Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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♦ ' Jarob Kauer. Zu seinem 25 jährigen Amtsjubiläum als Obcrkantor der türkischsephardischen Gemeinde in Wien am 6. Jänner 1906. Die Festartikel zum Amtsjubiläum hervorragender Amtskollegen bewegen sich meistens in einer gewissen Schablone, da Wirkungskreis, Leistung und Bedeutung des jubilierenden Fachgenossen durch das Amt selbst begrenzt und nur die Individualitäten unterschiedlich zu behandeln sind. Anders verhält es sich mit unserem heutigen Jubilar. Das Amtsjubiläum des Oberkantors Jacob Bauer bedeutet sowohl sür die Gemeinde, in der er nunmehr 25 Jahre ausgezeichnet wirkt, als auch für das Kantorat, ein Ereignis. Ist es doch das erstemal, daß ein Oberkantor (Chasan rischon) einer sephardischen Gemeinde sein Amtsjubiläum begeht, und die Bedeutung gerade dieses Amtsjubiläums zu schildern, sei Zweck dieser Zeilen. Als vor 25 Jahren an den Jubilar die ehrende Einladung erging, die Stelle eines Oberkantors an der Wiener türkisch-sephardischen Gemeinde zu übernehmen, wirkte sowohl der Beschluß der Gemeinde, als auch die Berufung selbst in allen Kreisen sensationell. Jacob Bauer, dem ein ausgezeichneter Ruf als Sänger und Kantor aus seiner damaligen Gemeinde Graz vorausging, folgte dem ehrenvollen Anträge und trat am 6. Jänner 1881 sein nunmehriges Amt an. Was fand Bauer vor? Eine altehrwürdige, patriarchalische Gemeinde, welche streng konservativ an einer 150 jährigen Tradition festhielt, aber von einer geordneten gottesdienstlich-gesanglichen Liturgie war keine Spur. Der damalige Vorsteher und spätere langjährige, verdienstvolle Präsident der türkischen Gemeinde, Herr Markus R u s s o, regte eine Reform des Gottesdienstes durch das Engagement eines Oberkantors und die Errichtung eines Chores an, und die Gemeinde gab ihre Zustimmung hiezu, knüpfte jedoch daran die Bedingung, daß an der Tradition streng konservativ festgehalten werde. Nun hieß es, dieser Bedingung Rechnung zu tragen. Vor den Augen des jungen sephardischen Oberkantors lag ein kolossales Arbeitsfeld. Andere Aussprache, andere Melodien, andere Minhagim. Da galt es zu lernen und zu arbeiten, zu schaffen und zu wirken. Kurz nach dem Amtsantritte Jacob Bauers wurde auch der Schreiber dieser Zeilen zur Mitarbeit berufen, dem die schwierige Aufgabe zufiel, den Chor zu gründen. Es würde zu weit führen, den ganzen Werdegang des nunmehrigen, mustergiltigen Gottesdienstes zu schildern, aber wenn man heute das fertige Werk überschaut, muß man staunen über die Größe der Arbeit, die in verhältnismäßig kurzer Zeit geleistet wurde. Mannigfache Umstände kamen Jacob Bauer zu statten. Seine Jugend, seine wohlklingende, leichtansprechende Tenorstimme, sein bedeutendes chasanisches Talent, prädestinierten ihn wie keinen zweiten für dieses Amt. Wenn ich nur hier kurz andeuten will, daß im sephardischen Gottesdienst mit Ausnahme der stillen „Sckemone essre“ (Amida) das ganze Gebet laut und deutlich rezitiert werden muß, so wird jeder Fachgenosse begreifen, welche Anforderung an den sephardischen Chasan gestellt wird, und er wird auch beurteilen können, was das für einen deutschen Chasan, der an das sogenannte Anfängen und Auslassen der Gebetstücke gewöhnt ist, bedeutet. Wie hat nun Jacob Bauer diese schwierige Aufgabe gelöst? Wir müssen sagen: meisterhaft! Stetiges, emsiges Lernen und Schaffen ermöglichten es, in verhältnismäßig kurzer Zeit eine neue, mustergiltige sephardische Form des Gottesdienstes zu schaffen. Bauers ureigenste Rezitative sind Kabinetstücke wohldurchdachter Arbeit: orientalische Form, verbunden mit dem altchasanischen Akzent bildeten die Grundlage dieses für sephardische Gemeinden geschaffenen Rezitativs. Nachdem Bauer drei Monate allein fungiert hatte, folgteam Sabbat Hagadol 1881 der erste Chorgottesdienst. Nun war Bauer in seinem Element und jetzt kam auch sein bedeutendes gesangliches Talent zur vollen Geltung. Bauers Sabbath- und Festgottesdienste, seine Trauuugsfunktionen, sowie die Festgottesdienste an den Sultantagen sind bestbekannte Glanzleistungen, die sowohl an hoher Stelle, wie auch in der Gemeinde und im Vorstande, an dessen Spitze jetzt der rührige Präsident Herr Licco A d u t t steht, wiederholte und wohlverdiente Anerkennung gesunden haben. Der Jubilar, der nach 25 jähriger Amtstätigkeit in der türkischen Gemeinde und nach 38 jähriger Wirksamkeit als Kantor überhaupt, noch in vollster Manneskraft und im Vollbesitze seiner schönen Stimmittel ist, beschränkte sich jedoch nicht auf seine- Amtstätigkeit allein. Mit dem reichen Schatze seines fachlichen Könnens und Wissens hat er auch zahlreiche Schüler in den kantoralen Beruf eingeführt und diesem selbst durch Anregung und Förderung der kantoralen Organisation unschätzbare Dienste geleistet. Mit der Gründung der „Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung" und im Anschluß daran des „Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines" beginnt gewissermaßen eine neue Epoche in der Geschichte desjüdischen Kantorentums, in welcher sich eigentlich erst durch Organisation und Hebung des Bewußtseins gemeinsamer Interessen ein Kantorenstand entwickelt hat. Bauers schöpferisches und überaus verdienstvolles Wirken nach dieser Richtung ist wohl genügend bekannt und wird auch bei anderer Gelegenheit eingehender beleuchtet werden, aber trotzdem müssen wir an seinem Jubeltage desselben dankbar gedenken, da es das Charakter- und Lebensbild des in weitesten Kreisen der Berufsgenossenschaft verehrten Jubilars in so schöner Weise ergänzt. Dieser Tribut der Dankbarkeit ist der geringste Lohn sür eine segens- und erfolgreiche gemeinnützige Tätigkeit, auf welche nicht nur der Jubilar, sondern auch der gesamte Kantorenstand stolz sein kann. Isidor L ö w i t, Kantor und Chordirigent. Singen nnd Sagen. Eine Weihnachtsbetrachtung. Von Oberkantor Josef Singer in Wien. Die Tagesblätter allesamt, auch die von Andersgläubigen so hart bedrängten und arg verunglimpften sogenannten „Judenblätter" fühlten sich veranlaßt, dem Weihnachtsfeste in gereimten und ungereimten poetischen Darbietungen den schuldigen Tribut zu zollen; einen Tribut, der sicher bei Nichtjuden nicht allein keine Anerkennung findet, vielmehr ebenfalls als Aufdringlichkeit, und Einmengung in fremde Angelegenheiten zurückgewiesen wird. Und dennoch hätten, auch wir Juden, allerdings aus anderen, als freudenfestlichen Beweggründen, gewissermaßen ernste Veranlassung, das Weihnachtsfest in stiller Betrachtung mitzufeiern, zumindest jedoch, seiner zu gedenken. Sind denn nicht Worte wie Nsscrhiaoh, Lsthlshsm, sohimurim (Weih-- nacht). Owinu schebaschomajim (Vater unser, der Du bist in dem Himmel) so allgemein übliche hebräische Bezeichnungen, die in der Geschichte des Judentums ihre blutige Signatur zurückgelassen; ist denn das Lichteranzünden bei jeder festlichen Gelegenheit nicht eine solch typisch-jüdische Einrichtung, daß wir nicht mit vollem Rechte von derselben auch für uns Gebrauch machen können? Allerdings nur insoferne, indem wir jüdische Kantoren den Gedanken festhalten, daß das Christentum eine Abart des- Judentums, daß sämtliche gottesdienstlichen und gesanglichen Einrichtungen des Christentums dem einstigen Gottesdienste im Zionstempel nachgebildet wurden. Aus dieser Vorausschickung resultiert auch für uns ein weiterer Nachweis, daß auch in musikalischer (gesanglicher) Beziehung das Christentum seine ersten Studien bei seiner Stammreligion, dem Judentum, machte und dessen gesangliche Gepflogenheiten in das neue Lager mit hinübernahm-