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Die Wahrheit · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50, Die Wahrheit Seite 9. personale die Chanukahymne exekutierte und Rabbiner Dr. Samuel Ko hu die, Weihrede hielt. Zur selben Zeit hielt im Ofner Haupttempel Oberrabbiner Dr. Arnold K i ß die Festrede. Gelegentlich des Sabbat-Hauptgottesdienstes hielten Kanzelreden: Rabbiner Dr. Julius Fischer im Tempel, Rabbiner Dr. Simon H e v e s i in der Synagoge und Oberrabbiner Koppel Reich im Bethause der aut. Orthodoxen. Chanukafestlichkeiten arrangierten die beiden Waisenhäuser, im Knabenwaisenhause hielt die Weihrcde Rabbiner Dr. Simon Hevesi, im Mädchenwaisenhause war bloß eine häusliche Feier, die, sonderbar genug, Samstag um 4 Uhr nachmittags abgehalten wurde. Die Zionisten veranstalteten eine Makkabäer-Feier. Der israelitische Jünglingsverein hatte auch seine Chanukafeier, sein Ehrenpräsident Professor Dr. Max Schächter, dem bei dieser Gelegenheit ein Ehrenpokal überreicht wurde, hielt die Festrede. Der Bachurimverein feierte Chanuka, wobei der Verboer Oberrabbiner Samuel Reich eine Gelegenheitsrede hielt. Der nng. isr. HandiverkeruNd Ackerbauverein gab seinen Zöglingen eine höchst gelungene Chanukafeier. Im Tempel, allwo der Jngendgottesdienst abgehalten wird, versammelten sich die Schützlinge des Vereines und eine erlesene Gästeschar. Anwesend waren die Gemeindevorsteher Ludwig Adler und Sigmund L. B r e i t n e r, die Hofräte Dr. Armin N e u m a n n und Berthold W ei ß, der Chewra-Kadischa-Vorsteher Moriz L i n d e n b a u in, die Tempelvorsteher Julius Adler und Berthold Herzmanii, die' Advokaten Dr. Emil Farkas und Dr. Joseph Spitzer u. a. Oberlehrer Kuttner verrichtete das Minchagebet und zündete die Weihlichter, worauf Rabbiner Dr. Simon Hevesi eine passende Ansprache an die Vereinszöglinge richtete, wofür ihm Hofrat Dr. Neumann bestens dankte. Die besten Zöglinge erhielten Prämien in Gold und in Uhren. Einige angehende Meister erhielten Unterstützungen von 300—600 Kronen. Nach der Feierlichkeit fand im Prachtsaale der Gemeinde eine Jause statt» welche das Damenkomitee zustande brachte. Ganz besondere Verdienste erwarben sich dabei die Präsidentin Frau Jakob Fürst de Maroth, Frau Hosrätin Amelie Neumann und Frau Sigm. L. Breitner. v. H. 8. Berlin Die Berliner Gemeinde hat die Aufstellung eines j ü d i s ch e ii Gemeinde-Schulinspektors, der die Aufsicht über den jüdischen Religionsunterricht an allen Schulen Berlins übernehmen soll, in Aussicht genommen. Da auch der Religionsunterricht an den staatlichen und städtischen Schulen der Beaufsichtigung durch den neuen Schulinspektor unterstellt werden soll, bedarf diese Einrichtung der Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde. Das Provinzial-Schulkollegium hat es abgelehnt, selbständig eine Entscheidung zu treffen und die Sache an ' das Kultusministerium verwiesen, wo sie schon, seit vielen Monaten unbeantwortet ruht. Der Gemeindevorstand will deshalb persönlich beim Kultusminister vorstellig werden und gleichzeitig der Schulaufsichtsbehörde eine Eingabe unterbreiten, in der darum ersucht wird, der jüdischen Gemeinde die gleichen Rechte einzuräumen, wie den evangelischen und katholischen Religionsgesellschaften, denen die Aufsicht über den Religionsunterricht, als ein Teil der allgemeinen Schulinjpektion zusteht. Auch der Deutsch- , Israelitische Gemeindebund ist im gleichen Sinne vorstellig geworden. Berlin. Der Verein zur Pflege hebräischer Musik in Berlin hat neuerdings eine Kommission eingesetzt, deren Aufgabe es sein soll, die in den jüdischen Familien bei häuslichen Andachtsgelegenheiten sowie bei Familienfestlichkeiten herkömmlichen Melodien zu sammeln. Die Kommission wird sich demnächst mit einem Aufruf an weitere Kreise wenden. Die Anregung erscheint sehr dankenswert, da hierdurch eine Musikliteratur geschaffen werden kann, die sonst zweifellos für die Nachwelt verloren gehen würde. Feuilleton. Ientali, die Agune Von E. G. Hamburg. (Schluß.) Eines Tages erschienen ihr die Gräser mächtig in die Höhe geschossen und das Bäumchen hatte wieder auch neue Blättchen bekommen. Sinnend stand sie vor diesen Wundern, die sie jetzt zum ersten Male als solche betrachtete. Einige Wassertropfen hingen an den Grashalmen und glänzten in der Sonne wie Diamantengeschmeide und die Blüten am Bäumlein lugten frisch und gar prächtig anzusehen heraus. Da auf einmal glaubte sie ein leises Raunen zu vernehmen, zarte Sümmchen flüstern zu hören: „Sieh, wie blank und schön wir sind, wie fein und stattlich wir in unserem Putz aussehen, obgleich nur ganz ärmliche Dinger, wie wir wohl wissen. Nun das macht, weil wir den festen Willen haben, auch etwas zu sein. Freilich haben die Gottbegnadeten es besser und leichter. Indes mit ein wenig Ausdauer, ein wenig Energie kann man sozusagen auch etwas aus sich Herauspressen, aus sich machen, überhaupt wenn eine gütige Hand, mithilft und vor dem Verdürsten schützt." Ientali fuhr sich mit der Hand an ihren Kopf — was für seltsame Gedanken das waren. Alles in ihr brannte von dem großen hellen Licht, das jetzt plötzlich in ihre Seele gefallen war. Klarheit war auf einmal an Stelle der bis nun so verwirrenden Gedanken getreten. Sie wußte jetzt, was sie tun sollte: sie mußte Gerschon suchen, seinen Spuren folgen. Und selbigen Tages ging sie auch schon, mit ihrem besten Kleide angetan, zu einem der größten Fuhrwerksbesitzer des Ortes, mit dem sie eine Unterredung hatte. In dem kleinen rumänischen Grenzstüdtchen, in der sogenannten guten Zeit, wußte man nur vom Hörensagen von einer Eisenbahn. Der Ort lag so, daß alle für das Land bestimmten Waren da verzollt und umgeladen werden mußten. Auf großen, mit vier, sechs, ja mit acht Pferden bespannten Lastwagen wurden diese Frachtgüter dann weiter von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt befördert. Der Fuhrwerksbesitzer, dem die arme Agune ihre Bitte um kostenlose Beförderung ihrer Person zwischen den Ballen und Kisten vorbrachte, hatte sich keinen Augenblick besonnen und „ja" gesagt. Noch mehr, er wollte sie in den fernen Städten auch noch seinen Bekannten in derselben Branche für weitere Fahrten empfehlen. „Ja," hatte er tröstend gesagt," es soll Euch leicht gemacht werden, überall im Lande und außer Landes herumzukommen." Hätte Ientali etwas von Odysseus und seiner Penelope gewußt, an diesem Tage würde sie sich über diese Frau Penelope höchlich verwundert haben. Warum hatte nicht auch sie sich aufgemacht, ihren Odysseus zu suchen, anstatt zu sticken und dazu noch das Gestickte immer wieder aufzutrennen'? Sie, die arme Ientali, hat gehungert und doch keinen Strumpf mehr gestrickt und keine Feder mehr geschlissen, seit Gerschon von ihr gegangen war. Mit ein bischen Ausdauer, ein bischen Energie, das hatten ihr am Morgen ganz deutlich die Sümmchen zugeraunt, vermag auch ein ärmliches Ding etwas aus sich herauszrrpressen. Ientali nannte es Tatkraft, was sie nun aus sich herausgepreßt hatte. Sie hatte nun auch den festen Willen, etwas aus sich zu machen. Ihr Entschluß fand geradezu begeisterte Zustimmung im Städtchen. „Sie ist noch so jung, warum sollte sie ihr ganzes Leben einsam vertrauern, besser sie sucht den Kelef und nimmt Gett, wenn er nicht mit ihr leben will," sagten die Frauen. Mit dem Postwesen sah es in dem kleinen Städtchen, wie unleugbar mit noch vielen anderen Dingen auch, recht kläglich aus. Jetzt, da es sich gleich herumsprach, daß Ientali sich auf die Suche nach Gerschon begebe, daß auch sie, wie die Leute sagten, in die weite Welt hinausziehe, pilgerte man förmlich zu ihr, überlief sie mit allerlei Anliegen und den verschiedensten Aufträgen. Pakete, Briefe für Verwandte und Bekannte, die man im Lande wohnen hatte, wurden ihr gebacht, größere und kleinere Geldbeträge zur Besorgung von Einkäufen in den großen Städten, durch die sie kommen würde anvertraut. Und von jedem und von jeder, als Aequivalent für die zu habende Mühe, ein Zehrpfennig ihr in die Hand gedrückt, dem guten jüdischen Herzen entsprechend, oft recht reichlich. So kam's, daß Ientali, als sie die Reise antrat, zu ihrem eigenen Erstaunen im Besitze einer — ihrer Ansicht nach — nicht unansehnlichen Summe Geldes war. Und ein neues Leben begann für sie mit dem Tage, als sie hoch zwischen einigen fürsorglich ausgesuchten weniger harten Warenhallen thronte und der große Lastwagen sich in Bewegung setzte. In jedem Dorfe, in jedem Flecken, in jedem Wirtshause, wo nur irgend Rast gemacht wurde, zog Ientali auch gleich Erkundigungen ein und forschte nach Gerschon Linkpintel, kenntlich durch die schwarze Warze auf seiner Wange. Viele wollten ihn gesehen, manche sogar auch gesprochen haben. Alle aber, an die sie sich in ihrer Sache wandte, waren zugleich auch darin einig, der armen Agune nach Kräften zu dienen, nach ihren Mitteln ein Scherflein beizusteuern. Ueberhaupt als man erfuhr, daß sie auf ihre Wanderung Bestellungen und Aufträge in Dorf und Stadt ausführte und übernahm, wurden ihr auch wieder allerlei Angelegenheiten übertragen und

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