Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 48 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Seite 7, : Die Wahrheit ^Glaubensgenossen in anderen Ländern zu erdulden hatten, vermochten sie dennoch ihre gerechte Empörung zu unterdrücken, damit einerseits das freundliche Einvernehmen mit ihren Mitbürgern in diesem Lande keine Störung erleide und andererseits durch feindselige Demonstrationen ihre freundschaftlichen Beziehungen /zu anderen, weniger gesitteten Ländern keine Aenderung er- ' führen. Ich beglückwünsche die jüdische Gemeinde a u frichtig zu ihrer interessanten Gedenkfeier und gebe mich der .Hoffnung hin, daß es ihr auch ferner vergönnt sein möge, in blühendem Gedeihen, wachsendem Ansehen und engem Zusammenhänge mit ihren Stammesgenossen Feste zu begehen, welche dem Heutigen an geschichtlicher und allgemeiner Bedeutung gleichen. Amerikanischer Kries. Die jüdischen Amerikaner sind eifriger mit der Hilfsmobilmachung für die russischen Juden als vielleicht die Juden aller anderen Länder. Bei ihnen kommen nämlich außer dem Amstand, daß Blut dicker als Wasser, und außer den -engeren Beziehungen zu den Juden Rußlands, hinzu der praktische amerikanische Geist, der alles gleich energisch angreift und mit allen Mitteln durchführt, und der Freiheitssinn, der mit von einer Regierung inszenierten blutigen Verfolgungen ganz besonders streng ins Gericht geht. Denn daß die herrschenden Kreise in Rußland in der Hauptsache mit verantwortlich sind für die an den Juden verübten Schreckenstaten, gilt in Amerika für zweifellos. In seiner Ansprache an das Hauptkomitee zur Unterstützung der Juden sprach Strauß seine feste Ueberzeugung aus, daß die Massakres in Rußland das Ergebnis einer sorgfältig geplanten und wohl organisierten Verschwörung unter den herrschenden Klassen gewesen seien. „Niemals," sagte er, „seit den Zeiten Torquemadas ist eine Metzelei mit solcher Sorgfalt geplant und mit solcher Macht ausgeführt worden. Niemals während des ganzen Feldzuges gegen Japan hat die russische Militärmacht ein solches Organisationstalent entfaltet, wie in der Organisation und Durchführung dieser Metzeleien, denn vom Schwarzen Meer bis nach Sibirien scheint die Ermordung von Zehntausenden von Männern, Frauen und Kindern ungefähr gleichzeitig stattgefunden zu haben. Es ist daher unmöglich, die Schlußfolgerung zurückzuweisen, daß dies vorbedacht und ausgeführt worden ist mit diabolischer Geschicklichkeit." Große Summen sind in Newyork, Philadelphia, San Frauzisko und fast allen großen amerikanischen Städten sofort gezeichnet und telegraphisch übermittelt worden. Es wurde eine -eigenartige Organisation beschlossen, die es ermöglicht, an alle Berufe durch besondere Berufsangehörige zu appellieren und /selbst vereinzelt wohnende Juden in den entlegensten Teilen der Republik zu Beiträgen heranzuziehen. Es wurden u. a. 491 Telegramme, die beiläufig von der Western Union Telegraph -Company gratis befördert wurden, nach allen Teilen des Landes versandt. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, näher auszuführen, wie in den zahlreichen durchweg überfüllten Versammlungen in den verschiedenen Städten der Union die Begeisterung Ausdruck gefunden hat und die Hilfsbereitschaft praktisch bewiesen worden ist. Nur so viel sei gesagt, daß fast überall auch Christen zum Teile recht erhebliche Summen gezeichnet haben. Andrew C a r n e g i e allein hat einen Check über 10.000 Dollars, also mehr als'42.000 Mark eingesandt mit einem Begleitschreiben, in welchem es u. a. heißt: „Ich bin nur zu erfreut, Ihnen inliegenden Check als einen Beitrag zu dem Fonds für die Unterstützung Ihrer Glaubensgenossen in Rußland zu übersenden. Die schrecklichen Verbrechen, die . dort begangen worden sind, sind von der Art, daß man verleitet werden könnte, den Glauben an die Menschlichkeit zu verlieren, wenn nicht die Geschichte der Vergangenheit uns über ebenso teuflische Szenen berichtete. Seien Sie aber nicht entmutigt. Nach dem Gesetze der Entivicklung müssen wir stetig, wenn auch lgngsam aufwärts marschieren und endlich die wahre Auffassung von der Brüderlichkeit der Menschen erlangen." Daß die Jubiläumsfestlichkeiten der amerikanischen Judenschaft eingestellt oder doch wesentlich eingeschränkt werden sollen, ist bereits im vorigen Briefe berichtet worden. Es wird nun auch vorgeschlagen, von der beabsichtigten Errichtung eines Denkmals aus Anlaß des Jubiläums Abstand zu nehmen und das ersparte Geld dem Hilfsfonds für die russischen Juden zuzuwenden. Die Idee einer öffentlichen Demonstration durch Umzüge ist aufgegeben worden. Dagegen wurde beschlossen, den 4. Dezember als Trauertag zu begehen und Trauerembleme anzulegen. Ferner sollte am 4. Dezember ein öffentlicher Gottesdienst veranstaltet werden. In zahlreichen Versammlungen ist der Wunsch ausgedrückt morden, die traurige Gelegenheit zu benutzen, um einmal etwas mehr zu tun, als einem augenblicklichen Notstand nur durch Almosen notdürftig abzuhelfen. Es sind dahin gehende Vorschläge mannigfacher Art gemacht, wenn auch nicht angenommen worden. Da soll ein Kongreß jüdischer Amerikaner zufammentreten, ja ein internationales Baud der Juden aller Länder geschaffen werden. Der bekannte jüdisch-amerikanische Staatsmann Simon Wolf befürwortet die Schöpfung eines jüdischen Verbandes, dessen Mitglieder, wie die Mitglieder des Roten Kreuzes unter internationalem Schutz hilfreich tätig sind, des gleichen Schutzes sich erfreuen sollen bei ihrer Tätigkeit zugunsten verfolgter Juden. Unmittelbar praktische Folge hatte vorläufig nur der Vorschlag, daß ein Teil der gesammelten Gelder nach Rußland geschickt werden solle, um die S e l b st v e r t e i d i g u n g der Juden zu fördern. „Gott sei Dank," sagt in einer Versammlung Dr. Madison Peters in der B a p t i st e n k i r ch e, „das Christentum Rußlands ist nicht das Christentum Amerikas. Das russische Christentum steht im Widerspruch zu der Religion dessen, der gelehrt hat, alle zu lieben. Von allen Kanzeln herab sollten Proteste fortgedonnert werden gegen diese unbeschreiblichen und unbegreiflichen Grausamkeiten. Die Verüber dieser fanatischen Grausamkeiten sind Barbaren, ganz und gar unwert des christlichen Namens. Im Namen des Gottes der Liebe erkläre ich die Russen für Leute, die den Atheismus sehr empfehlenswertmachen. Wenn solches Verhalten im Einklänge stände mit dem Christentum, dann würden viele von uns auf den Namen Christen verzichten. Gott würde mehrGefallen an. uns finden, wenn wir seine Existenz bezweifelten oder sie gar leugneten, als wenn wir seinen Namen an riefen und dann seine Kinder ermordeten .Mit unseren jüdischen Brüdern in Trauer sympathisiere ich als Mensch, als Amerikaner und als ein Baptist mehr als Worte ausdrücken können. Und ich flehe zu dem! allmächtigen Gott, seinen Arm a u s z u st r e ck e n und Rußland mit selb st noch schrecklicheren Plagen zu treffen als über das alte Egypten gekommen sind, bis Rußland Gottes altem Volke Gerechtigkeit widerfahren läßt." Wir schließen mit einem für den in Amerika herrschenden Eifer im Interesse der russischen Juden bezeichnenden Faktum. Die etwa 100 Arbeiter, die in der Fabrik von A. & H. Wildberg in Cincinatti beschäftigt sind, haben beschlossen, alles, was sie durch Ueberstunden verdienen, zu der Sammlung in Ciucinnatti beizusteuern, bis dort 25.000 Dollars zusammengekommen sind. Die Fabrik schließt jeden Sonnabend um Mittag, aber fast alle Arbeiter haben erklärt, daß sie weiter arbeiten wollen, um ihr Scherflein zu dem würdigen Zwecke beitragen zu können. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Israelitische Allianz.) Das Ergebnis der Spendensammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" für die Opfer der russischen Judenmassakres beträgt bis beute ca. K 650.000. In diesem Betrage sind folgende Sammlungsergebnisse enthalten: Wien ca. K 500.000. Verband der Humanitätsvereine „B'nai B'rith" in Oesterreich durch Herrn Doktor