3. Schrecklichste.- Wildes Mordbrennen, Greuelszenen, die der Mund wiederzugeben.schaudert. Mit knapper Not rettet er das nackte Leben und kehrt zu seinen Söhnen zurück. Auch sein zweiter Sohn empfängt ihn mit offenen Arme:-. Er erzählte ihnen das Schauerliche. „Ging nicht ein Schrei des Entsetzens durch die ganze zivilisierte Welt?", tönt es aus Sohnes Munde ihm entgegen. „Ach wie klein ist diese Welt", antwortet der gramgebeugte Vater. „Der.größte Teil der Wellt" geht darüber stillschweigend zur Tagesordnung über, sie setzt die Entsetzenstaten als interessante Nachricht, als schönes Schauspiel auf. Es waren doch nur Juden. Wenn aber ein alter Rduc von einer geldgierigen Demimonde zerstückt wird, dann scheint es, als ginge die ganze zivilisierte Welt aus den Fugen und bis in die Schulstübe des letzten Dorfes hinab hört man Zetergeschrei." Des Vaters Schmerz übte einen solchen gewaltigen Eindruck auf den verlorenen Sohn, daß auch er für seine Herkunft und Abstammung wieder wärmer fühlte; er läßt Amt und Ehren und zieht mit dem alten Vater in die neue Welt. Die Besetzung war. die glücklichste. Die Darsteller boten ihr Bestes. Die Figuren aus der Bühne brachten alles, was der Dichter empfunden, so plastisch zum Ausdrucke, die Empfindungen und Vorgänge der Dichterseele wurden mit soviel Wärme dargestellt, daß die Zuhörer hingerissen wurden. Nach Schluß des ersten Aktes ertönten laute Beifallsrufe aber auch Pfuirufe wurden gehört. Von Szene zu Szene wuchs der Beifall. Als der Vorhang zum letzten Male sank, standen die Zuhörer noch unter dem Banne des Gehörten. Tiefer sittlicher Ernst, warmherzige Rührung hielt die Premicrenbesuch er gefangen; . wie ein schwerer Alp lag er auf allen Gemütern. Minutenlange, lautlose Stille, dann brach ein Beifallsjubel los. Die Herzen machten sich in einer Beifallssalve Luft, die lange. anhielt. Dichter und Darsteller mußten immer wieder vor der Rampe erscheinen. .Inzwischen verließen die - Gegner des Stückes, ohne Gegenkundgebung zu wagen, das Haus; sie waren von den tiefen.Wahrheiten selbst ergriffen. Als der Beifallssturm verrauscht war, schlich sich der Dichter bei der Hintertür hinaus. Er hatte in den Augen des Direktors und Intendanten, die ihn so mitleidig anblickten, sein Urteil gelesen: ..Du hast die Wahrheit zu offenkundig gesagt, die Macht der Wahrheit hat gezündet, doch diebreiten Massen sollen in Wahnvorstellungen und Lügen leben". Das Stück wurde vom Repertoir abgesetzt. Die politische Zukunft der Inden in Oesterreich. Die in zahlreichen Versammlungen in der Provinz seitens der jüdischnationalen Partei aufgestellte Forderung, bei der bevorstehenden Wahlreform die nationale Autonomie der österreichischen Juden anzustreben und im Falle der Einführung nationaler Kurien auch eine jüdische Kurie, insbesondere aber für Galizien und die Bukowina jüdische Wahlkörper zu beanspruchen, kam auch in drei am letzten Sonntag mit der Tagesordnung „Die politische Zukunft der Juden in Oesterreich" in Wien einberufenen Volksversammlungen zu lebhaftem. Ausdrucke. Die Versammlungen zeigten überall ziemlich starken Besuch, wiewohl das studentische Element stark überwog und jene Kreise, von denen man die aktive Teilnahme am politischen Leben und die praktische Durchführung der aufgestellten Forderungen voraussetzen konnte, entschieden in der Minorität waren. Mag dieses geringe Interesse breiter Schichten der jüdischen Bevölkerung Wiens auf Indolenz oder Kurzsichtigkeit beruhen, so ist die Tatsache selbst in jedem Falle bedauerlich; denn wir können es wohl begreifen, wenn man die Geltendmachung der nationalen Rechte aus taktischen, politischen oder wirtschaftlichen Gründen bekämpft, aber an dieser höchst wichtigen Frage teilnahmslos vorüberzugehen und vor derselben die Augen zu schließen, das zeigt von einem Mangel an politischem Blick, der sich wohl später an manchem stark rächen dürste. Die Lage des österreichischen Judentums ist nicht gar so rosig, daß man sich den Luxus gönnen könnte, der sachgemäßen und leidenschaftslosen Diskussion eines von welcher Seite immer vorgeschlagenen Mittels zur Besserung der trüben Verhältnisse einfach aus dem Wege zu gehen. Wer es ehrlich meint, muß seine. Stimme abgeben, sei es pro oder contra. Im nachstehenden der Bericht: In der Versammlung im Ronachersaal hatte der Obmann des zionistischen Landeskomitees Dr. med. I. Schallt das Referat., Er führte aus, daß sich die Juden hundert Jahre lang alle Mühe gaben, in der Kultur der arischen Völker aufzugehen. Speziell in Oesterreich haben sie sich den deutschfreiheitlichen Parteien angeschlossen, die allein für sie eingetreten sind. Der Erfolg war, wie sich jetzt zeigt, kein großer, von einer Gleichberechtigung der Juden ist heute nur auf dem Papier die Rede. Es wäre ein großer Undank von den Juden, wenn sie vergessen würden, was sie dem deutschen Bürgertum schuldig sind. Aber angesichts der nationalen Bedrängnis und des Ansturms der Reaktion hat das deutsche Bürgertum, haben die deutschfreiheitlichen Gruppen größere Sorgen, als sich um die Schmerzen der Juden zu kümmern. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt die Juden, selbständig an der Sanierung der politischen Verhältnisse in Oesterreich mitzuarbeiten und eine Politik der Staatsinteressen zu treiben. Sie müssen alle Bestrebungen unterstützen, die die nationalen Interessen von den wirtschaftlichen und politischen trennen, und das sei die nationale Autonomie. Diese aber müssen auch die Juden-beanspruchen, wenn sie in Oesterreich kommt, weil sonst ihr Untergang besiegelt ist. Würde in Wien z. B. ein deutscher Nationalrat irgendwelche Rücksichten auf die Juden nehmen? Der Einwand, daß die Juden dadurch ihren politischen Einfluß verlieren, gelte nicht, weil auch heute weder die armen Juden noch die jüdische Intelligenz, sondern bloß ein paar reiche Herren auf Kosten der Juden Politik machen. Die nationale Autonomie wäre allerdings ein Unding ohne das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Neben der Autonomie verlangen die Juden zweitens innerhalb des allgemeinen Wahlrechtes ein P r o p o r t i o n a l r e ch t zum Schutze der nationalen Minoritäten. Die Juden sind in Oesterreich an Zahl stärker als die Italiener und nicht viel schwächer als die Slowenen und erheben danach ihre Ansprüche. Das dritte Postulat ist die Trennung von Stadt und Land bei der Einteilung der Wahlkreise zur Vermeidung der Majorisierung. Sollte das Prinzip des nationalen Wahlkatasters durchdringen, so verlangen sie viertens auch eine jüdische Kurie, insbesondere aber jüdische Wahlkörper in Galizien und der Bukowina, wo man nicht über ein Zehntel der Bevölkerung einfach zur Tagesordnung übergehen kann, weil sie Juden sind. Endgültig ist die Fabel vorbei, daß sich das jüdische Volk von einigen reichen Leuten vertreten lassen könne, und ebenso die andere, daß es dazu auserwählt sei, sich von allen Nichtjuden unterdrücken zu lassen. Das Judentum könne seine Interessen nur allein vertreten. (Lebhafter Beifall.) Dr. Baum garten tritt gegen diese Forderungen auf, weil durch jüdische Abgeordnete die Judenfrage nicht gelöst sein werde und weil die Juden mangels einer gemeinsamen Sprache kein Volk seien. Durch Erziehung und Sprache fühle er sich als Deutscher und werde sich sein Deutschtum nicht nehmen lassen. Dr. Zins, Vorstandsmitglied der „Oesterr.-isr. Union", erklärt, er habe gegen die Mehrzahl der. Vertrauensmänner diese Forderungen der Juden vertreten. Dreißig Jahre lang waren wir die deutschesten Deutschen, die polnischsten Polen, die liberalsten Liberalen. Aber wo sind unsere Erfolge? Wo ist unsere Gleichberechtigung. Die nationale Kurie wird nicht ein Ghetto schaffen, wir sind es niemals losgeworden. Jüdische Abgeordnete sind absolut nötig. Ein Kompromiß mit den Polen gegen die Ruthenen — wie es Dr. Byk empfiehlt — sei ohne jüdische Kurie wertlos, weil die bloße Konzession einiger Mandate keinerlei Garantien für die Zukunft biete. Während der konfusen Ausführungen des nächsten Redners Dr.Kanner kam es zu stürmischen Unterbrechungen durch die Jüdischnationalen und zu erregten Kontroversen zwischen diesen und den anwesenden Sozialdemokraten. Der Redner konnte minutenlang nicht fortsetzen.;