Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Laub er, ben, tiefer seltene Mann um sich zu verbreiten wußte. Der eben erstattete Bericht sei von dem Geiste des Heim- -Zegangenen erfüllt und Redner werde gerne über den würdigen Verlaus dieser Versammlung dem Kultusvorstande Bericht erstatten. Kais. Rat Rnziöka interpelliert den Vorsitzenden, warum der verlesene Jahresbericht seines Austrittes aus dem Vorstande ckeine Erwähnung tue. Mit der hierauf gegebenen Aufklärung des Vizepräsidenten Dr. Engel, die derselbe durch Verlesung eines seitens des Vereinsvorstandes an Herrn kais. Rat Rnziöka gerichteten Schreibens ergänzte, erklärt sich die Vereinsversammlung einverstanden. Kais. Rat T o f f l e r erstattet in Vertretung des erkrankten Kassaverwalters kais. Rat Friedrich P o l l a k den Kassabericht. Eine diesen betreffende Anfrage des Herren Bäck wird vom Vereinssekretür beantwortete Herr Gollerstepper wünscht, daß der Ueberschuß ans dem zu den hohen Feiertagen veranstalteten Gottesdienste im Ingenieur- und Architekten-Vereine zur Reduzierung der Sitz- Preise im nächsten Jahre verwendet werde. Herr Steiner beantragt, an arme Glaubensgenossen des Bezirkes Gratissitze für die Gottesdienste in den Filialbetchäusern an den hohen Feiertagen zu verteilen. Herr Philipp Weiß gibt dem Wunsche Ausdruck, daß der Gottesdienst in der Filiale des Vereines durch Bestellung eines Predigers eventuell durch einen Chor würdiger gestaltet werde. Namens der Revisoren referiert Herr Ignaz R esch ofsky Äber die vorgenommene Revision der Kassa und beantragt die Annahme des Kassaberichles. Die Versammlung genehmigt den Kassabericht und wählt als Revisoren die bisherigen Funktionäre Herrn Ignaz R esch ofsky und Herrn Leopold Sto w a sser und als Ersatzrevisoren die Herren Ignaz Klein und Dr. Carl L ö w y. Nach Festsetzung des Jahresbeitrages in der bisherigen Höhe von 12 Kronen wird zur Wahl von 4 Vorstandsmitgliedern geschritten. Es kandidieren die Herren Herrmann König, Generalkonsul Bernhard I a n o w i tz e r, Karl Kraus, Sigmund Hummel und Ignaz Klein. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl, bei welcher die Herren David K o h n, S. L e m b e r g e r, Karl Reiß und Bäck fungieren, werden 38 Stimmen abgegeben. Es erhalten Herr Herrmann König 38, Herr Karl Kraus 34. Generalkonsul Bernhard I a n o w i tz er 30 Stimmen und erscheinen somit als gewählt. Zwischen Herrn Sigmund Hnmmel und Ignaz Klein, die je 23 Stimmen erhalten, erweist sich eine engere Wahl notwendig, die zu Gunsten des Herrn Ignaz Klein entscheidet. Nach Begrüßung der Neugewählten und Dank an die erschienenen Mitglieder schließt der Vorsitzende die Versammlung. Odessa nach den Indenkrawallen. *) Bon P. Minkowsky. Mittwoch, den 23. November a. St., am 30. Tage der Judenschlächterei, begingen sämtliche Gemeinden unserer Stadt einen Trauergottesdienst, der in der Geschichte unseres Volkes kaum seines Gleichen finden wird. 53 Bethäuser, die große Synagoge, riesenhafte Tempel inklusive ihrer Höfe waren voll besetzt nicht bloß von Juden, sondern auch von anderen Nationalitäten, die für die Opfer der Freiheit und Nationalität viel Tränen vergossen haben. Besonders als die hunderte von Namen der Gefallenen im Gedächtnisgebete feierlich verlesen wurden, dröhnten die Wände und zitterten die Fenster unter dem tausendstimmigen Jammer und dem Ausfluß der Erbitterung. Zur äußeren Harmonie des Tages trug auch die neblige Atmosphäre bei, die die Straßen in tiefes Dunkel hüllte. Dem Programme gemäß sollte der Gottesdienst um 8*/2 Uhr morgens anfangen, jedoch schon um 7 Uhr früh zogen viele Juden wie die Schatten durch die dunklen Straßen nach den Andachtsstätten. Und in dieser Dunkelheit schimmerten die Lichter der schwarz dekorirten und wollbeleuchteten Synagogen wie Sterne um Mitternacht. Die gewöhnliche *) Da der Postverkehr in Rußland selbst, wie nach dem Auslande .gestört ist, gelangt der vorstehende Bericht, den uns unser geschätzter Korrespondent mit einem nach dem Westen auswandernden Bekannten übersandte, erst verspätet zur Veröffentlichung. Die Redaktion, synagogale Disziplin war für diesen Fast- und Trauer-Tag aufgehoben. Tür und Tor wurden geöffnet für Männer und Frauen, für Juden, Armenier, Grusinen und Polen, für Studenten und Arbeiter, für Aristokratie und Plebs, um Trauer und Protest gegen die blutgierige Regierung und ihre bestialischen Satrapen auszusprechen. An diesem Trauergottes-- dienste beteiiigten sich nicht bloß Rabbiner, Kantoren und Chöre, sondern die gesamte Bevölkerung, zahlreiche Advokaten, Studenten und Leiter verschiedener Freiheits-Vereine, um unisono Trost dem jüdischen Volke und Verachtung den Henkern und ihren Anführern auszudrücken. Tie Redkn trugen mehr den Charakter der Verwünschungen gegen die Anstifter der Mordtaten als den der Trauer für die Ermordeten. Besonders rührend war der Gottesdienst im Tempel der Brodier Gemeinde, wohin eine Deputation aus der Elite der polnischen Kolonie mit dem Auflage geschickt worden war, einen großen Kranz mit Atlas - band und paffender Aufschrift dem Vorstände als Zeichen ihrer Sympathie für das jüdische Volk zu übergeben. Dieser pompöse, effektvolle Akt auf dem Altäre Gottes war von einer Deklaration der Polen, mit den Juden gemeinsam gegen Obskuranz, Pseudoreligwn, Nationalhaß, Willkür und Despotismus kämpfen zu wollen, begleitet. Die Deputation bestand aus zehn der angesehensten Mitglieder der polnischen Kolonie, geführt von dem Doktor der Rechte Herrn G lußki und Herrn Orjenzsky, Professor an der hiesigen Universität. Die Gäste nahmen ihre Ehrenplätze ein, und der Gottesdienst ging programmmäßig bis nach „^Tsgebäl^ fort. Dann fingen die Reden an. Rabbiner Cl:. T s ch e r n o w i t s ch schilderte in seinem Hesped die Lage der Juden in Rußland, die Lüge des Idealismus, den unverläßlichen russischen Liberalismus und machte der jüdischen Jugend Borwürfe, daß sie in dem jetziger! Freiheitskampfe allzuviel Blut für das Allgemeine und fast nichts für die Interessen der Juden und des Judeutums vergießen. Gleich darauf überreichten die polnischen Delegierten den Sympathie- Kranz, der die folgende Aufschrift trug: „Ofiarom ohydnej perzemocy“ („Den Opfern der schändlichen Gewalt") 19- 21. X. „Pierwiszy urec polsky u Odesie“. Das Volk wurde augenblicklich still, um der Begrüßung der Polen aufmerksam zu lauschen. Der Kranz wurde auf der Kanzel aufgehängr und Herr Glußki hielt folgende Ansprache: „Bürger! Das erste polnische Volks-Meeting, an dem sich mehr als 3000 Polen beteiligten, betraute uns mit der Mission, ihnen unser herzlichstes Mitleid für das Unglück, das ihre Gemeinde in den letzten schwarzen Oktobertagen getroffen hat, auszusprechen und auf dem Grabe der Gefallenen einen Kranz mederzulegen. Er soll Ihnen sagen, daß. wenngleich sich solche Christen gefunden haben, die Ihnen soviel Unglück und Vergewaltigung verursacht haben, es anch andere Christen gibt, welche diese Taten als schwere Frevel und Mörderei stempeln und dagegen feierlich Protest erheben. Die polnische Versammlung protestiert gegen diese Vergewaltigung! — Möge dieser Kranz ein Pfand der Hoffnung für die Zu-, kunft sein, daß die Menschen am Ende doch sich bedenken und Einer dem Andern seine Hand reichen werde, um freundschaftlich und in Eintracht auf dem Wege der Ideale und des Lichtes zu wandeln! . . ." Nach ihm betrat Prof. Orjeuzski, ein Redner von Gottesgnaden und einer der populärsten Kämpfer der Freiheitsbewegung, die Kanzel und sprach mit seiner mächtigen Stimme im prophetischen Tone folgende Worte: „Klaget Väter, jammert Mütter, beweint eure umgekommenen Kinder!.. " (Ein gewaltiges, vulkanartiges Schluchzen ging durch die Trauerversammlung.) „Die Opfer der Gewalt sind der Klagen wert. Weinet Väter, schluchzet Mütter, trauert Verwandte! Jedoch verliere nicht deinen Mur jüdisches Volk, verzage nicht, Juda, verzweifle nicht Israel! ... Es sind nicht die ersten Hiebe, die auf deinen Kopf fielen . . . und jedesmal ertrugst du sie mit Ruhm. Die Zukunft gehört dir! . . . Die gefallenen Opfer flochten ein neues Blatt im Ruhmeskranze, die deine Stirne verherrlicht! Du wandelst immer in den ersten Reihen der Menschheit auf dem Wege zur Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit! . . . Beklage deine Opfer, nur verfalle nicht in Wehmut und Verzweiflung. . . . Die Zukunft ist für dich jüdisches Volk! . . ." Der Eindruck dieser kurzen und brillanten Rede war ergreifend. Den polnischen Delegierten antwortete der bekannte Schriftsteller und Gelehrte. Nestor der jüdischen Advokaten und Vorsteher mehrerer Gemeinden, Herr M. M a r g u l i s ungefähr folgendes : „Die Delegierten der polnischen Gemeinde erschienen hier in unserem Tempel, um uns ihre Sympath:e infolge der schwarzen Oktobertage auszudrücken. Wir sind der Ueberzeugung, daß dieses Mitfühlen nicht bloß eine Kundgebung der hiesigen polnischen Kolonie, sondern des ganzen polnischen Volkes ist. Das polnische Volk reicht uns die Hand der brüderlichen Bereinigung und Liebe. Wir müssen diese Hand freudigst ergreifen und den Wunsch ausdrücken, daß diese Vereinigung lange Zeit andauern möge. Obwohl diese Hand auf einem Hügel von Leichen, die im Kampfe für die Freiheit gemordet wurden, sich ausstreckt, darf uns dieser Hügel nicht trennen, sondern im Gegenteil, auf einige Jahrhunderte zusammenbinden. In ihm liegt ja die ganze Kraft unserer brüderlichen Bereinigung. Der beste Ausdruck derselben soll die Verschmelzung der christlichen und jüdischen Namen der Gefallenen im Kampfe für die gerechte Sache sein, die in unserem heutigen Gebete eingeschlossen sind. Diese Verschmelzung in den Räumen unseres heiligen Tempeis verewigt das Andenken der zu Stande gekommenen Bereinigung. Das vergoffene Blut schreit zum Himmel nicht um Rache, sondern bloß, daß das Gericht der Gerechten einen Fleck auf die Stirne der Anführer dieser Mordtaten auspräge, der als Zeuge dienen soll, daß sie Mörder sind, wie es einst Gott mit dem ersten Brudermörder Kain gemacht hat." Nachdem der Redner einige historische Momente zwischen Polen und Juden besprochen hatte, schloß er seine Rede mit folgenden Worten: „Bloß e ine slavische Nation kam zu uns, ihr Mitleid auszudrücken, wir hoffen aber, daß alle anderen slavischen Völker in der Zukunft anerkennen werden.