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Die Wahrheit · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1. Seite 11. Die Wahrheit Herrn Direktors und Kultusvorstehers besondere Anerkennung für .dessen - Leitung und ausdauernden Fleiß zuteil. Um 4 Uhr nachmittags fand ein Channkah-Festgottesdienst im Tempel statt, der dadurch feine besondere Weihe erhielt, daß der Herr Bezirksrabbiner Dr. M. R o s e n m a n n zum ersten Male vor seiner ihm zugeteilten Gemeinde erschien und in einer formvollendeten Predigt, -welche auf alle Anwesenden einen begeisterten Eindruck machte, die Bedeutung, des Chanukafestes, als auch die Mission des Judentums, in der -ausgezeichnetsten Weise zum Ausdrucke brachte. Mit dem Kaisergebet und Äbsingung der Volk-Hymne schloß diese erhebende Festfeier. Hamburg. Donnerstag, den 28. Dezember 1905, am Chanuka und Rosch Chodesch, feierte der weithin bekannte Meister der Rede und gekehrte Prediger Dr. David Leimdörfer und seine Gattin, geborene Nowak,-- in Hamburg ihr silbernes Ehejubiläum. Von allen Seiten wurden deni' gefeierten Seelsorgerpaare seltene Ovationen bereitet. Galt es doch^ den Mann zu erfreuen, der nicht nur hier, sondern in ganz Europa als Bahnbrecher der jüdischen Wissenschaft, als Bibelforscher und als einer . der größten Kanzelredner sich eines glänzenden Rufes rühmen darf, galt .es Doch, ihm, dem treuen Lehrer seiner Gemeinde, dem Vater vieler Armen und Unglücklichen, und seiner allverehrten Frau, die an der Spitze vieler Humanitätsanstalten stcht, Anerkennung, zu zollen. In der Tat strömten Don frühem Morgen bis zum späten Abend Männer, Frauen und Kinder aus der höchsten Aristokratie wie aus den ärmsten Schichten der Be- > wölkerung, ans allen Konfessionen und Glanbensrichtnngen, um dem Jubelpaare ihre Glückwünsche anszusprechen. Den Vorstehern und Repräsentanten der Gemeinde, die auch namens vieler Freunde und Verehrer mit einer großen Ehrengabe und kostbaren silbernen Geräten genaht waren, folgten Deputationen zahlreicher Vereine und Wohltätigkeitsanstalten mit ^reichen Spenden von Gold und Silber, Bildern und Statuen, Büchern und Hausgeräten. Palmen und Edeltannen, kostbare Blumen-Arrangements in großer Pracht füllten vier volle Zimmer der Gefeierten, die, umgeben von ihren Kindern, Kindeskindern, Brüdern nnd Verwandten aus Wien, Budapest und Berlin, sowie aus der engeren ungarischen Heimat Hlinik im Trentschiner Komitat voll Rührung ihren Dank abstatteten. Mehrere Hundert Depeschen und Briefe, selbst von jenseits des Meeres, liefen ein, kurz, es gab viel des Schönen und Erhebenden zu sehen, so daß man geneigt wäre, das Wort des jüdischen Propheten anzuführen: „Aschre -ajin roasso kol eie“, „Heil dem Auge, das solches geschaut hat". Möge das edle Paar als eine Zierde des Judentums und der Hamburger Gemeinde noch viele solche Feste der Ehre und Freude begehen. M. Weber. Zurückgefunden. Novelle von Babette Fried, Prag. Es war in der königlichen Kreisstadt Tabor an der Lucznitz. Wer diese schöne, im südlichen Teile Böhmens gelegene -Stadt nicht kennt, dem diene zur Nachricht, daß sie nicht wie Mom auf sieben Hügeln erbaut ist, sondern auf einem einzigen, Dafür aber recht hohen, gegen den Fluß zu steil abfallenden Berge. Die Stadt verdankt ihr Entstehen dem Hussitenführer, Jan Zizka von Troenaw, der auf diesem damals unbezwinglichen Felsen im Jahre 1420 sein Lager aufschlug, es mit -starken Wällen und Türmen umgab und es seiner Gewohnheit gemäß mit einem biblischen Namen — Tabor — benannt, ebenso wie der neben der Stadt angelegte große Teich, welcher die Stadt mit Wasser versorgte, seit damals noch immer „Jordan" .genannt wird. Zizka und seine Scharen sind längst den Weg alles Fleisches -gegangen, aber die Stadt Tabor besteht noch immer, dehnt und fixecht sich nach der einen Seite hin, wo ihrer Ausbreitung keine > Terrainschwierigkeiten im Wege stehen.!; Gar vieles ließe sich zum Lobe dieser guten Stadt sagen, i aber nur eine schöne Eigenschaft möge hier erwähnt werden: die opferwillige Dankbarkeit, welche sie beseelt, gegen ihren Gründer und Erbauer. So ging sie daran, unterstützt von der ganzen slavischen Welt, demselben ein Monument zu stellen. Ein Monument im Herzen der Nachkommen, das genügte nicht. Denn was ist vergänglicher, als Dankbarkeit im menschlichen Herzen? Das weiche, veränderliche Herz ist kein Material, ivorin die Verdienste eines Städtegründers und Volksbefreiers -eingegraben werden. Dem Manne aus Eisen mußte ein Denkmal -aus Erz geschaffen werden, auf daß die staunende Mit- und bewundernde Nachwelt erfahre, von welcher Dankbarkeit die Stadt Tabor gegen ihren Gründer beseelt ist. Auf einem-hohen Granitblocke, um und um vou breiten Steinstufen umgeben, erhebt sich das stolze, aus Erz gegossene Bildnis des Taboriter -Helden. r Vom hohen Sockel herab blickt sein einziges Auge drohend und finster auf die Feinde des Vaterlandes, während die ausgestreckte Hand den Freunden desselben und seinen treuen Söhnen ermutigend zuwinkt. Fest steht das Monument da, wie sein Urbild einst gestanden, in seiner Ausführung den Wahlspruch des Helden versinnbildlichend : dem Freunde zum Schutze, dem Feiude zum Trutze! Im Sommer des Jahres 1877 war das große Werk vollendet und ungeduldig harrte die Bevölkerung der Stadt des Tages, an welchem die Hülle fallen, und es in seiner ganzen Pracht den Blicken Aller zugänglich sein würde. Ein Festtag sollte dies werden für die gesamte slavische Welt. Einladungen waren ergangen an alle Kommunen, an die größeren Sokol-*) und Gesangvereine der großen slavischen Nation. Von hohen Norden Rußlands bis zum sonnigen Süden des Reiches waren Deputationen erschienen, um das große, allslavische Verbrüderungsfest mitzufeiern und demselben einen erhöhten Glanz zu verleihen. Es' war ein Tag vor der eigentlichen Feier. Den steilen, damals noch ungeebneten Weg, der zur Lucznitzbrücke herabführte, schritt ein junger Mann hinab. Diese Erscheinung hätte zu jeder anderen Zeit bei den lieben Kleinstädtern berechtigtes Aussehen gemacht heute aber war man gleichgiltig au ihm vorübergegangen, ohne das Fremdartige in seiner Kleidung zu beachten. Wimmelte es doch in der sonst so stillen Stadt von Fremden, welche alle in dem malerischen Nationalkostüm ihrer Heimat erschienen waren. Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Die gastlich hier zusammen kamen? Der einsame Spaziergänger trug das kleidsame polnische Kostüm, den engen Schnürrock und die Föderatka, keck auf der Seite sitzend, unter der sein üppiges, tiefschwarzes Lockenhaar hervorquoll. Auch hatte man an diesem Tage nicht Zeit dazu, sich viel um einen einzelnen Spaziergänger zu kümmern, und wäre es eine noch so auffallende Erscheinung gewesen. Kaum, daß man eine Weile seine Beschäftigung unterbrach, wenn ein ganzer Verein mit fliegenden Fahnen und rauschender Musik vom Bahnhose her durch das altertümliche Prager Tor (ist jetzt eingerissen) gekommen war. Ueberall wurde die letzte Hand an die Ausschmückung der Häuser und städtischen öffentlichen Gebäude gelegt, innen in den Wohnungen aber wurde geputzt und geräumt, gekocht, gebraten und gebacken, denn es gab kein Haus vom Ringplatz bis in den äußersten Winkel der Vorstädte, das nicht Gäste beherbergte,' oder doch erwartete. So vollauf beschäftigt war alles, daß niemand des jungen Polen achtete, welcher den holperigen Weg herunterging, die über die Lucznitz führende Brücke überschritt, und seine Schritte dem Walde zu lenkte, welcher sich meilenweit längs des Flusses hinstreckte, der sogenannten Pinhovka. Bei einer Biegung des Weges blieb der junge Pole stehen und wendete sich gegen die Stadt um. Keinen Blick hatte er für das wunderbare Panorama, welches sich vor seinen Augen ausbreitete, und einer Unzahl von Fremden schon ein „Ah!" der Bewunderung entlockt hatte. Mit wütender Geberde ballte er seine feine Hand zur Faust, die er drohend gegen die Stadt erhob, die er vor kurzem unmutig verlassen hatte. „0, Tabor! Du Stadt meiner Sehnsucht, wie bist Du das Grab meiner Ideale geworden! Stolz wie ein Schiffer, mit schwellenden Segeln habe ich meine Heimat verlassen, aber als armer Schiffbrüchiger kehre ich zurück, der seine kostbarsten Güter verloren hat. An Deinen starken Wällen hat sich nicht nur einstmals die Wut der Feinde gebrochen, auch meine heiligsten Ideale, für die ich lebte und kämpfte, zerschellten daran. Habe ich darum alles von mir geworfen, was mir lieb und teuer war, Heimat und Vaterhaus, Eltern und Geschwister, und meinen angestammten Glauben, um jetzt eingestehen zu müssen, daß ich einem Phantome nachgejagt bin, das niemals, nie greifbare Gestalt annehmen könne?" (Fortsetzung folgt.) *) Czechische, bezw. slavische Turnvereine. Schicht* feste Spezialität (Br Wolle and Seide. Gibt auch die schdnsteWeißwäsche

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