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Die Wahrheit · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 50. In seiner Monatsschrift „Heimgarten" veröffentlicht Peter Rosegger in seiner schlichten Art eine Erinnerung an seinen Freund Robert Hamerling unter dem Titel: ..Als ich noch so kindisch war." Die Kinderei Roseggers bestand darin, daß er vor etwa 20 Jahren noch nicht eingesehen halte, daß die bornierte nationalistische Preßmeute eines anständigen Mannes Zorn nicht verdient. Es hatte sich damals gegen Rosegger eine Koalition gebildet, welche mit einem großen Aufwand an Druckerschwärze nachwies, daß der Dichter ein Judenknecht und Volksverräter sei. Durch.- unzählige dumme und boshafte Angriffe aufs höchste gereizt, schrieb Rosegger einen geharnischten Abwehrartikel nieder und eilte damit an das Krankenbett Hamerlings. Der fand das richtige Wort: „Ist es soweit mit Ihrem Gemütszustand? Damit tun Sie Ihren Gegnern zu viel Ehre an. Das haben diese Herren wohl selbst nicht erwartet, daß ihr politischer Firlefanz Sie so niederschmettern würde. Ueber einen solchen Erfolg würden sie nur triumphieren. Sehen Sie denn nicht, daß das Ganze nur auf eine Reklame für den tölpisch verfahrenen Antisemitismus hinausläuft? Sie sollen Ihre Landsleute verraten haben, sollen von Juden bestochen fein, sollen Ihre Ueberzeugung um 30 Silberlinge verkauft haben? Und das habe ich Ihnen mitgeteilt und sage es allen, die in dieser Zeit zu mir kommen. Ich war selbst auf das tiefste empört über diese Niedertracht, mit der diese tollen Streithähne gerade an Ihnen, dem Leidenden, Sensitiven, ihr Mütchen kühlen. Wenn das deutsche Kampfesweise sein soll, dann kaufe ich morgen eine tschechische Grammatik, will kein Deutscher mehr sein. Aber im Grunde — gehts nicht hundert andern, hochehrenwerten Männern ähnlich wie Ihnen? Lesen Sie doch einmal diese Fachblätter der politischen Verleumdung! Der Künstler wie der Gelehrte, der Minister wie der Richter — jeder, der nicht ins Bockshorn dieser Leute bläst, wird umgebracht." Das sagte Hamerling vor 20 Jahren zu Peter Rosegger, als dieser noch so kindisch war. Hat sich seitdem etwas geändert? Immerhin etwas. Hamerling ist das posthume Malheur passiert, das literarische Idol der Leute zu werden, derentwegen er sich beinahe entschlossen hätte, eine tschechische Grammatik zu kaufen. Und Meister Rosegger, dem Judenknecht und Volksverräter, geht es ttotz seines Sträubens und Protestierens ebenso. Vielleicht, weil er heute nicht mehr so kindisch ist und diejenigen ignoriert, die er verachtet. * * Das vielgerühmte jüdische Herz, das sich bei jedem Anlasse und überall von der besten Seite zeigt, bleibt sonderbarerweise, namentlich bei uns in Oesterreich, vollkommen empfindungslos, sobald es sich um jüdische Kultnsbeamte handelt. Nur so ist die bedauernswerte Lage jener großen Schaar von elenden Existenzen zu erklären, die in den kleinen jüdischen Gemeinden mit einem kärglichen Lohne ein dürftiges Dasein fristen und, wenn sie unter der Last der Arbeit zusammenbrechen, als Pfründe für chr Alter — den Bettelstab erhalten. Eine krasse Illustration für diese betrübende Erscheinung bietet uns ein Vorfall, der sich jüngst in einer kleinen mährischen Gemeinde ereignete und geradezu als Schulbeispiel für ähnliche Verhältnisse an anderen Orten dienen könnte. Vierzig volle Jahre hat in dieser Gemeinde der betreffende Funktionär mit einem Gehalte von 800 Kronen tadellos und pflichteifrig sein vielseitiges Amt versehen und nun, da Alter und Krankheit ihn dienstunfähig gemacht haben, wird er erbarmungslos vor die Türe gesetzt und von der Gemeinde ohne einen Heller Pension oder Ruhegehalt kurzweg entlassen. Derartige Zustände sind eines Gemeinwesens, das in jüdischem Geiste geleitet und geführt werden soll, unwürdig und sie könnten auch, bei noch so geringer Leistungsfähigkeit der einzelnen Gemeinden, wirksam behoben werden, wenn unter der Patronanz des „Allgemeinen österreichisch - israeliüschen Gemeindebundes" die großen und kleinen Gemeinden, die keine Pensionsfonde besitzen, sich behufs Altersversicherung ihrer Angestellten zu gemeinschaftlicher Tat vereinigten. Vielleicht gibt diese Anregung dem Gemeindebunde Anlaß, eine derartige, ohnehin in sein Programm aufgenommene Aktion mit kräftigerer Energie als bisher einzuleiten. Mer ist der Schacherjude? (Nachdruck erwünscht.) Die jüdische Religion ist dadurch ausgezeichnet, daß sie aufklären und erleuchten, Licht und Liebe in die Herzen ihrer Bekenner senden will. Die jüdische Religion verlangt nicht von Dir zu glauben, was Deiner inneren Ueberzeugung widerspricht, sie legt kein Hauptgewicht auf Wundererzählungen und Glaubensdogmen, sie kennt nur den einen höchsten Glaubensgrundsatz: „Schema jisroel“ (Einheit und Einzigkeit Gottes), sie legt das Hauptgewicht auf Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit. Die jüdische Religion, insbesondere aber der jom hakkippurim ruft uns zu: „emes kneh weal timkor“, Erwirb die Wahrheit, verkaufe sie aber nicht, betrachte sie nicht als eine Ware, mit der Du Gewinn und Vorteil erhaschen kannst. Wer aber seine Ueberzeugung um eines Vorteiles willen verkauft, wer statt Opfer zu bringen, seine Religion opfert, wer seinen Glauben um des Eigennutzes willen verschachert, der allein verdient den von unseren Feinden so oft verächtlich gebrauchten Namen — verzeiht das harte Wort — Schacherjude. Der alte Ghettojude, der um sein Leben zu fristen, von Haus zu Haus ziehend seine Ware verkaufte, sah seinem Aeußeren nach vielleicht wie ein Plebejer aus, aber seiner Gesinnung und feinem Charakter nach war er ein Aristokrat; er verkaufte zwar seine Ware, aber seine Ueberzeugung, seine Religion wäre ihm nicht feil gewesen für alle Schätze der Welt. Der moderne Juve aber, der seine Ueberzeugung, seine Religion preisgibt, um eines Vorteiles willen beschwört, was er nicht beschwören kann, der ist und bleibt, mag er noch so hohe Ehrenstellen erlangen, noch so hohe Titel führen, der Schach er jude; seinem Aeußeren nach sieht er vielleicht wie ein Aristokrat aus, seiner Gesinnung und seinem Charakter nach ist und bleibt er ein Plebejer. Solchen Plebejer- und Sklavenseelen ruft der heutige Tag, ruft das Gewissen, wenn sie es nicht ganz betäuben, zu: „midbar scheker tirchok“, W e h^ d em, d er lüg t." Prof. Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner und Prediger in Brüx. Kaurat Mar Fleischer. Die allseitige Verehrung, die Baurat Max Fleischer als Mensch und Künstler in den weitesten Kreisen genoß, kam in der imposanten Beteiligung an dem Donnerstag, den 21. Dezember stattgehabten Leichenbegängnisse zu erhebendem Ausdrucke. Der Ceremoniensaal am Zentralfriedhofe konnte kaum die große Zahl der Trauergäste fassen, die alle gekommen waren, um von tiefen Weh erfüllt, für immer Abschied zu nehmen von einem der edelsten Menschen, der in seiner unendlichen Bescheidenheit so wenig von sich hielt und doch Allen so teuer war. Unter den Anwesenden bemerkte man außer den Familienmitgliedern den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde unter Führung der beiden Vicepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Ko h n und kais. Rat Moriz Hirsch, den Vorstand der Chewra Kadischa unter Führung des Präsidenten Salo Cohn, den Vorstand des Tempelvereines für den VI. u. VH. Bezirk, dessen Präsident der Verewigte war, geführt vom Viceprästdenten Dr. Jacob Engel, fast sämtliche Präsidenten und viele Vorstandsmitglieder der Wiener Tempelvereine, Vertretungen zahlreicher anderer Korporationen und zahlreiche Verehrer und Freunde des Verewigten. Nachdem Oberkantor Dünmann unter Assistenz des Chorpersonales in stimmungsvollem Vortrage das Hazur-tomim rezitiert hatte, trat zunächst Oberrabbiner Dr. Gü bemann an die Bahre, um dem Verblichenen namens der Wiener Kultusgemeinde Dank zu sagen für sein ausgezeichnetes Wirken, das er in seiner Kunst und als treuer Sohn des Judentums in der Wiener Kultusgemeinde betätigte. Dann hielt Rabbiner Dr. Taglicht vom Mariahilfer Tempelvereine folgende Trauerrede: Geehrte Trauerversammlung! Indem ich in dieser Stunde schmerzlichsten Scheidens daran gehe, das Lebensbild des teuern

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