Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063315--04021-3070828
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 50. Ministerium ein klares Bild der morschen Verhältnisse der Stiftungsverwaltung bekommen. Bei dieser Gelegenheit wird auch das hohe k. k. Ministerium erfahren, welcher Unfug nicht nur mit mir, sondern auch mit anderen Stiftungslehrern getrieben wird. Buczacz, im Dezember 1905. H. L., einer der vielen Märtyrer." Und nun, Ihr Manen des verstorbenen edlen Stisterpaares, komm: mir zur Hilfe im Kampfe gegen die Vernichter Eueres erhabenen Werkes, rächt Ihr euch an denen, die schon viele Lehrer zu Märtyrern machten und sie dadurch von der Mitwirkung am erhabenen Werke ausgeschlossen haben. Bon unterdrückten Lehrern." Wir glauben diesen Brief der Oeffentlichkeit ohne Kommentar übergeben zu sollen. Es wundert uns nur, daß ein unabhängiger Mann, wie Herr David Ritter v. Gut mann, als Präsident des Kuratoriums hier nicht Abhilfe schafft. Stryj, im Dezember 1905. 9". W. M«e Studienreise nach Rußland. In der „Nation" veröffentlicht das Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der deutschen Juden, Herr Dr. Paul Nathan, das Ergebnis seiner russischen Studienreise; wir greifen aus der Fülle von interessanten Beobachtungen folgende persönliche Erlebnisse des Verfassers heraus: Ich sah in Kiew ein wundervolles Schulgebäude, das von einem reichen Juden erbaut und gestiftet, zum Nutzen für das Erziehuugswesen dem Staate übergeben worden war. Nie in meinem Leben erblickte ich ein Gebäude im Ztlstande gleicher Verwüstung. Und diese Verwüstung war unter einem gewissen Gesichtspunkt eine bewundernswerte zu nennen; sie war mit einer Konsequenz, mit einer Aufwendung von Arbeitskraft, von beharrlicher Anstrengung durchgeführt, die neben Grausen mein höchstes Erstaunen erregte. Man hatte nicht die Fensterscheiben, wie es wütende Horden tun, leichthin eingeschlagen; man hatte nicht einen Splitter von Glas in den Rahmen gelassen; man hatte nicht eine Marmortreppe demoliert, hier und dort eine der weißen schimmernden Platten zertrümmert; man hatte den Marmor in Würfel zerschlagen, von denen keiner größer war als ein Zweimarkstück. Man hatte mit höchster Mühe die elektrischen Leitungen aus den Wänden herausgerissen; man hatte schwere metallene Heizvorrichtungen unter Anwendung größter Kraft verbogen und auseinander gesprengt; man hatte zentnerwiegende Apparate, die an der Decke hingen, mit waghalsiger Geschicklichkeit losgehackt und herabgestürzt. Es war keine lustige Orgie eines Vandalismus gewesen, der seiner Wut, seiner Empörung heftig wllden Ausdruck gibt. Hier hatte ein Vandalismus gewütet, dem die Zerstörung berauschender Genuß, der den Genuß des Zerstörens sich schwere Arbeit, tagelange Anstrengung, Mühe und Schweiß kosten läßt. Ich sagte mir, das also ist russischer Judenhaß; denn die offizielle Darstellung der Kiewer Vorgänge geht dahin, daß das zarisch gesinnte patriotische Volk der Stadt an den Juden Rache genommen habe, weil diese bei der Verkündung des Zarenmanifestes allzulaut ihrer freiheitlichen Gesinnung Ausdruck verliehen hätten. Meine Anschauungen vertieften sich dann, als ich zerstörte jüdische Privathäuser sah und in ihnen Geldspinde, die erst nach einer Arbeit von vielen Stunden und eines sogar unter Bej Nutzung eines Bohrers, der an die elektrische Leitung des Gebäudes kunstvoll angeschlossen worden war, nach bewährter technischer Einbrechermethode geöffnet und ihres Inhalts beraubt worden waren. Das waren bemerkenswerte Taten des zarisch gesinnten patriotischen Volkes, um so bemerkenswerter, da die unglücklichen Besitzer dieser Häuser tagelang die Behörden ohne Erfolg um Schutz gegen die patriotischen Diebsbanden ersucht hatten. Im Podol unten am Dnjepr waren die Diebsbanden Mörderbauden geworden; die armseligen Juden wurden nicht nur beraubt, sondern verwundet, erschlagen, ihre Frauen und Töchter geschändet. Und diese selben patriotischen Banden ließen unmittelbar von dem Sturm auf ein jüdisches Haus ab, wenn ein einzelner gekaufter oder ein einzelner human gesinnter Polizeibeamter mit der Hand winkte. Ich sah noch deutlicher nach folgendem Erlebnis: Wir saßen am Tage des Ausbruches der Militärrevolte in Kiew am Frühstückstisch. Mit uns zwei Beamte im Dienste auswärtiger Mächte. Der jüngere wird zum Telephon gerufen; er kommt zurück und entschuldigt sich; er müsse fort, da in der Nähe seiner Wohnung wieder Mord und Totschlag herrsche; nach einiger Zeit ist er wieder da und sagt: „Es war nichts Besonderes, man hat nur einen einzigen Juden totgeschlagen. Er kam mit zwei Polizisten, um von den Kellnern eines Cafss, wo er sein geraubtes Gut aufgestöbert hatte, den eigenen Besitz zurückzuholen. Die Kellner schlugen ihn tot, und die Polizisten sahen zu und gingen dann nach Hause." — „Ja," sagte der andere, „vom hinteren Fenster meiner Wohnung sah ich gestern Nachmittag genau denselben Vorgang. Man hat die Juden nämlich anfgefordert, daß sie die Polizei darauf aufmerksam, machen möchten, wo ihr gestohlener Besitz sich befindet; gelingt das so einem unglücklichen Hebräer, und erscheint er mit der Polizei, was soll diese dann machen? Sie hat mit dem Gesindel fraternisiert, mit ihm geteilt. Packt sie nun ihre eigenen guten Freunde, so sagen diese vor Gericht aus: „Aber wir haben ja auf Befehl gehandelt." So hilft man sich eben; man läßt die Juden, die so unvorsichtig sind, ihr Gut zurückzuverlangen, totschlagen. Vom hinteren Fenster meines Hauses beobachtete ich gerade diesen Vorgang; wiederum ein Jude und zwei Polizisten. Der Jude tritt ins Haus, die Polizisten warteten; Geschrei im Hause; die Polizisten laufen davon, und nach einiger Zeit warf man den toten Juden über eine Gartenmauer jenseits der Straße." Es war kein Jude; es war ein ausgezeichneter, aufopfernder Beamter, der mir diesen Bericht gab. Und noch zwei Erlebnisse aus Odessa. Ein jüdischer Militärarzt wird in den Schreckenstagen in Odessa vom Pöbel umringt. Mail verkennt seine Uniform und hält ihn für einen Polizeioffizier. „Herr Offizier, was sollen wir nun tun? Wo ist noch erlaubt zu plündern?" „Marsch nach Hause, Gesindel!" — und der Schwarm zieht ab. Und zum Schluß. In Odessa ist eine größere Fabrik geplündert und demoliert; die Tochter eines oberen Beamten wird vor den Augen des Vaters geschändet; der Vater schwer verwundet, als er seine Tochter verteidigen will; alles in Gegenwart eines Polizeioffiziers. Die Bande legt darauf Feuer an das Fabriksgebäude, jetzt schreitet der Offizier ein: „Hunde, Brandstiften ist verboten; augenblicklich löscht ihr!" und die wohlerzogene loyale Räuberbande löscht das Feuer gehorsam, das sie selbst angefacht hatte; so wurde diese Fabrik vor dem völligen Ruin, der freilich auch einem ganzen Stadtteil hätte gefährlich werden können, gerettet. Erzählungen solcher Art hätte ich als gut erfundene Anekdoten betrachtet, die nur ein Körnchen von Wahrheit enthielten, bis sie mir in unumstößlicher Weise beglaubigt wurden. Die wenigen angeführten Fälle sollen dem Leser deutlich vor Augen stellen, was nunmehr durch hunderte von Zeugenaussagen, durch Schriftstücke und Dokumente festgelegt ist; sie liegen gesammelt in Aktenstücken vor und harren ihrer Verwertung im gegebenen Augenblick und an geeigneter Stelle. Was man voraussetzen mußte, ist erwiesen. Die Hetzen, Plünderungen, der Mord, die Brandstiftungen, durch die ganze kleinere jüdische Städte in Asche gelegt wurden, diese barbarischen Exzesse, die alle unmittelbar nach Verkündigung des Zarenmanifestes ausbrachen, waren ein einheitliches und vorbedachtes politisches Werk, das Werk der von einer Zentrale in Bewegung gesetzten Administration, die sich zur Ausführung des Verbrechertums und des Lumpenproletariats bediente, dieses anstachelte und gewähren ließ oder unmittelbar anführte. Solche verkleidete Polizisten als Anführer sind gefangen genommen worden, und man hat sie auch unter den Toten gefunden. Und nur dieses behördliche Arrangement erklärt es auch, daß die großen Massakres so plötzlich, wie sie losbrachen, wieder aufhörten. Das Verbrechertum wurde auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.