Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063317--04033-3070840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit. -0ir. 1. der nationalen Reibungen. Fällt der Stein auf den Krug, bricht der Krug, und fällt der Krug auf den Stein, bricht auch der Krug. Die übertriebene, obskure Liebedienerei der Juden Ostgaliziens zugunsten der Schlachzizen, die päpstlicher als der Papst sein will, hat das Maß des Erlaubten und Zulässigen weit überschritten, so daß sie in die Gruben, die sie für andere gegraben haben, selbst hineinfallen. Dieses nationale Unglück Hecken die führenden „Kahal-Politiker" selbst verschuldet, veranlaßt und großgezogen. Sie haben durch ihren übertriebenen Patriotismus die Erbitterung der anderen provoziert. In Böhmen und Mähren nehmen die Ereignisse einen ähnlichen Verlauf. Es kann jedoch infolge der geringfügigen Zahl der Juden die Katastrophe keine solchen Dimensionen annehmen, wie in Galizien. Die Juden in Ungarn sollten sich diese Tatsachen vergegenwärtigen und die Leidensgeschichte der galizischen Judenheit genau vor Augen halten. Sie sollen aus dem Borne dieser traurigen Erfahrungen die Ueberzeugung schöpfen, daß auch ihre Schonzeit von kurzer Dauer ist. Wir haben genug, dem Patriotismus, dem Egoismus der Völker Vorschub zu leisten, um wieder und immer wieder schnöden Undank zu ernten. Wir sind es satt, dem Toleranzdusel unser Können und Wissen, ja, uns selbst hinzuopsern! Leidet doch das bischen Duldsamkeit auf der ganzen Front Schiffbruch! Wir müssen demnach mit aller Energie rückhaltlos für die Errichtung eines eigenen Wahlkatasters, für die jüdischnationale Autonomie eintreten. Auf denn! Lassen wir uns die nie wiederkehrende gute Gelegenheit nicht fruchtlos entgehen! Lassen wir uns nicht von den entjudeten westlichen „Glaubensgenossen", von den „koscheren Hasenfüßchen" über diese hochwichtige Aufgabe hinwegtäuschen. Es ist höchste Zeit, einen Judentag in Galizien zu veranstalten; er ist für die Verwirklichung unserer Idee von größter Bedeutung. Auf denn, zum Judentag! Herrn. Kohn. Russische Flüchtlinge in-Mien. Die Not der Emigranten. Samstag abends fand in Wien eine von hier lebenden Rußen einberufene große Versammlung statt, die sich mit der Frage der gegenwärtig in Wien- und in Oesterreich befindlichen russischen Flüchtlinge befaßte, die in großem Elend leben. Den Vorsitz in der Versammlung führte Dr. Paul W e i s e n g r ü n. Das erste Referat erstattete Cand. Jur. Kaplanski, der unter anderem bekanntgab, daß unter der Masse der in Wien lebenden Flüchtlinge sich gegenwärtig etwa 150 in solcher Not befinden, daß sie in der Winterkälte vollständig unterstandslos sind und ihr Leben von einem Tag auf den anderen fristen. Die Stauung der auf der Auswanderung Befindlichen in Wien ist dadurch begründet, daß selbst solche Emigranten, die mit Reisepäßen versehen sind und das Fahrgeld besitzen, auf der Auswanderung über Deutschland nach Amerika von der deutschen Regierung nur dann über die Eintritts grenze gelaßen werden, wenn sie Schiffskarten ddr Hamburg-Amerika-Linie, und nicht, wenn sie Karten nichtdeutscher Schiffahrtslinien besitzen und etwa nach Rotterdam wollen. Die deutsche Regierung stellt sie auch dann, wenn ihre Fahrkarten bis Berlin lauten, auf eigene Kosten von Kattowitz an die österreichische Grenze, so daß sie notgedrungen nach Wien kommen müssen. In Wien werden sie häufig von Quartiergebern in unmenschlicher Weise bewuchert und liegen nach einigen Tagen auf der Straße. Die Erzählung von Flüchtlingen. Erschütternd wirkten in der Versammlung die Erzählungen einiger Flüchtlinge aus deu am meisten bedrohten Gebieten, zumeist aus der Gegend von Odeßa, Kiew und Warschau. Einer von ihnen, namens Danzis, sagte unter Tränen: Man hat uns oft gesagt, wir hätten in Rußland bleiben und unsere Familie verteidigen sollen. Es gibt nichts mehr zu verteidigen. Was sollen wir weiter dort tun, wo unsere Familien ermordet worden sind? Unsere Frauen und unsere Kinder sind totgeschlageu, unsere Eltern liegen im Maffengrabe. So lange einer von uns eine Familie hatte, ließ er sein Blut für sie. Fast alle, die geflohen sind, sind die letzten ihrer Familie. Hier aber verlangen wir kein Almosen, sondern bloß irgend eine Arbeit oder die Weiterbeförderung in ein Land, wo wir Arbeit finden. Lautes Weinen erscholl, als ein zweiter Emigrant, namens Lifschütz, zu einigen im Saale anwesenden Schicksalsgenoßen gewendet sagte: „Brüder und Schwestern, wollt ihr jede, auch die härteste Arbeit tun, nur um leben zu können?" Ein vielstimmiges „Ja" war die Antwort. „Und wäret ihr aus eurer Heimat geflohen," sagte er weiter, „wenn eine Möglichkeit des Bleibens gewesen wäre?" Einstimmiges „Nein". — Und daun, an die Wiener Versammlungstellnehmer gewendet: „Hat einer von Ihnen schon gesehen, daß man eine Frau in drei Teile zerschnitten, und die Stücke zum Fenster hinaus auf die Straße geworfen hat? Ich habe.es in Rußland gesehen. Hat einer unter Ihnen erlebt, daß man einen Strick um den Hals von zwölf Kindern gelegt und sie mit einem Ruck erdrosselt hat? Ich habe es gesehen! Hat einer von Ihnen gesehen, wie man Kindern das Haupt gespalten hat, daß ihr Gehirn ins Gesicht der Mutter spritzte — und daß man dann die Mutter selber schlachtete? Ich habe es gesehen!" Im Saale sah man bei diesen Schilderungen Männer und Frauen weinen. Unter anderen Rednern sprach dann auch Herr Stephan D e w on i s k i, der Präsident des Oesterreichisch-rusiischen Hilfsvereines. Er konstatierte, daß unter den Gaben sür die russischen Juden sich auch ein sehr großer Beitrag eines katholischen Erzbischofs befinde. — Redakteur Kraus machte dann zur Abhilfe dieser schrecklichen Lage der Durchwandernden eine Anzahl praktischer Vorschläge. Er beantragte unter anderem, daß diejenigen Wohnungsvermieter in Evidenz gehalten werden, bei denen russische Emigranten vorübergehend unter angemessenen Bedingungen von einem Kontrollkomitee untergebracht werden können, ferner sollten Ausspeisungeu im Turnus in Bürgersamilien, die sich zu diesem Liebeswerk bereit erklären, und schließlich ein gemeinsames Borgehen der Hilssvereine veranlaßt werden. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, wurde ein Komitee eingesetzt, das sich die Durchführung der gemachten Vorschläge angelegen sein laßen wird. Da viele der Anwesenden obdachlos waren, wurde für sie eine Sammlung dnrchzeführt, die ein namhaftes Erträgnis ergab. Ein Telegramm an Witte und seine Antwort. Nach der Versammlung hat der Präsident des Oesterr.-russischen Hilfsvereines, Herr Stefan Dewoniski, nachfolgendes Telegramm an den Ministerpräsidenten Grafen Witte nach Petersburg gerichtet: „Euere Durchlaucht! Mehrere tausend unglücklicher russischer Juden, Männer, Weiber, Kinder und Greise, nachdem sie unzähligemal Todesschrecken überstanden, welche das sonst gutherzige und tolerante, sür einen Moment jedoch gottvergessene christliche russische Brudervolk über sie gebreitet hat, befinden sich in verzweifelter Lage in der österreichischen Kaiserstadt Wien, ohne Nahrung, ohne für die Winterkälte genügende Kleidung und .ohne schützendes Obdach. Das M i t l e id der Einheimischen ist außer Stande, für die russischen Flüchtlinge auch nur das Allernotwendigste zu leisten, zumal die hiesige Wohltäti gkeit blutenden Herzens vornehmlich an die Millionen nnbeschützter Juden in Rußland selbst denkt. Hochherziger Herr Graf! Wohl sind Sie gegenwärtig mit schweren Sorgen für das Volk Ihres Vaterlandes beladen; doch Ihr großes Herz und Ihre bewundernswerte Tatkraft sind Ihren übermenschlichen Aufgaben gewachsen. Gott leihe Ihnen Kraft und Ihr erhabener Kaiser schenke Ihnen weiterhin sein vollstes Vertrauen zum Segen seines unermeßlichen Reiches. Im Namen der durch schreckliche Todesängsten Vertriebenen flehe ich Sie an: Bewilligen Sie anläßlich der Jahreswende von staatswegen eine S u m m e zur Linderung der dringendsten Not Ihrer unglücklichen, von der g e l i e bt e n Heimatsscholle vertriebenen Landsleute! Bedenken Sie, daß auch in jedem Juden ein Stückchen der allumfaßenden Gottesseele lebt, welche durch Unbarmherzigkeit schwer beleidigt wird. Helfen Sie, mächtiger Graf, und das neue Jahr soll dafür Ihrem erhabenen Monarchen, dem ganzen russischen Kaiserhause, Ihnen selbst und dem großen russischen Volke Frieden, Glück und Eintracht bringen." Hierauf ist Herrn Stefan Dewoniski folgende Depesche zugekommen : „Herrn Stefan Dewoniski, Präsident des Oesterreichisch-russischen Hilfsvereines in Wien. B e d a u r e lebhaft, mich außerstande zu sehen, Ihrem Gesuche eine weitere Folge zu geben. Graf W i tte." Aus der Wiener Kultnsgemeindc. Samstag, den 30., 7 Uhr abends und Sonntag, den 31. Dezember, 10 Uhr vormittags, fand unter dem Vorsitze des I. Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn eine vertrauliche und eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Letztere beschäftigte sich ausschließlich mit Festsetzung des Voranschlages pro 1906, bei welchem Anlasse, wie gewöhnlich, sämtliche Zweige der Gemeindeverwaltung von den einzelnen Rednern eingehend beleuchtet wurden. Die Debatte bewegte sich diesmal in größerem Rahmen und bot manche überaus interessante Momente. Im Nachstehenden der Bericht: Vertrauliche Sitzung. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: „Nach kurzer Pause hat wieder der Tod eine klaffende Lücke in unser Kollegium gerissen; Max Fleischer, eines der ältesten Mitglieder des Vorstandes, haben wir, hat die Gemeinde und die ganze Judenschaft verloren. Ein Mann von seltenen Charaktereigenschaften, dessen Seele von feinster Empfindung für rrriiMruTnimir