Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 49 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Nr. 49. Die Wahrhe^. falls er den Mob nicht zügelt, bewaffnet in die Stadt dringen zu wollen. Cherson. Die Krawalle in diesem Gouvernement spielten sich zwischen dem 31. Oktober und 4. November ab. Ueber die Vorgänge in Ananjew, Mardarowka, Owidipol und Tiraspol liegen nähere Nachrichten nicht vor. Das Städtchen Holta war der Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Krawallen, indem der Pöbel, nachdem er mit Holm fertig war, einerseits nach Olwiopol, andererseits nach dem im Gouvernement Podolien gelegenen Städtchen Bogopol überging. Ganz Holta ist niedergebrannt, ebenso Olwiopol. In Elisabethgrad begann der Krawall am 31. Oktober mit einer patriotischen Manifestation. Nachdem der Pöbel sich durch einen feierlichen Gottesdienst gestärkt hatte, ging er, von Kosaken geführt, von Haus zu Haus und von Laden zu Laden, jeden Juden, der ihnen in den Weg kam, niederschlagend und alles vor sich her demolierend. 200 jüdische Häuser und sämtliche jüdische Läden sind demoliert. Zehn Juden wurden ermordet. Aus telegraphischen Befehl des Grasen Witte hörte der Krawall mit einem Ruck auf. Die Arbeiter hielten eine Versammlung ab, in welcher beschlossen wurde, alle diejenigen, welche aktiv am Krawall teilgenommen haben, respektive geraubtes Gut besitzen, den Behörden anzuzeigen. In Nikopol wurden zahlreiche Häuser und fast alle Läden demoliert. In Nikolajew ging der Krawall unter Leitung der Polizei vor sich, welche die Barfüßler mit Knütteln, Stangen und Brecheisen versah, mit denen sie sämtliche jüdische Häuser und Läden demolierten. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß. Grausig war der Krawall in Rasdjelna, wo eigentlich gar keine Juden wohnen. Zu plündern gab es da allerdings nichts. Dagegen hielt eine Mörderbande zwei die Station passierende Schnellzüge an, zerrte die jüdischen Reisenden aus den Wagen, plünderte sie aus und schlug sie unmenschlich, wobei die anwesenden Soldaten fleißig mittaten. In Odessa begann der unter Leitung des Stadthauptmanns Neidhart längst in allen Details vorbereitete Krawall am 31. Oktober in der in der Vorstadt Moldawanka gelegenen Dalnitzkastraße. Von da ging er auf die Vorstädte Peresip und Slobodka über, wo sämtliche jüdische Häuser und Läden demoliert wurden. Allein in Odessa gab es eine sehr starke Selbstwehr, zu der außer der gesamten mannbaren jüdischen Jugend noch 2000 christliche Arbeiter gestoßen waren. Dieser Selbstschutz, dem sich sofort die gesamte Studentenschaft anschloß, kämpfte verzweifelt gegen Räuber, Polizisten und Kosaken. Letztere, zu denen das gesamte Odessaer Militär in Stärke von 25.000 Mann stieß, gab auf die sich tapfer wehrenden Juden mehrere Salven ab und bombardierte schließlich die jüdischen Häuser, aus denen auf den andrängenden Pöbel geschossen wurde, mit Schnellfeuergeschützen. Am dritten Krawalltage war der Selbstschutz endlich vernichtet und der Pöbel hatte vollkommen freie Hand. Es war der „schwarze Freitag". Die Polizei wußte, daß die Krawalle an diesem Dage aufhören mußten und sie instruierte ihre Banden dahin, die noch vorhandene kurze Frist gründlich auszunutzen. Die Vorstädte Moldawanka, Peresip und Slobodka sind gänzlich demoliert. Im Zentrum der Stadt plünderte der Pöbel ganze Straßenzüge. Der Kleinmarkt wurde drei Tage hintereinander geplündert. Im ganzen wurden 14 Straßen der Vorstädte und 13 im Zentrum völlig verwüstet. Dabei wurden ausschließlich jüdische Wohnungen geplündert. Neben dem Rauben haben die Banditen das Morden nicht vergessen. In der Vorstadt Romanowka gingen die Mörder von Haus zu Haus und ermordeten alle Juden. In einem Hause wurden mit Brecheisen 20 Menschen, in einem anderen 15 ermordet. Auch auf den Straßen wurden die Juden ermordet. Der Pope des Ortes goß noch Oel ins Feuer, indem er geflissentlich dem Pöbel befahl, die Kirche zu schützen. Auch ließ dieser Priester der Religion der Liebe des öfteren die Glocken läuten. 160 Juden aus der Vorstadt Romanowka wollten sich auf dem Begräbnisplatz verstecken. Eine Patrouille gab auf sie eine Salve ab. Es wurden ganze Familien ausgerottet. Die Zahl der Toten beläuft sich auf 300, die der Verwundeten auf 2000. Andere Nachrichten geben die Zahl der Toten auf 500, die der Verwundeten aus 10.000 an. 80 Prozent davon waren Juden. I a r o s l a w. Auch die Gouvernementsstadt Jaroslawel, welche außerhalb des Ansiedlungsrayons liegt, war am 1. bis 3. November das Opfer eines furchtbaren Judenkrawalls, welcher sich wie in allen anderen Städten Zentralrußlands, gemeinschaftlich gegen „Juden und Liberale" richtete. Derselbe wurde unter den Augen der Polizei und der Kosaken ausgeführt. Ja, der Pöbel wurde direkt von der Polizei geführt. Eine Gruppe von Studenten versuchte vergebens mit bewaffneter Hand die Plünderer auseinanderzutreiben. Der Gouverneur Rogowitsch, der Anführer der schwarzen Hundert, befahl, auf die Studenten zu schießen. Am zweiten Krawalltage begannen die Hooligans unter Vorantragung des Zarenbildes und rechts und links von Kosaken flankiert die jüdischen Wohnungen, welche ihnen vorher von der Polizei genau bezeichnet wurden, zu plündern. Die Synagoge wurde zerstört. Die heilige Lade wurde in Splitter geschlagen und die sich darin befindlichen sechs Thorarollen zerrissen und mit Füßen getreten. Der Gouverneur stand dabei und freute sich königlich. Die Christen haben den Inden keine Zuflucht gewährt. Nur der Direktor der Eisenbahn hat sich großmütig benommen. Nicht nur gab er allen Inden Billets umsonst, damit sie die Stadt verlassen konnten, sondern er ließ auch dem Gouverneur sagen, daß, falls nicht sofort strenge Mittel angewandt würden, seine Arbeiter m der Stadt Ruhe einführen würden. Dieses wirkte, und der Gouverneur befahl, die Plünderer auseinander zu jagen. Die Professoren des juridischen Instituts zu Jaroslawel richteten an Witte folgende Depesche: ,Da der Gouverneur die Unruhen iiicht nur nicht einstellt, sondern die von der Polizei organisierte schwarze Bande zur Plünderung reizt, so bitten wir, den Gouverneur abzusetzen." Aehnlich lauten die Berichte aus den übrigen Städten und Ortschaften wo Judemnetzeleien stattfandeu und überall gieng die Polizei mit den Plünderern Hand in Hand, während die organisierten Arbeiter die Juden in Schutz nahmen. Verschiedene Unchrichte«. Wien. (Predigte n.) Samstag-Vormittag, den 23. d. M., Predigt im Leopoldstädter Tempel. — Freitag, den 22. Dezember, beim Abend- Gottesdienste, im Tempel, XV., Turnergasse 22, C h a n u k a - A n s p r a ch e. — Samstag, den 23. Dezember, nachmittags V2 5 Uhr, im Bethause, XJDlL, Penzingerstraße 132, Chanuka-Predigt. Wien. (Hilfsaktion der „Jsralitischeu Allianz zu Wien" zugunsten der Opfer der russischen Judenexzesse.) Für die verfolgten russischen Juden sind seit voriger Woche folgende Sammlungsergebnisse eingegangen: Aus Wien X 18.907 (zusammen ca. X 520.000). Verband der Humanitätsvereine „B'nai B'rith" in Oesterreich durch Herrn Dr. Hammerschlag in Prag X 23.135 (zusammen X 43.610). Repräsentanz der Landesjudenschaft in Böhmen X 305320 (Sammlung unter böhmischen Kultusgemeinden). Prag durch Dr. A. Rosenbacher X 1499 (zusammen X 48162-96). Triest X 20.000. Teplitz X 7966. Reichenberg X 5105. Olmütz X 1129 (zusammen X 3002). Ruczacz X 1000. Rzeszow X 1000. Gorlice X 710. Sissek X 700. Karlsbad X 638 (zusammen X 7673-60). Freistadt X 751-50. Spalato X 524-40. Bursztyn X 400. Laun X 345. Czernowitz X 265 (zusammen X 765). Chotebor X 261. Goltsch-Jenikau X 232. Marienbad X 230 (zusammen X 764.60). Damboritz X 227-48. Schaffa X 220. Skotschau X 207-90. Lomnitz X 206-60. Przemysl X 200. Ferner kamen der „Israelitischen Allianz zu Wien" noch aus einer Reihe anderer Gemeinden kleinere Beträge zu. Das Gesamtergebnis betrug am 19. d. M. zirka K 720.000. Wien. Montag, den 18. d. M., hielt Herr Dr. S. Frankfurter, Kustos an der k. k. Wiener Universitäts-Bibliothek, über Einladung der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" einen Vortrag über „Jüdische Grabsteine aus dem Mittelalter, aufgefunden beim Baue der k. u. k. Hofburg und über andere jüdische Grabdenkmäler aus Alt-Wien". Der Besprechung der Denksteine, die in gelungenen Skioptikonbildern vorgeführt wurden, schickte der Vortragende einen Ueberblick über die Geschichte der Juden in Wien voraus, der gerade jetzt, wo die Juden überall so gerne als fremde Eindringlinge hingestellt werden, an Aktuellität gewann und bei dem zahlreich erschienenen Auditorium mit lebhaftem Interesse und zahlreichem, wohlverdientem Beifalle ausgenommen wurde. Der Vortrag verdient es, in seiner Gänze den weitesten Kreisen mirgeteilt zu werden. Wien. Ueber Einladung des Vorstandes der Wiener israel. Kultusgemeinde hielt Se. Ehrivürden Herr Rabbiner W. Reich aus Baden am 14. d., um lj28 Uhr abends, im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, I., Eschenbachgasse 9, einen Vortrag über seine Reise nach Jerusalem. Die mit glühenden Farben geschilderten Eindrücke/ welche die heiligen Stätten Jerusalems und seiner Umgebung auf ihn machten, die anregenden Mitteilungen über die dortige Jugenderziehung, das