Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 49 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49. Die Wahrheit. Seite 5. Obwohl sich der Verbandsausschuß der Wichtigkeit dieser Frage niemals verschließen konnte, war es ihm dennoch bewußt, daß die Lösung dieser Frage beträchtliche Schwierigkeiten biete, die namentlich darin begründet zu sein schienen, daß die Schüler in den verschiedenen Kronländern und innerhalb der Kronländer in Haupt- und Provinzstädten mit sehr verschiedenen Vorkenntnissen in die Mittelschule eintreten und daß es daher sehr schwer sein müsse, einen Lehrplan zu schaffen, der allen diesen Voraussetzungen in gleicher Weise entspreche, beziehungsweise der den verschieden vorgebildeten Schülern wie auch den verschieden gestalteten sonstigen Verhältnissen des Religionsunterrichtes in Bezug auf Stundenzahl und Klassenkombination gleich angemessen wäre. Dennoch zweifelte der Ausschuß nicht an der Möglichkeit, wenigstens einen für alle passenden Nahmen zu schaffen, innerhalb dessen den Religionslehrern je nach Gunst oder Ungunst der Verhältnisse ein freierer Spielraum gelassen würde, der aber doch den gesamten Religionsunterricht bestimmten allgemeinen Grundsätzen und Zielen unterwerfen könnte. Von dieser Annahme geleitet, hat der Verbandsausschuß im Februar dieses Jahres eine Enquete abgehalten, in welcher alle Kronländer durch würdige Vertreter des Religionsunterrichtes repräsentiert sein sollten. Dies war denn auch tatsächlich mit vereinzelten, vom Ausschüsse nicht verschuldeten Ausnahmen der Fall, indem die Kollegen aus Galizien, welche einen Sonderverband zu gründen für gut befunden haben, daran Anstoß nahmen, daß wir einige Herren als Experten einluden, ohne uns an die Vertretung des dortigen Verbandes zu wenden. Deshalb blieb Galizien leider nnvertreten. Der Verlauf dieser Beratung war vollkommen den gehegten Erwartungen entsprechend. Schon in seinen vor der Enquete veranlaßten Kundgebungen hat der Verbandsausschuß klar und deutlich ausgesprochen, daß es sich bei dieser ersten Beratung nicht um ein definitives Elaborat handle, sondern nur um eine gegenseitige Fühlungsnahme, beziehungsweise um die Anbahnung eines Einverständnisses in Bezug auf gewisse Grundfragen. Der Verbandsausschuß hatte auch, um der Verhandlung > ein gewisses Substrat zu geben und zielloses Debattieren zu.- vermeiden, einen Entwurf vorgelegt, der auf Grund vielmonatlicher Vorberatung des Ausschusses von dem Obmann Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang durch die Beigabe eines Entwurfes der Instruktionen in dankenswerter Weise vervollständigt würde. Anfänglich hatte es den Anschein, als wäre es den erschienenen Teilnehmern überhaupt nicht um einen zu fassenden Beschluß, sondern nur um eine Aussprache zu tun, die viele der Herren in ihrem von jedem Meinungsaustausch mit den Berufsgenossen abgeschlossenen Wirken schon längst herbeigesehnt haben mochten. Es wurden da allerdings die wichtigsten Fragen des Religionsunterrichtes erörtert und manche schätzenswerte Aeußerung abgegeben und zwar, wie anerkannt werden muß, in durchaus vornehmer, sachlicher Weise. Es war eine Generaldebatte, die wohl die Verschiedenheit der Anschauungen zutage treten ließ, aber doch auch zur Klärung der Ziele beigetragen hat. Bei dieser Debatte gelang es zum Beispiel alle Teilnehmer in dem Sinne zu einer einhelligen Auffassung zu vereinigen, daß die biblische Geschichte in einer dem Bibelworte sich eng anschließenden Darstellung zu lehren sei. Ebenso wurde über die Aufnahme der Geographie Palästinas in den Lehrplan Einhelligkeit erzielt. Auf Antrag des Herrn Rabbiners Dr. Mühsam (Graz) beschloß dann die Versammlung, den vom Verbandsausschusse vorgelegten Entwurf als Grundlage der Spezialdebatte anzunehmen. In der zweiten Sitzung einigte sich die Versammlung dahin, daß auf der Unterstufe das Hauptgewicht auf das Gebetbuch und zwar in gleicher Weise auf den häuslichen und öffentlichen Gottesdienst gelegt werde. Ferner wurden die im Entwürfe des Verbandsausschusses aufgestellten Lehrziele für die Unter- und für die Oberstufe angenommen. In der dritten Sitzung wurden die Lehrziele der einzelnen Klassen beraten und eine Einigung in dem Sinne erzielt, daß der Stoff der biblischen Geschichte auf drei Jahrgänge verteilt wurde und zwar: I. Kl. Von der Welterschaffung bis inklusive Offenbarung; II. Kl. Bis Samuel; HI. Kl. Bis zum Ende; IV. Kl. I. Sem. Nachbiblische Geschichte; H. Glaubens- und Pflichtenlehre. Für das Obergymnasium wurde vereinbart, daß in drei Semestern Psalmenlektüre im Urtexte, ebenso in drei Semestern Prophetenlektüre und Proverbia betrieben werden sollen, im Uebrigen wurden die im vorgelegten Entwürfe aufgestellleu Klassenziele genehmigt. Nach diesen meritorischen Beschlüssen einigte man sich dahin, daß ein Wiener Komitee, bestehend aus den Herren Dr. David, Professor Kanitz, Dr. Pollak und Dr. Weiß damit zu betrauen sei, den vorliegenden Entwurf zu überprüfen und auf Grund der gefaßten Beschlüsse zu modifizieren, ebenso die Instruktionen neu auszuarbeiten. Das Elaborat dieses Wiener Komitees sei sodann einem Ausschüsse vorzulegen, dem folgende Herren angehören sollen: Dr. Rosenfeld für Bukowina, Rabbiner Dr. Caro für Galizien, Rabbiner Dr. Steiner für Schlesien, Dr. Mühsam für die Alpenländer, Dr. Kurrein für Böhmen. Für Mähren möge zunächst Landesrabbiner Dr. Placzek um seine Wohlmeinung gebeten, im Ablehnungsfälle Rabbiner Dr. Lazarus (Göding) in das Komitee berufen werden. So dankenswert es gewesen wäre, einen genauen stenographischen Bericht über die ganze Verhandlung zu veröffentlichen, um die Meinungsäußerungen aller Teilnehmer weiteren Berufskreisen zur Kenntnis zu bringen, so mußte doch von dieser Absicht Umgang genommen werden, teils, weil dieser Bericht nicht ganz genau festgehalten wurde, teils, weil einzelne Meinungen vielleicht zu Mißverständnissen oder zu Polemiken Anlaß geben könnten, die dem Zwecke jener Enquete keineswegs förderlich wären. Immerhin darf es mit Freude begrüßt werden, daß jene Tagung keine vergebliche war, und es wird weiterhin alles geschehen, um die gewonnenen Resultate zu benützen und auszugestalten. Zweisellos werden alle Berussgenossen die opferwilligen Bemühungen, welche die erschienenen Teilnehmer, die ost sogar aus weiter Ferne kamen, der guten Sache zngewendet haben, dankbar anerkennen und würdigen, nicht minder aber die Sachlichkeit und Mäßigung, welche alle Teilnehmer in der Vertretung ihrer Standpunkte bekundet haben. Die Ausführung der damals gefaßten Beschlüsse wird nun die weitere Aufgabe des Ausschusses sein, der in dieser Hinsicht auf die eifrige Mitwirkung aller Kollegen rechnet. Möge der fernere Erfolg dem guten Anfänge entsprechen! Die russischen Ändenverfotgimyerr. Die furchtbare Größe des Elends, in welches die Juden durch die schrecklichen Maffakres gebracht wurden, läßt sich erst durch eine übersichtliche Zusammenstellung derselben ermessen und darum wollen wir unseren Lesern die bisher bekannt gewordenen Detailschilderungen bieten. Judenkrawalle fanden in nachstehenden Gouvernements in folgender Anzahl statt: In Bessarabien 6, Charkow 1, Cherson 11, Jaroslaw 1, Jekaterinoslaw 7, Kasan 1, Kiew 7, Kurland 1, Kursk 1, Minsk 1, Mohilew 3, Orel 2, Podolien 7, Poltawa 5, Pskow 1, Riasan 1, Saratow 1, Smolensk 2, Tannen 7, Tschernigow 13, Tomsk 3, Twer 1, Wilna 2, Witebsk 3, Wladimir 2, Wolhynien 1 und Woronesch 1. Bessarabien. Die Krawalle in diesem Gouvernement fanden zwischen 1. und 8. November statt. In Attuki, Ackerman, Ismail, Ungeni nahmen sie keine großen Dimensionen an. Dagegen wurde Kalaraschi vollständig eingeäschert. Furchtbar hat der Pöbel in Kischinew gewütet, wo der Krawall am 1. und 2. November vor sich ging. Die spärlich vorliegenden Nachrichten genügen, um zu zeigen, welchen Umfang der Krawall diesmal angenommen hatte. Die Banden gingen mordend und plündernd von Haus zu Haus. Nachdem der Selbstschutz niederkartätscht war, verkrochen sich die entwaffneten Juden auf Böden und in Kellern. Die Zu^l der Getöteten, 25 Juden und gegen 13 Christen, und der Verwundeten, 50 Juden und gegen 40 Hooligans, ist nicht so groß wie im Jahre 1903. Dagegen nahm die Zerstörung des jüdischen Eigentums einen weit größeren Umfang an als beim letzten Krawall. Charkow. In Charkow war der Krawall von kurzer Dauer, da die Eisenbahnarbeiter dem Gouverneur erklärt hatten.