Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Die Wahrheit. Seite 5. in der „Antisemitischen Korrespondenz" als „Rede des Groß-Rabbiners" mitgeteilt wurde, ist nichts als ein ganz unvollständiger willkürlicher Auszug der Gespräche der erdichteten 13 Geistergestalten. Belauscht wurde diese Kirchhofsverhandlung, so erzählt der Roman, von einem jüdischen Italiener Lasali und einem! deutschen Gelehrten. Der erstere faßt, nachdem es das Gespräch! gehört, den Entschluß, seine Stammesgenossen zu bekämpfen.! Ihren Götzen, das goldene Kalb, will er in Trümmer schlagen > mit der Armut und der Arbeit Gegenüberstellen will er dem : Gelde die soziale Demokratie. Hierin lag die Hauplbeziehung > dieses sogenannten „historisch-politischen" Romans zu der da-! maligen von Lassalle geführten sozialdemokratischen Bewegung. I Das war die Unterlage für das „Angebinde", > das den Mitgliedern des Vereins zur Abwehr des Antisemitis-! mus gemacht worden war. Die antisemitische Presse hat trotz dieser authentischen Feststellung noch eine Zeit lang mit der Großrabbiner-Rede gekrebst, bis diese allmählich aus ihren Spalten verschwunden ist. Dem Münchner und Wiener Antisemitenblatte ist es Vorbehalten geblieben, nachdem 15 Jahre ins Land gegangen, die Fälschung aufzuwärmen. Eine würdige Leistung an der Jahreswende! Kemberger Kries. Der Präsident der Lemberger Kultusgemeinde, Herr Reichsratsabgeordneter Dr. Byk, empfand das Bedürfnis, sich in der „Polnischen Correspondenz" über den Zionismus in seinem Verhalten zur allgemeinen direkten Wahl zu äußern. Dies ist wohl sein gutes stecht, nicht minder wie er sich freiwillig oder unfreiwillig im Reichsrate ausgeschwiegen hat, während sein Kollege Dr. Straucher, Professor Roman czuk und R i t t e r v on W a s s i l k o sich sehr gründlich über die Judenfrage aussprachen. Prüft man nun aber die Gedanken des Herrn Dr. Byk auf ihren Fein- und Reingehalt, so wird man in denselben weder Neues noch Ungewöhnliches erblicken. Dr. Byk ist ein Kind seiner Zeit und in ihm spiegeln sich förmlich alle leitenden Ideen ab, mit denen er vom Jünglingsalter bis zur Gegenwart sich beschäftigt hat. Im Nachfolgenden sei der Versuch gemacht seine Individualität zu analysieren. In religiösen Dingen steht Dr. Byk auf dem ganz unsicheren Boden des fortgeschrittensten Judentums, er hat aber sich so viel jüdisches Toleranzgefühl bewahrt, um auch dem konservativen Elemente seine Bedürfnisse und Einrichtungen zu gönnen. So sahen wir ihn mit feuriger Beredtsamkeit die Er-! richtung der jüdischeu Bibliothek preisen, mit gleichem Pathos für das Lemberger Lazarusspital eintreten und schon plant er wieder die Erbauung eines zweiten Tempels und einer Synagoge. ^Jn politischer Beziehung denkt und dachte derselbe ganz im jüdischen Sinne und kennt damit die Gefahren, welche die Juden umschweben, so es gelänge, der Schlachta in Galizien eine autonome Stellung einznräumen. Allein die Verhältnisse in Galizien, das starke Betonen des Polentums mosaischer Konfession (ohne Judentum) auf der einen Seite, dem der Chassidismus! in seiner Verworrenheit auf der andern Seite unwillkürlich! Vorschub leistete, drängten ihn in den alleinseeligmachenden! Schoß des Polenklubs. Natürlich heißt es da Update ogni j esperanza — hier muß man das Judentum fahren lassen.! Man muß aber zu unserem Leidwesen gesteheu, daß wir 800.000 Juden schier das Gefühl für politische Angelegenheiten verloren haben, daß ferner die Wahlen von den bezahlten Wahlhyänen gemacht werden und nur die Höhe des Bakschisch, im Vereine mit dem Einflüsse des allmächtigen Polenklubs die Skala für das Durchsetzen eines Kandidaten abgibt. Nun fühlt jedermann den rauhen Zug der Zeit, und das soll Herr Dr. Emil Byk überhören wollen?! Es sei denn, daß demselben höhernorts die Perspektive eröffnet wurde, daß alles beim Alten und die Polen die Herren von Galizien bleiben werden, somit ein Aufgeben des gegenwärtigen Standpunktes, bei welchem einige jüdische Reichsratsabgeordnete aus den Städten und den Handelskammern in das Parlament einziehen, nicht opportun erscheinen würde. Ob sich aber Herr Dr. Byk doch nicht in seinem Kalkül täuscht und unserem Volke das Rechenexempel verdirbt? Wer wird die Naivität teilen, welche in dem Glauben liegt, daß den Polen für alle Zeiten die königliche Macht und Herrschaft über Galizien gegen den Willen der Ruthenen eingeräumt werden wird? Die Ruthenen werden nicht so fromme Dulderseelen wie die Juden abgeben und sind gesonnen, um blutigen Preis ihre natürlichen Rechte zu erkaufen. Und da geschähe ein großes Wunder, wenn unsere sich ihnen entgegenstellenden Brüder nicht auf die Handfestigkeit jener Männer stoßen würden, die man zu Sklaven herabwürdigen wollte. Wer übernimmt die Verantwortlichkeit für diese Politik? Man tröstet sich mit dem fiktiven Gedanken, die Polen würden dann auf der Höhe ihrer Macht nach der Assimilation der 800.000 Juden und der Herrschaft über die Ruthenen den Juden großmütig irgendwelche Vertretung im Reichsrate gewähren. Wer aber also denkt, kennt den Charakter der Polen zu wenig, aus ihren Taten kann man sie ja zur Genüge beurteilen. Wie z. B. teilen die Polen die Herrschaft in der Lemberger Gemeindestnbe zwischen sich und den Juden und wieviele jüdische Gemeindebeamte gibt es da, wo doch die jüdische Stenerkraft und die Stimmenzahl, bei richtiger Listenanfertigung, eine so bedeutende ist? Und gar erst der Landtag mit seinem Landesausschuß, der Millionen jüdisches Geld verschlingt, ohne daß sie unserem Volke zu gute kommen. Wer also aus diesen Tatsachen nicht die richtige Lehre von dem hohen Rechtsgefühl unserer Polen zieht, dem kann unmöglich geholfen werden. Die Zeit erheischt Abrechnung, und Herr Dr. Emil Byk, welcher die höchste Stufe öffentlicher Wirksamkeit erstiegen hat und dem ja alles wohl bekannt ist, dieser Mann hätte die heiligste Pflicht in die parlamentarische Posaune zu stoßen und uns die Zeichen des Jubeljahres zu geben. Er müßte uns zurusen: roan perrn® -\b m Genug hast du Israel geweilt im Jammertale, zieht euch auf eure Zelte zurtick in die neue Ära. Israels Arbeit, Israels Talent soll ihm zum Ehrenziele der nationalen Sammlung sein. Das ruthenische Volk teilt unsere Ansicht. Wir würden aus der peinlichen Situation befreit, politische Henker für das bedrückte ruthenische Volk zu Gunsten der Polen zu sein, für jenen großen Teil der Bewohner Ostgaliziens, unter denen es keine Polko rolnicze gibt, um die Juden vom Handel auszuschließen, würden auf uns nicht das unnütze Odium laden, der Tyrannisierung und der Ausbeutung der ruthenischen Bevölkerung Vorschub zu leisten. In Westgalizien mögen dann die Polen ihre Rechnung finden. Wir Juden wählen unsere Kandidaten aus der Gesamtjudenschaft Oesterreichs. In dieser glänzenden Umrahmung unseres Volkes wollen wir als österreichische Staatsbürger und galizische Landesangehörige alle jene Rechte anstreben und erlangen, welche wir dank unserer erfüllten Pflichten beanspruchen dürfen. Dieses Programm hat mit dem Zionismus gar nichts gemein. Daß es auch das nationale Judentum auf seine Fahne geschrieben hat, erfließt nur aus seiner Denkreife und seinem Zielbewußtsein, das unserem Volke zu Gute kommt. Vielleicht aber begehen wir eine Sünde an einem alten - Parlamentarier, dem es ja als solchem gestattet sein muß, seine eigene Ansicht zu haben und zu verlautbaren, -sagen doch unsere Weisen: „Verurteile nicht deinen Nächsten, bevor du nicht in seine Lage gerätst!" Wohl war! Allein Herr Dr. Byk repräsentiert ein großes Stück Israel und da sollte er, wie ihm von anderer ihm befreundeter Seite eingegeben wurde, einen galizisch-jüdischen Gemeindetag einberufen und nicht wiederum seine Privatvertrauten behufs öffentlicher Diskussion über einen io eminent wichtigen Punkt, ja Wendepunkt im jüdischen Volksleben etnladen. Keinesfalls dürste er aber ein Konventikel seiner 20 Jasager in seine Kahalresidenz mit Ausschluß aller anderen Richtungen abhalten. Noblesse oblige! Setzt er sich über diese Pflichten hinweg, dann erfordert es das Heil des Judentums, an andere Männer zu appellieren, was auch sicherlich geschehen wird. Ben Zion. » >■■■■•———n.