Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 50 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oestm -ungar. Lantorku-Zeitung. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Cantoren dringend orsucht, den Abonnementsbetrag für das am 1. Jänner 1906 beginnende 1. Quartal umgehend einznsenden und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. Die Administration. Alte und neue SynagogenmnftK. Durch mannigfache Umstände verhindert, die Empfindungen und Ansichten, die der unter obigem Titel jüngst erschienene Artikel des geschätzten Herrn Kollegen B. S. in mir auslöste, niederzuschreiben, will ich dies jetzt tun, da ich es für meine Pflicht halte, den Ausführungen des werten Herrn Kollegen in einigen wesentlichen Punkten entgegenzutreten. Es liegt mir fern, gegen besagten Artikel in feiner Gänze zu polemisieren; die musik-ästhetischen Ausführungen des Herrn Kollegen B. S. müssen von jedem Vernünftigen unterschrieben werden. Aber — die Schlußfolgerungen, die er daraus zieht, die Gestaltung des musikalischen Repertoirs für den Gottesdienst betreffend, sind meinem bescheidenen Dafürhalten nach gänzlich falsch, weil aus falscher Grundlage stehend. Um vorerst im allgemeinen zu sprechen: Die Beurteilung eines Tonstückes bloß nach der Melodie hin, ist wenig fachmännisch. Wollte man jedoch einwenden, was ja der Herr Kollege B. S. in seinem Artikel als Basis der Repertoirebildung annimml, daß die Auswahl der Tonstücke dem Geschmacke des Publikums entsprechen muß, so wird dieser Einwand sicherlich von jedem ernsten Musiker zurückgewiesen werden. Der Geschmack des Publikums darf den Fachmann nicht zu sich herabziehen, im Gegenteil: das Publikum muß erzogen, muß : emporgehoben werden. Dies ist leichter, als man denkt, wenn j nur die Ausführung des Gebotenen exakt und wirklich musikalisch I ist; bekanntlich kommt es ja bei jedem Kunstwerk nicht aus das! Was, sondern auf das Wie an. Und dem Gefallen an der i schönen Ausführung wird sehr bald das Gefallen an dem Ton-! stücke selbst folgen. So läßt sich die Hörerschaft bald für gute, I wirkliche Musik empfänglich machen, und der Fachmann erspart! es sich, ob seiner maßlos weit gehenden Konzessionen an das Publikum vor sich selbst zu erröten. Wie nennt man eine Bühne, j die ihr Repertoire einzig und allein nach dem Geschmacke der j breiten Menge gestaltet? Eine—Schmiere. Vergessen wir doch nicht, daß die Musik im Gotteshause nicht den Zweck hat, den Hörern einen Ohrenschmaus zu bieten, sondern sie zur Andacht zu erheben. Von diesem, wohl allein richtigen Standpunkte ausgehend, wird man zu völlig anderen Resultaten gelangen, als der werte Herr Kollege B. S. Weiters: Was ist melodiös? Diese Frage ist wohl ebenso! schwer zu beantworten, wie die noch allgemeinere: Was ist schön?! Wir wissen, wie verschieden von verschiedenen Hörern die Schönheit der Melodie beurteilt wird. Selbst bei demselben Individuum erfährt darin der Geschmack mannigfache Wandlungen. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte Wagners Musik gewiß mit Zu-! stimmung der Mehrheit eine ..Wüste" genannt werden, in der „einige herrliche Oasen blühen". Und heute? Heute beherrscht Wagner nicht nur die dramatische Musik, nein, die gesamte Kunstmusik (vielleicht einzig die für die Synagoge ausgenommen), heute schwört alles aus die „unendliche Melodie" Wagners. Solch durchgreifende Veränderungen haben wenige Jahre für die Beurteilung des Melodiösen bewirkt, und da sollte sich eine Norm für den Begriff „melodiös" aufstellen lassen? Die Würdigung eines Tonstückes also bloß nach der Melodie hin, ist unfachmännisch und vage. Der gesamte musikalische Wert der Komposition muß für uns in Betracht kommen, und was damit zusammenhängt: ihre Eignung zur Andacht zu erheben. Dann werden wir aber von alten Meistern nicht vor allen Naumburg, sondern Sulzer und Lewandowsky wählen. Dies sind unsere Klassiker! Erst in weitem Abstande können wir an Naumburg denken, dessen Schöpfungen gewiß unsere Bewunderung erregen; aber teilweise auch Befremden, wie z. B. das ominöse S’u sch’orim in D-moll. Und gerade diese und ähnliche seiner Komposilionen erlangten die größte Popularität. Sapienti sat. Von den neueren Komponisten ist die Wahl Kirschners gewiß nur zu billigen. Aber in erster Reihe? Da mache ich dem Herrn Kollegen geradezu einen Vorwurf, daß er, ein in Böhmen wirkender Kantor, unseres herrlichen David Rubin vergessen konnte. Rubins Schöpfungen vereinigen ja Tiefe der Empfindung, Adel der Erfindung, Reichtum der Harmonie, stets interessanten Rhythmus, und vor allem die ganz besondere Eignung, in dem Hörer, wie in dem Aussührenden Andacht zu erwecken und die schon vorhandene mächtig zu steigern. Darum vor allen, Rubin! Auch Kirschners Tonwerke besitzen ähnliche Vorzüge, wenn auch nicht in so hohem Maße, wie die Rubins. Als Höhepunkt, seines kompositorischen Schaffens würde ich nicht das P-äur-.läouolorn, sondern die wahrhaft wunderbaren W’schom’ru. bezeichnen, die, im Vereine mit dem ewigjungen Es-dur-W’schom’ru Rubins, vorzüglich geeignet sind, geradezu als Mittelpunkte des Freitagabend- Gottesdienstes zu wirken, edel musikalisch und vor allem: andachterw eckend. Leo K o r n i tz e r, Oberkantor in Saaz. r ''' des öltcir.-urig.^untorai-leitines. In der Mittwoch, den 27. d. M. unter dem Vorsitze des Vereinspräsidenten Oberkantor I. Singer stattgehabten Vorstandssitzung, an welcher auch zahlreiche WienerKantorenteilnahmen, wurde einstimmig beschlossen, dem Vizepräsidenten des Vereines, Oberkantor I. Bauer, in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um den Verein und die Kollegeuschasi, zu seinem am 6. Jänner 1906 stattfindenden 25jährigen Amtsjubiläum als Oberkantor der türk. Jsraeliten-Gemeinde in Wien eine besondere Ehrung durch Ueberreichung einer Adresse seitens des! Vereines und eines Ehrengeschenkes der Wiener Kantoren zuteil i werden zu lassen. Diejenigen Kollegen, die sich an diesem Ehrengeschenke beteiligen wollen, werden ersucht, ihre Beiträge an den Vereinssekretär Dr. M. Löwy, Wien, I., Wippt ingerstraße 19, ehestens einzusenden. Weiters wurde beschlossen, das langjährige Vereinsmitglied, Kantor Karl Brunner in Jglau der in den nächsten Tagen sein 50jähriges Kantorjubiläum begeht, durch Zusendung einer Adresse zu ehren und in der nächsten Generalversammlung dessen Ernennung zum Ehrenmitgliede zu beantragen. * * * Die P. T. Vereinsmitglieder werden aufmerksam gemacht, daß die Jahres- und Pflichtbeiträge bis zur Neubesetzung der Kassierstelle an den Vereinssekretär Dr. M. Löwy I., Wipplingerstraße 19, zu senden sind. Der Vereinsvorstand. 00965668