Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 50 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 50. Die Wahrheit Seite 7. einen Wink in seine Höhlen zurückgeschreckt; und dieses behördliche Arrangement erklärt es gleichfalls, daß die Polizei in zahlreichen Orten, überall wo sie wollte, die Macht behielt, einzelne Häuser und ganze Viertel zu schützen. Wer erwiesenermaßen die am höchsten stehenden Leiter des Patriotischen Mordens, Plnnderns und Sengens gewesen sind, das muß späterer Enthüllung Vorbehalten bleiben. Kiteratur. Leket Joscher des Joseph b. Mose. Kollektaneen seines Lehrers .Israel Jsserlein. (Cod. München Nr. 404, 405.) Zweiter Teil. Mit erläuternden Anmerkungen von Dr. I. F r e i ui a u n, Rabbiner in Holleschau. Wenn im XtV. und XV. Jahrhundert die deutschen Rabbinen auf literarischem Gebiete nichts Hervorragendes geleistet, so darf dies uns nicht im entferntesten befremden. 'Wir brauchen uns nur die damaligen Zeitverhältnisse und traurigen Zustände zu vergegenwärtigen und wir werden verwunderungsvoll ausrufen: Wie war es denn den wenigen hervorragenden rabbinischen Autoritäten der damaligen Zeit überhaupt möglich, ihre Kraft der Wissenschaft des Judentums zu widmen und die jüdische Literatur mit einigen treffsicher! Werken zu bereichern? Im Jahre 1349 brach der „schwarze Tod" aus. Angst, Furcht, Bangen und Grauen bemächtigte sich aller. Genuesische Kaufleute hatten die Pest aus dem Orient nach Europa verschleppt. Unwipenheit der Aerzte, verkehrte Maßregeln der Regierungen, waren die größten Bundesgenossen der verheerenden und vernichtenden Seuche. In Wien starben an einem Tage 1200 Menschen an der Pest. Auch unter den Inden hatte sich der schwarze Fürst der Schatten recht viele Opfer geholt. Da sie jedoch ihres mäßigen, moralischen und sittlich reinen Lebenswandels wegen verhältnismäßig weniger von der Pest ergriffen wurden, als die Christen, so kamen die Bekenner der Religion der Liebe auf den unglückseligen Gedanken, die .Juden hätten die Brunnen vergiftet, um das Christentum völlig zu vernichten. Dieses und ähnliche scheußliche Märchen wurden überall verbreitet und eine allgemeine Judenschlächterei war die natürliche Folge derselben. Ganze Gemeinden haben faktisch zu sein aufgehört. In Wien entleibte sich die ganze Gemeinde in der Synagoge, auf Anraten des Rabbiners R. Jona. In Krems rottete sich der Pöbel der Stadt und der benachbarten Orte zusammen, erschlug die Juden, erbrach ihre Häuser und plünderte nach Herzenslust. Am meisten hatten um diese Zeit die Juden Deutschlands gelitten. Sie wurden dort auf falsche Gerüchte hin in allgemeinen Blutbädern hingeschlachtet. Nur denjenigen, die die Taufe annahmen, war man geneigt, das Leben zu schenken; allein von der Taufe wollten die wenigsten hören, und Tausende und abermals Tausende zogen das Feuer dem Wasser vor. Die traurigen Folgen dieser verhängnisvollen Zeiten blieben nicht aus. Die Wissenschaft des Judentums verkümmerte, das Studium des Talmuds konnte nicht so eifrig wie früher betrieben werden. Dessennngeachtet hat es auch in jenen traurigen und düster» Zeiten nicht an einzelnen hervorragenden talmndischen Koryphäen gefehlt, die heute noch am Horizont der rabbinischen Literatur als Sterne erster Größe hell leuchten. Zu diesen gehörte unstreitig Rabbi Israel Jsserlein b. Petachja, der anfangs das Rabbinat in Marburg (Steiermark) und später das in Wiener-Neustadt bekleidet harte (von 1427—1470). Bon ihm sind erschienen: 1. „Schaalot", Beantwortung fingierter Fragen; 2. „Terumat hadeschen", Rechtsgutachten; 3. Erklärungen zu Raschis Pentateuch-Kommentar; 4. Anmerkungen zu Jsak Durans „Schaare Dura". Asulai berichtet, daß nach der Behauptung damaliger rabbinischer Autoritäten, Jsserleins Schriften denen des berühmten Ascheri würdig an die Seite gesetzt zu werden verdienten. Schon der Umstand, daß sehr große und angesehene Gemeinden in religiösen Angelegenheiten an ihn appellierten, beweist zur Genüge, daß er zu den Gedaule hador gezählt wurde. R. Salomo Luria. ein sehr berühmter Rabbiner des XVI. Jahrhunderts sagt von ihm: „Die Ansicht Jsserleins ist maßgebend, von seinen Worten weiche nicht, denn er war groß und hervorragend zu seiner Zeit, hat religiöse Praxis vor sich gesehen und Ueberlieferungen empfangen, und kannte von Grund aus die verschiedenen Bräuche der deutschen und österreichischen Gelehrten, die fromm und Männer der Tat waren." (Jam schel Schelomo zu Gittin, IV, 24 und Güdemann, Geschichte des Erziehungswesen der Juden in Deutschland, S. 23.) Scharenweise strömten wißbegierige Jünger herbei, um seinen Borträgen mit gespanntester Aufmerksamkeit zu lauschen. Einer seiner Schüler, R. Josef b. Mose aus Haunstetten bei Augsburg, der ungefähr zehn Jahre zu seinen Füßen saß, hatte sich Sammelhefte gemacht, in welche er alles von seinem Lehrer Jsserlein und anderen Meistern Vernommene eingetragen hatte. Das Manuskript dieser Sammelhefte, Kollektaneen, befindet sich unter dem Titel „Leket Joscher" in der großen Bibliothek in München und es wurde bereits von hervorragenden Gelehrten, wie A. Berliner, M. Güdemann rc. vielfach benützt. Vor kurzem jedoch, wurde der zweite Teil dieser Kollektaneen von Doktor F r e i m a n n, mit erläuternden und erklärenden Anmerkungen und mit einer äußerst gediegenen, von großer Belesenheit und Scharfsinn zeugenden Einleitung versehen, der Oeffentlichkeit übergeben. Diese vortreffliche Einleitung enthält nicht nur eine ausführliche Biographie des Verfassers, sondern auch biographische Skizzen sämtlicher in dieser Schrift genannten Gelehrten der damaligen Zeit, 134 an der Zahl. Herr Dr. Freimann hat sich durch die vorzügliche Arbeit, die er dem ehrwürdigen, gelehrten Wiener Oberrabbiner Herrn Dr. M. Güdemann anläßlich seines 70. Geburtstages gewidmet. ein großeZEVerdienst um die rabbinische Literatur erworben. Wir sind desien gewiß, daß jeder Fachmann, der diesem Buche seine Aufmerksamkeit schenken wird, dem Herausgeber, gleich uns, ein herzliches Jejascher koach! zurufen werde. Fr. Henri Lichtenberger, Heinrich Heine als Denker. Autorisierte Uebersrtzung von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. Das vorliegende Buch ist eine in jeder Hinsicht ausgezeichnete Leistung. Es zerfällt in sechs Kapitel: Heines Pessimismus, Heines religiöse und politische Anschauungen vor 1831, Heine und der Saint-Simonismus, Heine als Tribun. Heines Bekehrung und Heines Schaffen und Persönlichkeit. Der auch in Deutschland geschätzte Forscher, der eine erschöpfende Sachkenntnis an den Tag legr und die gesamte Detailforschung über Heine überschaut^ bietet uns in jedem Kapitel Vortreffliches. Von besonders ergreifender Bedeutung ist das dritte Kapitel, denn hier wird uns die Wurzel wichtiger Gedankenreihen Heines mit einer Deutlichkeit erschlossen, wie wir sie m allen anderen Darstellungen vergeblich suchen. Die etwas abgestandenen Ideen der französischen Revolution erfuhren durch die Einflüsse des Saint- Simonismus eine bemerkenswerte Belebung und neue Wendung; die Grundgedanken desselben beherrschen Heines eigenartige prosaische Schriststellerer der Dreißiger- und Bierzigerjahre und machen sich außerdem im Wintermärchen „Deutschland" in charakteristischer Weise geltend. Eine interessante, neue Beleuchtung von Tatsachen, die man im allgemeinen bisher richtig darzustellen pflegte, bringt auch das fünfte Kapitel ,Heines Bekehrung". Geradezu meisterhaft aber ist das ein zusammenfassendes Bild von Heines Schaffen und Persönlichkeit entrollende Schlußkapitel. Die jüdischen Züge, der Kosmopolitismus, die demokratisch-revolutionären Tendenzen, vor allem aber die Dekadenzsymptome Heines werden hier mit tiefgründigem Verständnis behandelt. Uerschiedeue Nachrichten. Wien. (Predigte u.) Freitag, den 29. Dezember d. I., finde» beim Abendgottesdienste Predigten im Stadttempel und im Tempel, XV , Turnergasse 22, statt. Wien. (Israel. K u l t u s g e m e i n d e Wie n.) Sonntag, den 31. Dezember, 10 Uhr vormittags, findet eine öffentliche Plenar-Sitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock, statt. Tagesordnung: Festsetzung der Voranschläge der Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde, sowie sämtlicher unter der Verwaltung der Kultusgemeinde stehender Fonds und Anstalten. Wien. (Aus den Allgem. österr. Jsrael.-Bund. — Trauer kn ndgebungenfür die unglücklichen russischen Glaubensgenossen.) Für unsere bei den in Rußland stattgehabten Greueln zum Opfer gefallenen unglücklichen Glaubensgenossen hielt die Wiener Kultusgemeinde in ihren Synagogen erhebende Trauerfeiern ab. Der „Allgem. Oe st e r r-J s r a e l i t i s ch e Bund" in Wie» wandte sich hierauf an die israelitischen Kultusgemeiuden unseres Vaterlandes mit der Einladung am Sonntag den 3. Dezember d. I. gleichfalls Trauergottesdienste abzuhalten und ihm über den Vollzug Mitteilung zu machen. Aus den nun erhaltenen Berichten, deren Einlauf noch bis in die letzt verwichenen Tagen andauerte, ist ersichtlich, daß die Trauerandachte» überaus zahlreich, manche auch von andersgläubigen Mitbürgern besucht waren und einen imposant würdevollen, nachhaltig erhebenden Eindruck zurückließen. Die Berichte in großer Zahl über Entrüstungs-Proteste in separate» Trauersitzungen der Vorstände; über in schwarz umflorten Tempeln dicht gedrängte Andächtige aus Alt und Jung; über Tränen und Schluchzen auslösende Kanzelreden; über rührende und meisterhafte kantorale Leistungen, deren manche, um die Weihe noch zu erhöhen, vor geöffneter Bundeslade rezitiert wurden; über zu Gunsten der unglücklich Hinterbliebenen eifrig gesammelte Unterstützungssummen und über noch audere Formen der Trauerkundgebung: alle diese Meldungen wären würdig, ausnahmslos wörtlich veröffentlicht zu werden. Allein wir müssen uns dies in Anbetracht, daß diese Trauerkundgebungen von nicht weniger als 470 israel. Kultusgememdcn unseres Vaterlands erfolgten, versagen und uns nur damit begnügen, allen Gemeinden, die unsere Anregungen so würdig zur Ausführung brachten, unseren glaubensbrüderlichen Dank zu sagen. Wien. (Bortrag aus der Geschichte der Juden in Deutschland und O e st e r r e i ch.) Donnerstag, den 4. Jänner 1906, präzise 1/28 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten- Vereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Dr. M. Arunw a l d statt. Thema: „Eine jüdische Kaufmannsfamilie aus alter Zeit." Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei. Wien. (Jüdische T o y n b e e - H a l l e, XX. Othmargaffe 46.) Wochenprogramm: Sonntag, den 31. Dezember 1905: „Ueber Bienenzucht. Herr Dr. I. Samuely. Montag, den 1. Jänner 1906: „Ueber Wahlsysteme." (II.) Herr Dr. I. Jerusalem. Dienstag, den 2. Jänner: Literarischer Abend. Mittwoch, den 3. Jänner: „Die Lehre vom Menschen." (III.) Herr Prof. Dr. Jos. P o l l a k. Donnerstag, den 4. Jänner: „Belohnung und Strafe als Erziehungsmittel." Herr Dr. Jsid. Lederer. Freitag, den 5. Jänner: Bibelvortrag. Samstag, den 6. Jänner: Konzert. — Am Samstag, den 23. Dezember d. I.. fand in der Toynbee-Halle ein Konzert statt, dessen glänzendes Programm von den Herren M e n d e l e w i t s ch aus Odessa (Klavier), Professor P o l l a k aus Gens (Violine), Salo Lemberger (Gesang) und Frl. Jllona Engel (Deklamation) bestritten wurde. Die Vortragenden, besonders Herr S. Lemberger, Sänger im Stadttempel, der Mozarts ewig schöne.