Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion n. Administration: Wien, 71/, Novaragasse 27. Telephon Jtr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeiie. AbonnelnentSn. Jnsei tionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. ^gtge Heitschrist für Mische InLerejseu^ Erscheint jeden Kreilag. Uotio: „Das LikKkl 6c»ttes ist Wahrheit!“ j Gerngspqeis: i Ganzjährig . . . K. i*._ j Halbjährig ... ff. 6.— i Für Cultnsbeaiute: Ganzjährig . . . K >0 — Für ^luSland: Ganzjährig . . . s Mark 6 Rubel oder it> Fcs. II r. 3 Wien, 19. IKnner 199«. Inhalt: Die Premiere. — Die politische Zukunft der Juden in Oesterreich. — Zur Reform des Wahlrechtes in der Wiener Kultusgemeinde. — Verbandstag der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen. — Verschiedene Nachrichten. Unsere Synagogenmusik und ihre Meister. — Fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Jänner begonnene 1. Huartat ersuchtdamit die regelmäßige Ausendung des Alattes Heine Unterbrechung erleide. Die Urerniöre. Eine lehrreiche Geschichte von Dr. H. Sigmundsohn. Das Hoftheater in M. war bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Auf den Galerien faßen und standen diesmal vorzugsweise alte Inden, welche dem Beginn der Vorstellung mit gespannter Erwartung entgegensahen. Das Parkett war von Rezensenten und Freikartenbesitzern, unter welche sich auch freisinniges Bürgerpublikum gemischt hatte, occupiert. In den Logen machte sich's die Elite der Gesellschaft, die hochgestellte Aristokratie bequem, jene Nachkommen uralter Geschlechter, in welchen Herz und Sinn für Menschenrechte, für > Freiheit und Gleichheit noch nicht ganz erstorben; aber auch! die Lauts iinance, welche sich ihrer Abstammung, ihrer Herkunft nicht schämte, war vertreten. Einen Teil der Logen hatten sich die Männer der herrschenden Partei und deren Schergen zu sichern gewußt; sie wollten das Stück zu Falle bringen. Inder Prosceniumloge saßen auswärtige Direktoren und Theateragenten. Die Hofloge war fast leer, der Regent und die Hofschranzen glänzten durch Abwesenheit. Intendanz und Direktion hatten die Aufführung des Stückes durchgesetzt, doch die Nebenregierung verstand es, den feinsinnigen Kunstmäcen, den Regierenden, fern zu halten. Der Dichter selbst befand sich hinter den Coulissen. Obgleich sein Name sich des besten Klanges erfreute — seine Essays pnd Novellen, seine philosophisch-kritischen Schriften hatten nicht unberechtigtes Aufsehen erregt und jede Neuerscheinung hes .begabten Schriftstellers wurde mit Enthusiasmus ausgenommen — konnte er sich der größten Erregung nicht erwehren. Dieses Mefühl ergreift ja jeden Autor vor einer Erstaufführung, weil ja doch die Laune, die Stimmung des Publikums veränderlich ist wie Aprilwetter; oft hängt sie von der Indisposition eines Darstellers, oder sogar von ganz zufälligen qußern Erscheinungen ab. Zu bangen Zweifeln war aber der Autor umso berechtigter, rveil die öffentliche Meinung oft einer Kokette gleicht, die man selten durch Adel der Gesinnung, durch Tiefe des Geistes gewinnt, sondern eher durch Phrasen und Komplimente fesselt, welche die Unwiderstehlichen bei leichtsinnigen Frauen mit soviel Erfolg anwcnden. Die Darsteller sprachen ihm Mut zu: Ihr Stück wird nicht durchfallen, dafür bürgt die tiefe Wahrheit, die in so herrliche Worte gekleidet ist. Freilich ahnten auch die darstellenden Künstler nicht, daß es sich dem Verfasser nicht um die „Unsterblichkeit", um den Autorruhm, sondern um den moralischere Erfolg handelte. Die elektrische Klingel kündete den Beginn der Vorstellung, der Vorhang rauschte in die Höhe. Eine atemlose Utille herrschte im Hause, man konnte eine Stecknadel fallen hören. Der Dichter schilderte die Judennot; es war die eigene Not. Das Stück war mit seinem Herzblute geschrieben. Er war selbst der Besten einer und sie ließen ihn keinen Alben sein, er durfte nimmer „Heil" rufen, darum ward er ein „Hedad" rufender Jude. Die Zurücksetzung schmerzte ihn und er zeichnete in lebhaften Farben die Präterierung, die Zurücksetzung aller, deren Stirne mit dem Kainszeichen Jude, mit dem Stigma der Inferiorität gebrandmarkt. Ein russischer Jude klagte über den Spott, der ihn, wo immer er erschien, empsing. Ans der Straße war's der wüste! Chorus böser Gassenbuben, der ihn quälte, und wenn er irgend ein Haus betrat und den Mund öffnete, so versuchte man seine Mimik, seinen Dialekt getreulich nachzuahmen. Freilich zeigen diejenigen, die sich in andere so hineinleben, daß sie deren Unarten, Gewohnheiten, Sprechart kopieren, so wenig eigene Individualität, daß sie die andern leicht in sich aufnehmen können. Und wenn man auch erhaben ist über allen Spott, er schmerzt doch. Sein begabter Sohn, ein Künstler von Gottes Gnaden, der Pinsel und Malstock zu handhaben weiß, er wird selbst aus den jüdischen Salons von minderwertigen Farbenkleffern verdrängt, weil es mehr Ehre ist, von nichtjüdischer Hand abkonterfeit zu sein. Der zweite Sohn unterliegt der Zeitftrömnng. Um zu Amt und Würden zu gelangen, wirft er den Väterglauben wie einen schäbigen Rock von sich. Er erblickt die einzige Lösung der Judenfrage in der Amalgamierung und heiratet eine Andersgläubige. Seine Gattin Marie, die Tochter eines leichtferügen Beamten, und ihre zwei Brüder, zwei liederliche Burschen, prassen auf Kosten des Schwagers, der sich redlich abmüht, um deren noble Passionen befriedigen zu können. Er wollte sie glücklich machen, dafür verlachten sie den Schwiegervater auf der Straße und nannten ihn .polnischer Jude". Dem Sohne wird der Assimilationswahn genommen, seine Gattin verschwindet mit einem jungen Fant. Den Vater duldet es nicht mehr in der Fremde; er kehrt in den Judenrayon zurück. Und was er dort erlebt, ist das