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Die Wahrheit · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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m Die Wahrheit I Redaktion 11. Sld»ii»ist>aliou: Wien, 11/, Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15303. Inlerale LU Hell. per Nonpareille-Zeite. Tnakhängtge Heitschnfl für Mische VeruKSpirris: Ganzjährig . . . K. >».— Halbjährig . .. ft. 6.— JlnferejjfetL Für CnttnSbeamte: Kr scheint jeden Kreilag. Ganzjährig . . .»>«» — Abonnementsn. JnsertionS- Für Ausland: betröge sind in Wie» zahlbar Ganzjährig ...» Mark! und klagbar. Rollo: „Da« Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder >« Fcs. Ur. 1. Wien, 3. Jänner Inhalt: Ein Jndentag in Galizien. — Russische Flüchtlinge in Wien. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. ' — Tempelverein für den VI. und VII. Wiener Bezirk. — Odessa nach den Judenkrawallen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgefunden. — Jacob Bauer. — Singen und Sagen. An unsere Leser! Bei dem Ernste der gegenwärtigen Zeiten bedarf das Judentum mehr denn je einer starken und unabhängigen Presse, die nicht nur mutvoll und unerschrocken den Kampf nach Lützen führt, sondern auch im eigenen Lager strenge Wache hält. Von dieser Ueberzeuqung durchdrungen, hat „Die Wahrheit" auch im abgelausenen Jahre an ihrem Programme, das Interests für die erhabenen Ziele des Judentums in allen Bevölkerungsfchichten zu wecken, seftgehalten, und ihr Bestreben wird auch fernerhin darauf gerichtet sein, jüdisches Leben in allen seinen Erscheinungen zu pflegen, die innere Organisation mit allen Kräften zu fördern, die Vorfälle im Gemeinde- und Vrreinsleben mit matzvoller und objektiver Kritik zu beurteilen und dabei gleichzeitig den Kampf nach Nutzen mit Würde und Entschiedenheit zu führen. Diese publizistische Tätigkeit bitten wir durch Nbonnierung unseres Blattes zu fördern. Abonnements-Bedingungen: ganzjährig Kr. 12.—. Vierteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr- 6.—, Probenummern stehen zur Verfügung. Die Weöaktion. Gin Jndentag in Galizien. Die überaus praktische Idee der jüdischen Volkspartei, die politische Sonderstellung der Inden in Oesterreich durch Errichtung einer nationalen Kurie zu erwirken, hat im Parlamente feierlichen Einzug gehalten. Die Wahlreformvorlage, die berufen ist, alles Rückständige und Ungerechte zu stürzen, bietet uns die Gelegenheit, ein völkerversöhntes Oesterreich ins Parlament einziehen zu sehen. Die Völker Oesterreichs wären demnach wie eine Aktiengesellschaft organisiert, deren Verwaltungskörper, das Parlament, jeder Nation - die ihr gebührenden Dividenden verteilen sollte. In diesem Völkerkonzerte wollen auch wir Juden, als nicht kleinste Minorität unsere gleichberechtigte Stimme erheben, um unserem Anteil gemäß, unsere Rechte zu beanspruchen. Es ist nicht nur unser gutes Recht, sondern auch unsere ' Pflicht gegen die anderen Völker, einen besonderen Wahlkataster zu verlangen, um dem Völkerfrieden in Oesterreich gerecht zu werden. Die österreichische Judenschaft hat immer die Kriegskosten der nationalen Kämpfe blutig bezahlt. Die durch unsere Unterstützung siegenden Völker verlachen und verhöhnen uns nach den Wahlen, während die Besiegten guten Grund haben, j uns zu verstoßen. j Am krassesten geht es in Ostgalizien, dem eigentlichen! „Haliczina' zu. Die ruthenische Majorität, über 70% der Be- I völkerung wird durch die Schlachta politisch und kulturell niedergerungen. Es ist fast unglaublich, daß in einem Rechtsstaate j solche schreiende Ungerechtigkeiten Vorkommen. Der Wahlrechts- | raub in Ostgalizien hat in den letzten Perioden blutige Opfer > gefordert. Der Polenklub wurde unter dem Schutze der Gewehrkolben der Gendarmerie gerettet. j Was Wunder, daß dieses ungerechte Privilegiensystem! keine arbeitsfähige und arbeitswillige gesetzgebende Körperschaft I zeitigen konnte! Was Wunder, daß die Juden Ostgaliziens, j die dem Polenklub Schergendienste leisteten, aus Schritt und Tritt boykottiert werden I Das gutmütige, friedliebende ruthenische Volk errichtet sich überall eigene nationale Verkausshallen, entzieht dem jüdischen Händler die Kundschaft und macht ihn aus! diese Weise zum eigentlichen „polnischen Juden". Die nicht i seriöse Wahlmacherei rächt sich blutig, so daß wir vor einem i Massen-Jndenelend stehen. Dieser selbstschüdigende Wahlhandel! hat dem Juden seine Existenz ruiniert und den Boden unter , seinen Füßen entzogen. Was Wunder, daß dieses industriearme : Land für seine Juden nichts anderes übrig hat, als den l Wanderstab. Und so finden wir den galizischen Juden, der nichts gelernt und nichts vergessen hat, in der ganzen Welt zer-! streut, überall mit sich den polnischen Juden mitschleppend, j Die galizische Judenheit bildet nahezu 8% der jüdischen | Nation. Ihre trostlose Lage ist demnach als nationales Unglück | zu betrachten. Man kann sich bei dieser Tatsache des Gefühles > besonderer Beschämung nicht erwehren, daß es noch Konnaüonale; gibt, welche diese niedergebeugten Stammesbriider verhöhnen und verspotten. Diese bedauernswerten, in ihrer Wstenz ruinierten Volksgenossen verdienten im vollen Maße bessere Aufmerksamkeiten, als zur Zielscheibe geistloser Witze degradiert zu werden. Die Judenwanderung von Westen nach Osten hat sie zwischen zwei Mühlsteine gedrückt, wodurch sie zu dem gemacht wurden, was sie heute sind. I In gar keinem gemischtsprachigen Lande kann sich der! Jude frei und selbstbewußt entfalten. Er ist immer ein Opfer

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