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Die Wahrheit · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 13. Verweilen wir einen Augenblick beim uralten Psalmengesang. Der Psalm hieß im alten Judentum ursprünglich Mismor, d. h. etwas zu Singendes oder auch mit Saikeiispiel zu Be-- gleitendes; später wurde die Bezeichnung Thillim. d. h. Loblieh, angenommen, welche Ändachlsform-sowohl bei glücklichen, als bei unglücklichen Lebensereignissen als Dank- oder Bittgebete zur Anwendung gelangte. Namentlich unter Einwirkung des königlichen Sängers David wurde der Psalmengesang in würdiger Weise in das Natioualheiligtum eingeführt. Selbst das aus Psalmen (113—118) gefügte Hallel, welches noch heute einen integrierenden Teil der jüdischen Festgottesdienste bildet, wurde seinerzeit an den Abenden, an denen man das Korban pessacb (Passahlamm) schlachtete, von den Leviten und während des Passah-Abendmahles vom Volke gesungen; sowie auch das 8obir trainaalotb (Pf. 120—134) während des Gottesdienstes am Laubhüttenfeste in zeremonieller Weise Anwendung fand. An dieser Stelle drängt sich die Frage gewaltsam auf, nach welchen Gesehen oder Anordnungen diese Psalmengesänge im alten Judentum gesungen wurden, die jedoch beim bedauerlichen Mangel jedweder jüdisch-historischen Quelle vom jüdischen Standpunkte aus nicht beantwortet werden kann. Nur einer, im allgemeinen als gegenstandslos erachteten, uns jedoch als überaus bemerkenswert erscheinenden Tatsache müssen wir als Anknüpfungspunkt für eine zweckdienliche Folgerung an dieser Stelle gedenken, u. zw. der Gepflogenheit des Thillim-Sagens, welche noch heute, wie vor Jahrhunderten, in den jüdischen Gotteshäusern zur Anwendung gelangt. Thillim sagt man Possuk um Possnk, das heißt: Einer aus der Gemeinde rezitiert einen Vers auf einem Tone, beendigt denselben mit einem Halbschluß, so daß die Gemeinde in ähnlicher Weise hierauf antworten kann, bis der Vorbeter mit einer uns allen bekannten Schlußkant ilation den Psalm beendet. So wurde zu allen Zeiten und so wird auch noch heute in den jüdischen Gotteshäusern Thillim gesagt. Im Anschlüsse an diese Tatsache finden wir von den -Geschichtsforschern Plinius, Tertullian, Origines, Chrysostomus und Anderen bestätigt, daß die Rezitation der Psalmen die wesentlichste Grundlage des ältesten christlichen Gottesdienstes bildete und es auch später blieb, als Gregor dem Kultus eine neue Ordnung gab. Psalmen durchzogen allenthalben auch die Messe; nach dem Introitus, der selbst einen Psalmenvers enthält, folgte stets ein ganzer Psalm; der Traktus, das Graduate u. s. w. sind ebenfalls dem Psalmbuche entnommen und außerdem bildeten die Psalmen einen wesentlichen Bestandteil des altchristlichen Gottesdienstes. Diese Einrichtung des Psalmengesanges war und ist in der katholischen Kirche unter der Bezeichnung „Psalmodieren" hinlänglich bekannt und bezüglich der Art und Weise der gesanglichen Ausführung dieses „Psalmodierens" wird vom heiligen Augustinus bestätigt, daß die betreffenden Psalmverse vom funktionierenden Geistlichen auf einem bestimmten Tone singend gelesen, von der Gemeinde resp o n so rienar tig beantwortet und nur in den Schlußtakten'durch abweichende Jntervallenfchritte intoniert wurden. Die augenfällig gesangliche Uebereinstimmung des christlichen Psalmodierens mit dem jüdischen Thillim-Sagen dürfte nun vollständig einleuchten, und so können wir wohl mit Befriedigung auch hier konstatieren, daß das Christentum vom Judentum gelernt; — so wie es unbeschränkt zugestanden werden foll, daß die späteren, namentlich modernen gesanglichen und anderen äußerlichen Einrichtungen des in glücklich freiheitlicher Entfaltung vorwärts strebenden Christentums auch von Juden, sowohl im Leben als im Gotteshause, als Leitfaden ihrer Bestrebungen mit übernommen wurden und zur Anwendung gelangten: so Synagogenbauten und innere Einrichtung, Bekleidung der Funktionäre, Chorgesang und Orgelbegleitung rc. Um nicht durch langläufige Darlegungen des kjrchengesanglichen Entwicklungsganges während der folgenden Jahrhunderte abzulenken und zu verwirren, sei nur konstatiert, daß aus der Psälmödie sich allmählig der Choral und das Choräliterlesen, sowie der protestantische Kollektengesang und in weiterem künstlerischen Borwärtsschreiten das ein- und mehrstimmige Rezitativ entwickelte, wie aus den Lamentationen und Jmproperien jedermann ersichtlich.. ' Nach dem oben angeführten parallelen Entwicklungsgänge der Kirchenmusik und des Synagogengesanges an der Hand des Psalmodierens kann jedoch — wie es allenthalben zu begegnen ist — der Anschauung keineswegs beigevflichtet werden, daß das moderne Synagogenrezitcuiv eine ausschließliche Schöpfung des Christentums, oder überhaupt ein Produkt der modernen Zeit sei; denn, wenn auch die Wortbezeichnung „Rezitativ" einen offenbar nichtjüdifchen Charakter aufweift, mit der musikalischen Wesenheit desselbenwaren schon unsere längst Heimgegangenen Altvorderen hinlänglich vertraut, indem sie „Singen" vom „Sagen" streng unterschieden, ja sogar die bedeutender gualitative und technische Beherrschung des ..Sagens" als alleinigen Gradmesser der chasanischen Meisterschaft erachteten. „Die Meschorerim sollen singen; der Ehasen jedoch soll das „Sagen" als den Schwerpunkt seiner s y n a g o g eng e sa n g l i ch e u Wirksamkeit erachten,' galt dazumal als Richtschnur für das Zusammenwirken des Chasen mit seinen Meschorerim. Wie ist es nun mit der Kultivierung des Rezitativs in der modernen Synagoge bestellt? Nun, im großen und ganzen — bezüglich des Aufschwunges, den dasselbe, von Sulzer, Weintraub und Lewandovski ausgehend, von denen jeder eine spezielle Richtung vertrat, nahm, kann nur Rühmenswertes berichtet werden; auch die Epigonen, die ausübenden Kantoren, wie Friedmann-Budapest, Goldstein-Wien. Deutsch-Breslau, Naumburg-Paris, Pereles-Prag, Schwarz-Brünn, Lichtenstern-Berlin. Löwenstamm-München und viele andere sorgten rühmenswert dafür, daß das moderne Synagogen-Rezitativ einer sachgemäße« Entwicklung entgegengeführt wurde. Bei dieser Gelegenheit muß auch pflichtgemäß konstatiert werden, daß dem verewigten Wiener Kantor Adolf Fischer das Verdienst zugestanden werden muß, dem Leienen (Vorleser: aus der Thora), bei der größtmöglichsten Pietät vor der Tradition, ein geradezu richtunggebendes modernes Gepräge verliehen zu haben. Diese obenangesührten synagogalen Meistersänger, denen wir an dieser Stelle wehmütig und rühmend gedenken, waren gleichsam unsere synagogalen Ritter vom Geiste, deren jeder nicht allein reich ausgestattet mit stimmlichen und fachmännischen Bedingungen hauptsächlich darnach strebte, seiner Persönlichkeit ein möglichst wissenschaftliches Gepräge zu verleihen, indem sie früh beginnend bis in ihr spätestes Lebensalter rastlos an dem Ausbau ihres Wissens und Könnens arbeiteten. Sicherlich waren auch sie bemüht, durch ihre kantoralen Borträge Eindruck zu machen, allein diese Eindrücke durften niemals mit dem niedrigen Bemühen eines geist- und gedankenlosen Ohrenkitzels erpreßt werden. Sicherlich stellten auch sie ihre künstlerisch ausgebildete Stimme in den. Dienst ihrer heiligen Aufgaben, vor allem jedoch war ein jeder von ihnen bestrebt, kraft seiner gewonnenen Intelligenz das Ueberschwängliche hier, das Maßvolle dort mit Bewußtsein zu erkennen und zu erfassen und niemals nach der Anerkennung gedanken- und andachtsloser Zuhörer zu streben; gewiß war jeder von ihnen von der Aufgabe durchdrungen, durch farbenprächtig gesangliche Wortillustration seinen Gott zu suchen und ihn der betenden Gemeinde näher zu bringen; doch verabscheuten sie es, mit von anderen erborgtem Schimmer und ungerechtfertigten Krafttönen eine falsche Genialität gewaltsam zu erzeugen, sondern jeder einzelne war von dem sittlichen Ernste erfüllt, seiner Eigenart durch stets andauernde Fortbildung die gebührende Autorität zu verleihen. Die hohen Töne sind ja schließlich von jedem Sänger durch jahrelange Bildung dazu errungen, damit sie geeigneten Ortes zur Anwendung gelangen, doch einem zwecklosen Lärm, einersinnlichen Aufregung, einem unmusikalischen Wutausbruche gingen unsere oben angeführten Altvorderen meilenweit aus dem Wege. Vielleicht ermöglichen diese Zeiten eine Umkehr zur besseren Erkenntnis; nur zu diesem Zwecke wurden dieselben geschrieben.

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