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Die Wahrheit · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 50. Seite 10 Die Wahrheit weitere Empfehlungen mitgegebeu, bis allmählich das Vertrauen; zu ihrer Geschicklichkeit, Umsicht und Klugheit derart zunahm. daß man sich ihrer auch zur Vermittlung von Partien zu bedienen begann. Jentali, diese pflichttreue Briefträgerin, die mit seltener Gewissenhaftigkeit, die ihr oft von Schreibunkundigen mündlich anverttauten subtilsten Geheimnisse einzig nur an die bestimmten Adressen übermittelte, sie war die richtige Person, zarte Fäden von Herz zu Herz anzuspinnen. So wurde sie auch bald als Jentali, die Schadchinti, bekannt und gerühmt. Doch welchem Sterblichen wären je lauter ungetrübte Tage vergönnt gewesen? Auch Jentali ward eines Tages vom Neid der Götter empfindlich getroffen. Durch eine der unglückseligsten Verwechslungen in ihren Notizen hatte sie zwei Bochrim auf Beschau zusammengesührt, und nur das gleiche Interesse aller Beteiligten, die lächerliche Sache Lotzuschweigen, bewahrte sie vor dem Verlust dieser,-ihrer sehr einträglichen Berühmtheit als Schadchinti. Hin und wieder nur wurde ihr einmal von einem Eingeweihten der Hieb versetzt, sie „paare Sucher mit Bücher." Die vielen Bekanntschaften, der intime Verkehr in Familien, die ihr auch immer weiter angesehene Verbindungen erschlossen, erleichterten ihr zwar die Mission, um derentwillen sie ausgezogen war, doch die Zeit verging, ohne daß sie über Gerschon etwas Positives erfahren konnte. Nach langem Umherwandern war sie denn auch eines Tages wieder im Heimatsstädtchen erschienen. Die Sente verwunderten sich, daß sie ttotz des verfehlten Zweckes der Reise so wohl und frisch aussab wie noch nie. Nett und sauber gekleidet, wie man sie auch noch nie gesehen, ja — ob in der Erinnerung an jene Hälmchen damals — mit einigem Geschmeide geputzt, und so froh und munter, wie vielleicht auch noch nie, ging sie fest von Haus zu Haus, verteilte Briefe und Pakete, überbrachte Geschenke, mündliche Nachrichten und Grüße. Soviel Neues und Interessantes wußte sie zu erzählen, daß man ihr mit atemloser Bewunderung zuhörte. Gleichzeitig machte sie denn auch bekannt, daß sie bald wieder hinausziehen werde, und bat um Aufträge. Bei jeder bedauernden Aeußerung der Leute über den Mißerfolg ihrer Reise huschte jedesmal auch wieder ein Lächeln über ihre Lippen, aus dem indessen keiner klug wurde. Aber in dem, was sie erwiderte, fand man einigen Sinn: „Saul war ausgezogen," sagte sie, „die Eselinnen seines Vaters zu suchen nnd hat ein Königreich gefunden; ich bin ausgezogen, den —" es drängte sich stets wieder das Wort Esel auf ihre Lippen, «cker sie hütete sich, es auszusprechen — „den Gerschon zu suchen, und habe einen Beruf gefunden, der mir ebensoviel bed«ttet, weil ich dadurch das Bewußtsein erlangt habe, eine selbstständige, arbeitende Persönlichkeit zu sein, mein Leben mir fewst zurecht zimmern zu können." Ihrem Berufe, an dem sie jetzt so große Freude hatte, blieb Jentali treu. In kurzen Zwischenräumen durchzog sie immer wieder das Land. Und überall, wohin sie auch kommen mochte, war ihr guter Ruf auch schon vorausgeeilt, überall willkommen geheißen, wurde sie auch reich bewirtet und ihre Dienste reich gelohnt. Kaum daß sie jetzt noch je im Stillen des Zweckes ihrer ersten Reise gedachte — allein das Geschick war mächtiger; es waltete heimlich und durchkreuzte ihren Vorsatz, zeitlebens Agune zu bleiben. weiter gehen, anderswo suchen, als eine Stimme plötzlich an ihr- Ohr schlug, bei der es sie durchschauerte doch keineswegsfreudig. Wie gebannt mußte sie stehen bleiben. Derjenige, der ebeu . so laut gesprochen — es war Gerschon.... Sekundenlang durchblitzte es sie, jetzt ihrerseits zu flüchten^ doch schon hatte Gerschon sie erblickt. Er eilte aus sie zu, hielt ihr beide Hände entgegen: „Jentali, so a Freud', bist mir ent» gegengefahren? so wie ich Hab' Dich in mein Brief gebeten,: ja, ja...." Sie sah ihn an .... Log er? Hatte er endlich vielleicht doch wirklich geschrieben? Aber Gerschon ließ ihr keine Zeit, sich darüber klar zu werden. Er war an den Tisch geeilt und kam rasch wieder angestürzt, ein vollgefülltes Weinglas ihr entgegenhaltend. Sie mußte trinken. Und er setzte sich zu ihr und blickte in ihr Gericht, wie sie sich nicht erinnern konnte, je von ihm angeblickd worden zu sein.... und redete und redete in einem fort, als hätte er es darauf abgesehen, daß ihr das Fragen vergehe. — Daß er auch ja gerade darum hergekommen war, weil er darauf gerechnet, hier eine gute Gelegenheit zur Heimfahrt zu bekommen, und nun hat es der liebe Gott so schön gefügt, daß. sie zusammengetroffen seien. Jentali aber wurde sich von Minute zu Minute klarer darüber, wie wenig froh es in ihrem Herzen aussah. Ja, daß etwas wie ein leises Grauen über sie gekommen war, bei diesem Gedanken, jetzt in das alte Leben, das alte Heim zurückkehren zu müssen. Aber es half nichts, jetzt hatte ja Gerschon, leider Gottes, wie sie dachte, auch wieder zu bestimmen. Sie erklärte, einige Tage in der Gegend noch zu bleiben,, um ihren Verpflichtungen gerecht werden zu können. Sie merkte, er schien ihr nicht recht zu ttauen, als er über die Unsicherheit der Gegend für Reisende auf einmal zu schimpfen anfing. „Sei ohne Sorge," fiel sie ihm ins Wort. „Jentali, die berühmte Schatchenti und Briefträgerin, ist eine Persönlichkeit, der keiner so leicht etwas Böses zufügen wird." Sie hatte es nicht ohne einen gewissen Stolz gesagt, und fügte dann noch mit einem. Lächeln hinzu: „Nicht einmal verstecken oder davonlaufen könnt sie, so bekannt sei sie im ganzen Land." Einige Wochen darauf waren Jentali und Gerschon wieder im Städtchen, wieder in ihrem kleinen Häuschen, Gerschorr Linkpintel wieder als Schammes wirkend und Jentali im engen. Kreise ihres Hauses.... Die Leute im Städtchen schienen merkwürdigerweise vergessen zu haben, wie sehr sie vor Jahr und Tag Jentali, die Agune. bejammert hatten. Wo sie sich jetzt zeigte, wo man ihr begegnete, aus jedem Munde schallte es ihr entgegen: ..O Gott, o Gott, was für Elend ist es wieder mit unsere Brief', mit die Grüß' und überhaupt mit die Schiduchim. Gar nicht zu beschreiben. Auf Euch war Verlaß in Allem. Großartig, klug, verständig habt Ihr alles ausgeführt. Ja, a Gesere, a bittere Gesere ist's, daß Ihr kennt nicht mehr herumfahren." Jentalis Mund aber umspielte jedesmal wieder dasselbe kluge Lächeln, wenn sie erwiderte: „Geduldet Euch nur a bissel- Ich bin nicht umsonst viel in der Welt herumgewesen; ich Hab' was gelernt. Wenn ich a Mensch gut kenn', brauch ich nur sein: Ponim sehn, weiß ich seine Gedanken. So lange soll das jüdische Gulis währen, wie lang der Durchgänger noch bei mir bleiben wird. Hernach habt Ihr wieder zurück, Eure Jentali,. die Briefttägerin, die Schatchinti, Jentali, die Agune.... Es war in einer besonders unwirtlichen Gegend, daß sie eines Tages das einzige Wirtshaus daselbst bettat, um sich ein NachÜager zu bestellen. Sie hatte sonst stets das Glück gehabt, in Familien Unterkunft zu finden. Eine lärmende Gesellschaft, bei Kartenspiel und Wein, füllte den Raum. Jentali hielt den Schritt an. Sie wollte lieber Schicht feste Spezialität für Wolle and Seide. Gibtaachdie schönsteWeißwäsche

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