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Die Wahrheit · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1. Die Wahrheit Lette 7. Dr. Maximilian Steiner verweist gegenüber den Ausführungen Dt. Rappaports, auf die vielen prinzipiellen Restanzen, die auch im neuen Regime vorhanden sind. Das sei eine Folge der Ueberbürdung des Vertreterkollegiums. Die Kommissionen sind gewiß nicht Schuld daran, da sie überhaupt fast gar nicht existieren und nur von der Gnade des Vertreterkollegiums abhängen. Durch Ausschaltung derselben gehen viele Kräfte, welche sich gerne mit Lust und Eifer der Gemeindeverwaltung widmen würden, verloren. Der größte Teil des Vorstandes verliert jede Fühlung mit den Agenden der Gemeinde und hat an denselben nur mehr akademisches und kein praktisches Interesse. Weiters konstatiert Redner, daß nicht nur im Spital der Kultusgemeinde sondern auch im Kinderfpital und an der Poliklinik Verbünde tind Medikamente unentgeltlich verabfolgt werden. Die Einführung der kameralen Buchhaltung nach dem Vorschläge Dr. Rappaports würde er gleichhalten der Rückkehr von der elektrischen Straßenbahn zum vormärzlichen Stellwagen. Wilhelm Kuffner spricht seine Verwunderung darüber aus, daß sämtliche Herren, die gegen die gegenwärtige Organisation gesprochen, trotzdem der Verwaltung Lob spendeten. Daraus müsse man doch schließen, daß wenn die Verwaltung gut ist, auch die Organisation eine gute sei. Es sei eine vielgewürdigte Erfahrung, daß die Verwaltungsagenden in größeren Körperschaften nicht ersprießlich behandelt werden können und darum müsse er an der gegenwärtigen Organisation in der Kultusgemeinde festhallen. Eine Entlastung des Vertreterkollegiums auf dem Gebiete der Armenpflege sei wirklich notwendig und vielleicht wäre es zweckdienlich, der Armenanstalt eine noch größere Competenz als bisher einzuräumen. Eine zweite Entlastung könnte dadurch erwirkt werden, wenn man dem Bureau mehr Selbständigkeit einräumte. Da spielt aber die Frage über die Qualität der Beamten hinein und er müsse bedauern, daß ein Vertreter ein solch abfälliges Urteil über die Beamtenschaft gefällt hat. Im Gegensätze hiezu müsse er erklären, daß im allgemeinen das Bureau am Platze ist und tüchtig arbeitet. Die überschwänglichen Hoffnungen, die Herr E l t b o g e n an die sogenannte 10 Kronen-Steuer knüpft, könne er nicht teilen, ja er erwarte von derselben nur eine Schädigung für die Gemeinde und stehe auch nicht an, ganz öffentlich zu erklären, daß er für die Kultusgemeinde, die doch keine politische sondern eine Verwaltungskörperschaft sei und in welcher es auch keine indirekten Steuern gebe, ein entschiedener Gegner des allgemeinen Wahlrechtes sei. Salo Cohn verweist darauf, daß in den größeren Gemeinden Deutschlands und auch in Budapest die Kultussteuer der Gemeindemitglieder eine viel geringere sei als in Wien. Freilich werden in Deutschland auch die Kultussteuern durch die Behörden eingehoben, wodurch sich die Verwaltungsspesen der Gemeinden bedeutend verringern. Kais. Rat Weil erklärt, daß nicht die Organisation, sondern die Art der Verwaltung und die Männer, welche an derselben teilnehmen, maßgebend seien. Und da müsse er mit Befriedigung konstatieren, daß es auf vielen Gebieten besser geworden sei, daß weiters der Vorstand nunmehr auch die Führung der Gemeinde in politischen Angelegenheiten übernommen habe und mit der Wählerschaft in stetigem Kontakt sei. Bezüglich des Budgets äußerte er den Wunsch, daß die Gründung eines Krankenpstegerinnenheims und die Errichtung eines Kinderspitales, für welche alljährlich eine Einstellung im Budget erfolgt, endlich einmal der Verwirklichung näher gerückt werden mögen. Professor Dr. E h r m a n n sieht den Grund der Ueberladun'g des Vertreterkollegiums darin, daß dasselbe die Vota der Kommissionen zu gering einschätzt und denselben kein Vertrauen entgegenbringt. Bezüglich der Verteilung der Medikamente im Rothschild-Spital verweist er darauf, daß eine behördliche Regelung der ambulatorischen Behand lung in den Krankenhäusern bevorstehe, die dem Mißbrauch der Ambulatorien durch Bemittelte Vorbeugen werde. Betreffs der angeregten Erweiterung des Wahlrechtes sei er auch in der Kultusgemeinde im Prinzips füt das allgemeine Wahlrecht, aber er halte es gegenwärtig, bei dem großen Zuzug von armen Leuten nach Wien, nicht für angezeigt, diesen Sprung ins Ungewisse zu tun. Auf dem Gebiete der Armenpstege sei entschieden eine Verbesserung notwendig, da jetzt viele wirklich arme Leute hungern und andere, die in der Bettelindustrie versiert sind, die Armenpflege erfolgreich ausnützen. Die Errichtung eines Heims für Krankenpflegerinnen sei Aufgabe eines Vereines, ebenso sei er der Ansicht, daß das Spital einem zu diesem Behufe zu gründenden Vereine zur Verwaltung übergeben werden solle. Sigm. Kauders spricht zunächst über das Friedhofwesen und urgiert dann die Einführung von Vokabelbüchern beim hebräischen Unterrichte in den unteren Klassen der Mittelschulen. Salo Landau führt Beschwerde darüber, daß in einzelnen Bezirken keine Verkaufsstelle für Koscherfleisch existiere, und regt dann eine Erhöhung der für die rituelle Beköstigung an den Spitälern eingestellten Post an. Architekt Marmorek tritt für Herabsetzung des Zensus und Einführung des allgemeinen Wahlrechtes ein, weiters wünscht er die Schaffung eines neuen Gehaltsregulativs für die Beamten, die zum großen Teil zu gering besoldet sind. Kais. Rat Sachs sieht den größten Schatz, den die Kultusgemeinde zu verwalten hat, in der Jugend und begrüßt darum die angekündigte baldige Eröffnung eines Lehrerseminars. Dr. Alfred Berger lenkt die Aufmerksamkeit des Vorstandes auf die unzulängliche Beleuchtung der einzigen in Wien bestehenden öffentlichen jüdischen Volksschule, der Talmud Thora, und empfiehlt, dem Talmud-Thora-Vereine eine entsprechende Bausubvention zuzuwenden. Nach einigen ziffermäßigen Richtigstellungen seitens des Finanzreferenten ergreift I. Vizepräsident Dr. K o h n das Wort zu den lautgewordenen Anregungen und Wünschen. Bezüglich der Supplenturen teilt er mit, daß die größtmögliche Sparsamkeit geübt werde. In der Administration sei eine, neue Schematisierung und Systematisierung in Vorbereitung, über welche im Laufe des Jahres 1906 dem Plenum Vorschläge gemacht werden sollen. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes würde er absolut nicht als Segen für die Kultusgemeinde betrachten. Die Wünsche bezüglich Erbauung neuer Tempel, des Kinderspitales, der Mikwah rc., können nicht alle auf einmal erfüllt werden, da man zu all diesen Dingen viel Geld braucht und man mit den Mitteln der Gemeinde rechnen müsse. Die Beschwerde, daß die Kommissionen zu wenig beschäftigt sind, sei nicht ganz stichhältig, da im abgelaufenen Jahre 104 Kommissionssitzungen abgehalten wurden. Das Vertreterkollegium hatte 212 Sitzungen, arbeitete sehr fleißig und verdiene nicht den Vorwurf, daß es über seine Kompetenz eifersüchtig wache. Die verspätete Zusendung der Budgetvorlage sei dem Umstande zuzuschreiben, daß das Budget Heuer zum ersten Male von sämtlichen Kommissionen dnrchberaten wurde und alle ihre Elaborate zu spät fertigstellten. Auf die Anregungen des Architekten Marmorek teilt schließlich der Vorsitzende mit, daß das Vertreterkolleginm sich mit der Censusfrage beschäftige und im Laufe des Monates Januar diesbezügliche Anträge stellen werde, auch werde es ein Schema bezüglich der Gehaltsregulierung vorlegen. Nach Schluß der Debatte wird über Antrag Salo Cohn das Budget 6n bloc einstimmig angenommen und dem Referenten H. Vizepräsidenten kaiserl. Rat Hirsch über Antrag Salo L a n d a n der Dank der Versammlung votiert. Tempelverein für den VI. nnd VII. Wiener perirk. Der große Verlust, den der Mariahilfer Tempel-Verein durch das Hinscheiben seines Präsidenten, Baurat Max Fleischer, erlitten, klang auch in der Donnerstag, den 28. Dezember 19Q£> stattgehabten 82. ordentlichen Generalversammlung nach. Zu Beginn derselben hielt der Vorsitzende, Vicepräsident Dr. Jacob Engel dem Verewigten folgenden Nachruf: „Geehrte Versammlung! Unser ehrwürdiger Herr Rabbiner hat in der wundervollen Trauerrede, welche er an der Bahre Max Fleischers gehalten und für welche ich ihm hier öffentliche

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