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Die Wahrheit · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50. Die Wahrheit. Seite 5. Heimgegangenen, dem ich so nahe gestanden und in dessen geheimstes Seelenleben mir ein Einblick vergönnt war, wahrheitsgetreu zu zeichnen, vernehme ich die Frage: nmrmnB Was siehst Du? Ich darf, ohne mich einer Uebertreibung schuldig zu machen, von seinem Namen tkö geleitet, mit dem Bilde des Propheten antworten: nbz an? mua n;m min „Ich sehe einen Leuchter, aus Gold ganz und gar. Zwei Oeldäume daneben, mit reinem Oel die heiligen Flammen nährend." So war er, dieser Teuere, ein Gebilde aus edelstem Stoffe. Wie das Gold von Schlacken gereinigt, wie un Feuerosen geläutert, im heißen Ringen nach Veredelung und Vervollkommnung. Ganz und gar aus einem Stücke, eine einheitliche, geschlossene, festgefügte Persönlichkeit. Aus zwei Quellen Leben schöpfend, erblüht und formt sich sein Wesen. Diese Quellen siud — sein Geist und sein Herz, sein Verstand und sein Gemüt. Auf dem Gebiete der Kunst, aus dem des religiösen Lebens und der werktätigen Menschenliebe strahlt uns ihr hellfreundliches Licht entgegen. Im Bewußtsein seiner reichen Begabung, dem Lichte entgegenstrebend, arbeitete er in seinen Jugendjahren unter harten Kämpfen und Entbehrungen, um das einmal ins Auge gefaßte Ziel zu erreichen. Keine Mühsal, kein Hindernis vermochte seinen uarkeu Willen, den er bis ans Ende des Lebens sich bewahrt, zu beugen. Es war in ihm eine drängende Triebkraft, die, nur den ihr innewohnenden Gesetzen folgend, herrliche Blüten erschlossen nnd köstliche Früchte gezeitigt hat. So war er der hervorragendste Mitarbeiter eines der größten Männer seines Faches geworden und in wohlgeordnete, behagliche Lebensverhältnisse gelangt. Seine von genialer Meisterschaft zeugenden Leistungen fanden immer mehr Anerkennung. In immer weitere Kreise drang sein Ruf. Weit über die Gemarkungen unseres Reiches hinaus ward sein Name bekannt. Aber so wenig wie die Kämpfe der Jugend, haben die Erfolge des Mannesalters an seinem ursprünglichen, ureigenen Wesen zu rütteln vermocht. Jene konnten ihn nicht biegen, nicht zur Schmiegsamkeit zwingen, diese nicht zur Ueberhebung verleiten. Durch alle Phasen seiner Entwicklung hindurch hat er sein eigenes Selbst unverfälscht zur Geltung gebracht. Er war ein Charakter, gerade, tapfer und redlich, von etwas knorriger Natur, trotzend jedem Angriffe sowohl, wie jeder ungebührlichen Beeinstussung. Hatte er ein-! mal etwas für recht erkannt, konnte keine persönliche Rücksicht seinem Wollen hemmend in den Weg treten. Trotz bescheidenster Lebensweise hat er keine Reichtümer erworben. Und in Anbetracht seiner hohen Intelligenz, seiner Arbeitsfreudigkeit und bewunderungswürdigen Selbstlosigkeit war er auch mit ehrenden Aemtern und Auszeichnungen nur in bescheidenem Maße bedacht, j Er hat es nicht angestrebt. Denn als das höchste der Erden-! güter galt ihm die Pers^önlichkeit. Diese hat er in aller! Kraft und Reinheit und strenge sich erhalten.! Mit diesem hartgeschulten und streng urteilenden Geiste! verband sich ein von gütiger Milde überströmendes Herz. Viele j Gegensätze vereinigten sich hier zu einem harmonischen, sympaj thischen Ganzen. Das war es, was seiner Persönlichkeit, so bej sonderen Reiz verlieh. Hat ihn mancher auch verkannt und falsch beurteilt, er mußte ihn doch als einen im besonderen Maße verehrungswürdigen Mann bezeichnen und bei näherem Umgänge ihm in aufrichtiger Freundschaft zugetan werden, weil er hier anstatt der gewöhnlichen, angeübten Liebenswürdigkeit, die auf-! richtige Herzlichkeit vorfand, die, da strengste Ehrlichkeit den Grundzug seines Wesens bildete, sich nicht immer und nicht jedem erschloß. In ihm lebte neben starker Willenskraft und strenger Lebensauffassung ein kindliches Gemül, eine feinempfindende Seele. Große Tatkraft, ein eiserner Wille, daneben geradezu ein Ueberschwang der Empfindung. Das hat er als Gatte, als Bruder, als Menschenfreund, ganz besonders aber als treuer Sohn des Jndentumes bewiesen. Nicht durch Geburt und Erziehung allein war er Jude. Auf dem Grunde einer durch liebevolles Vertiefen in das Wesen unserer Religion gereiften Erkenntnis erwuchs seine auftichtige, demutsvolle Frömmigkeit. Seit vielen vielen Jahren hat er Tag für Tag in heiliger Andacht nach alter Sitte einige Kapitel Tehillim gesagt. Nicht j aus Gewohnheit, sondern aus Herzensbedürfnis. In die gemütsinnigeu, herzbewegenden Psalmen sich vertiefend, erhob er seine Seele in Wahrheit zu Gott. Da war er den Sorgen des Tages und allem Erdenleid entrückt. Das war Kräftigung seinem Geiste, Labsal seinem Herzen. Wie er alle diese Gaben des Geistes und des Herzens als Präsident des Tempelvereines, als Mitglied des Vorstandes der Kultusgemeinde in den Dienst des Judentums gestellt, das wurde schon in ausgezeichneter Weise geschildert und wird noch hier und an anderer Stelle besprochen werden. Wahrlich, die Persönlichkeit Max Fleischers sprengt den Rahmen, in den ein Nachruf an dieser statte gefügt werden muß. Ein reichgeftaltetes Leben, von Kämpfen und Erfolgen, von ernstem, heiligem Wollen und segensvoller Tat erfüllt, hat hier seinen Abschluß gefunden. Drei Dinge, sagen unsere Weisen, durchdringen mit leisem Tönen das ganze All. Eines von ihnen ist die Seele. Beim Loslösen vom menschlichen Körper entringt sich ihr ein Laut, der bebend über die Erde geht. Ja, beim Sterben eines Menschen geht ein Seufzen durch die Natur Und beim Hingang eines Großen und Edlen wird dieses Seufzen zur lauten, schmerzlichen Klage. So klagen auch wir: Zu früh bist Du uns entrissen worden. Unersetzlich ist unser Vertust. O, wie schmerzlich ist der Gedanke, Dich für immer verloren zu haben. Schmerzlich Deiner Gattin, die liebevoll Dich gepflegt har, schmerzlich Deinen Brüdern und Verwandten und den zahlreichen Freunden, die in aufrichtiger Verehrung zu Dir aufgeblickt haben. Allein, wir müssen in frommer Ergebung zu Gott aufblicken und sprechen: Es war sein heiliger Wille, n “nbr *a “\bf der Ewige heißt Dich gehen. Gehe in Frieden. Amen! Es sprachen ferner Vicepräsident Dr. Gustav K o h n namens des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde, für die Chewra-Kadischa Präsident Salo Cohn, für den Tempelverein im VI. und VII. Bezirk Vicepräsident Dr. Jacob Engel, für den Humanitäts-Verein „Bne-Brith" Professor Dr. Ehrmann, für den Ingenieur- und Architekten-Verein Baurat Wach, für die „österr. israel. Union" Sekretär Fleischer und für die Loge „Humanitas" Herr Mautner. Nachdem die Reden und Trauergesänge verklungen waren, trugen die Vorsteher der Wiener Tempelvereine die irdischen Reste Max Fleischers zur letzten Ruhestätte, die der geniale Künstler sich selbst geschaffen hatte, und viele Tränen folgten ihm ins Grab. Das Andenken an ihn wird durch die herrlichen Werke, die er geschaffen hat, unvergeßlich bleiben! Karon Hrrfch-Stiftnng für Gaiirie». Man schreibt uns aus Galizien: Einer der vielen Lehrer der Hirsch-Schulen hat an die Kuratoren in Wien folgenden Brief gesendet: „Ich war sonst einer der loyalsten und ergebensten Untertanen und nun haben mich die Jntriguen und Verfolgungen rachsüchtiger Faktoren dazu gebracht, daß ich heute gegen meine Vorgesetzte Behörde mit folgender Beschwerde vor dem k. k. Unterrichts-Ministerium auftreteu mußte. „Hohes k. k. Unterrichts-Ministerium! Seit einer Reihe von Jahren wurde ich von meiner Behörde, dem Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung, nicht nur stiefmütterlich behandelt, sondern dasselbe verfährt mit mir höchst ungerecht und unhuman. Ich werde bei jeder Gelegenheit terrorisiert und tyrannisiert und darf und kann das, was mit mir im letzten Jahre getrieben wurde, bei einer auf humanen Prinzipien erbauten und unter Aufsicht eines konstitutionellen Staates stehenden Stiftung nicht geduldet werden. Ich sehe mich daher veranlaßt, das hohe k. k. Unterrichts Ministerium auf die Uebelstände aufmerksam zu machen und zu bitten, hochdasselbe geruhe die hiesige k. k. Bezirkshauptmannschaft beauftragen zu wollen, daß dieselbe mich protokollarisch vernehme. Nur auf diese Weise kann das hohe k. k. Unterrichts-

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