Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063318--04050-3070858- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. Nr. SL Trauerfeier für weiland Kaurat Mar Fleischer. Durch den erhebenden Trauergottesdienst, welchen der Vorstand' des Tempel-Vereines für den VI. und VII. Wiener- Bezirk Sonntag, den 7. d. M., 5 Uhr Abends, in der Synagoge in der Schmalzhofgasse nach feinem verewigten Präsidenten veranstaltete, wurde die edle Persönlichkeit dieses seltenen Mannes, dem in den weitesten Kreisen des Judentums ein treues Andenken bewahrt werden wird, nochmals vor unser geistiges Auge geführt. Alles, das schöne in Trauer gehüllte Gotteshaus, der weihevolle, wehmütig gestimmte Gottesdienst, war vom Geiste Fleischers erfüllt und brachte den zahlreichen Trauergästen den großen Verlust, den sie durch sein Hinscheiden erlitten, neuerdings zum Bewußtsein. Unter den Erschienenen waren zu bemerken: die Witwe mit den Angehörigen des Dahingeschiedenen, vom Vorstande der Kultusgemeinde die Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Kohn und kais. Rat Moriz Hirsch, die Vertreter Dr. Alfred Berger und Salo Cohn, der erste Sekretär Dr. Lieben und Sekretär Dr. Adler, vom Vorstande des Bethausvereines VI. und VII. der geschäftsführende Vizepräsident Dr. Jakob Engel mit den Vorstandsmitgliedern Leopold Bauer, Kommerzialrat Max Eisenberger, Generalkonsul Bernhard Janowitzer, Karl Kraus, Hermann Liebermann und Friedrich Pollak, die Vertreter der Mariahilfer Humanitsvereine, Bethausvorsteher S. A. Wasservogel, in Vertretung der ..Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" sowie des „Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender", in welch beiden Korporationen der Verblichene hervorragende Stellungen eingenommen hat, waren die Herren Hofrat Siegmund Taußig und Emil Jelinek erschienen; ferner bemerkte man in Vertretung des „Vereines für Krankenflege und Unterstützung handlungsangehöriger Israeliten " das Präsidium S. Heit und Armenvorsteher Josef Jelinek, für die Tempelvereine Wiens die Herren Hermann Beck, Gottlieb Bettelheim, S. Simon, Dr. Hoffmann, S. Steiner, Architekt Modern, von der Chewra Kadischa die Vorsteher Jakob Kann und Simon, die Rabbiuer Dr. M. Bauer und Dr. Armand Kaminka, die Kantoren Serebrenik, Matjas und Edelmann, die Direktoren Alexander Hecht vom Springerstchen Knabenwaisenhaus, S. Heller vom Blindeninstitut, viele Vereinsmitglieder und Damen u. s. w. Nachdem unter Assistenz der Vereinsvorsteher Hermann Liebermann und Friedrich Pollak das Seelenlicht angezündet worden war, stimmte Oberkantor Dünmann den Psalm 49 an, der von Kantor, Chor und Orgel feinpointiert aufgeführt, die wehmütige Stimmung in der Trauerversammlung erhöhte. Hierauf hielt Rabbiner Dr. Taglicht folgende Rede: Geehrte Trauerversammlung! Aufrichtige Trauer zog in weite Kreise ein, als die Kunde „Max Fleischer ist tot" durch unsere Stadt ging. In tiefer Ergriffenheit umstanden Männer und Frauen feine Bahre. Allgemein ist die Trauer um diesen edlen, hochherzigen Mann, dessen reichgesegnetes Leben so früh erloschen ist. „Ein Frommer ist geschwunden von der Erde und ein Gerechter unter den Menschen ist dahin." So lautet die allgemeine Klage. Wie aber sollten wir unseren Schmerz in Worte fassen? Wie vermöchten wir zu sagen, was wir in ihm verloren? Wir, in deren Mitte er alle seine großen Gaben, sein ganzes Herz, seinen reichen Geist, feine staunenswerte Tatkraft zur Entfaltung gebracht hat? War er uns doch Schmuck und Zierde, war er doch die Seele unserer Gemeinde! Er hätte mit Recht sagen dürfen: „Auf der Warte, Herr, stehe ich beständig des Tages und auf meiner Hut stehe ich des Nachts." Seine Tage und Nächte hat er dieser Gemeinde gewidmet, um ihr Erblühen herbeizuführen, um ihren Bestand zu sichern. Unlöslich verknüpft mit diesem Gotteshause ist sein Name, der in alle Zukunft glanzvoll leuchten wird am Himmel des Judentums. Denn erfüllt hat sich an ihm das Wort: 2'^inin 220 bru nur -jb Tp:yj?i pK5 ->2'8 Ich machte dir einen großen Name n, gleich dem Namen der Großen auf Erden. Sein Name war groß und bekannt durch fein gotterfülltes, dem Guten und Schönen, den höchsten Idealen gewidmetes Streben und Wirken. Auf seinem Schmerzenslager, von qualvollen Leiden gepeinigt, betete er täglich um Erlösung. Er verlangte zu sterben und sprach: „Es ist genug. Jetzt, 0 Herr, nimm mir die Seele." Und da hat.er, der Bibelkundige, des öftern mir zugerufen: r6n dvö man av 212 „Bester als der Tag der Geburt ist der Tag des Todes, da sind alle Kämpfe und Leiden überwunden." Und so oft er also zu mir gesprochen, mußte ich an die erste Hälfte dieses Bibelverses denken: aw mo ♦aits föts» „Bester ein guter Name als gutes Oel." — Das Oel mar im alten Palästina das Sinnbild der Lebensfreude, des Lebensgenusses. - Und fürwahr! Des Lebens Freuden und Genüsse waren ihm nur in geringem Maße zugeteilt. Wie ein dunkles Gewölk lag es immer über seinem Leben. Er und seine verewigte Gattin, gar oft von schwerer Krankheit heimgesucht, priesen sich glücklich, wenn die Schatten gewichen und ruhige, schmerzlose Tage ihnen vergönnt waren. Das war dann eine innige, lautlose Freudigkeit zweier aufs engste verknüpften Seelen. Aber die helle, lachende Freude des Lebens kannte er nicht. Er vermißte sie auch nicht. Denn die großen Erfolge seines Lebens lagen nicht auf materiellem Gebiete, sondern auf dem des Idealen. Er lebte in einer idealen Welt. Da fand er die Befriedigung, die Freude, das Glück. svVü 2V 212 Besser ein guter Name als ein gutes Oel. Einen guten Namen zu erringen, diesen Namen sich zu erhalten durch vornehme Gesinnung und edle Tat, darauf war fein Streben gerichtet. Mit glühender Begeisterung für die ewigen Ideen, die der Menfchengestt, vom Geiste Gottes berührt, geboren, trat er aus den Jünglingsjahren hinaus ins Leben. Von reinster, heiliger Empsindung, von weihevoller Stimmung getragen, gab er sich in den Dienst der Kunst. Sie war ihm das Erhabene, das Wunderbare, eine Ausstrahlung des Göttlichen auf reine, geläuterte, hochstrebende Menschen. Sie soll ja das Heiligste, das Unsagbare, das im Menschen nach Gestaltung ringt, in edler Form zum Ausdruck bringen, um die Menschen zu den Höhen zu führen, wo das Gute in ihnen erwacht und sie über den Alltag hinaushebt. Und er war eine tiefreligiöse Natur. Darum hat er die Kunst, dieses hohe Gut, in den Dienst des Höchsten, in den Dienst der Religion gestellt. Zu den auserlesenen Menschen gehörend, die zum Tempelbau des Ideals die Bausteine herbeitragen, hat er den idealen Tempelbau angestrebt und in vielen monumentalen Bauten verkörpert. Seinem schöpferischen Geiste schwebte vor allem der Zweck des zu errichtenden Gotteshauses vor. Dieser bestimmte die Bauform. So erklärt es sich, daß er eine von der allgemein üblichen Bauart jüdischer Gotteshäuser abweichende Form gewählt hat. Die hochaufstrebenden Formen sind ihm ein Sinnbild der himmelwärts streben den Seele. Sie weisen darauf hin, daß der Grundton der Seele, der sich in der Religion offenbart, das Sehnen nach dem Höchsten, nach dem Unendlichen sei. Dieses Gotteshaus war seine erste Schöpfung. Er hat nicht nur das Haus erbaut, sondern auch im Vereine mit einigen tatkräftigen Männern die Gemeinde in ihrer jetzigen Gestalt ins Leben gerufen und fest begründet. Leibliche Kinder waren ihm versagt. So hat er den Werken, die sein Geist geboren, die seine Tatkraft geschaffen, sich gewidmet. Besonders diesem Gotteshause, seiner Erstlingsschöpfung, seinem Lieblingskinde, hat er seine ganze Begeisterung, seine große, glühende Liebe geweiht. Die Liebe macht hellsehend. Denn er, der vom kaufmännischen Gesichtspunkte sicherlich ein unpraktischer Mensch gewesen, hatte hier einen tiefen Einblick in die Menschenseele und das richtige Verständnis für die tatsächlichen Zustände. Er wußte es, daß die Zeiten und die Menschen sich geändert haben. Früher hat der Jude in weihevoller Stimmung, mit