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Die Wahrheit · 1905-12-15 · Heft 48 (15.12.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 48 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6. Die Wahrheit. Nr. - 48. unter Umständen als gerechtfertigt anzudrohen. Angesichts der Stellung, welche der Bürgermeister kraft feines Amtes einnimmt, des großen agitatorischen Einflusses, den er auf einen Teil der Bevölkerung ausübt, angesichts der außerordentlichen Erregung, welche gegenwärtig durch die Wahlrechtsbeweguug hervorgerufen wurde, muß der von dem Oberhaupte der Stadt Wien unternommene Versuch, den zwischen den Christlichfozialen und den Sozialdemokraten bestehenden Gegensatz durch die Identifizierung der letzteren mit den Juden in eine Indenhetze überzulciten, auf das e n t s ch i e d e n st e verurteiltwerden. Es ist eine notorische Tatsnche, daß sich die Inden — gleichwie die Christen — zu den verschiedensten politischen Parteien bekennen, zu denen neben den konservativen, liberalen und nationalen eben auch die sozialdemokratische gehört. Mit Entrüstung muß aber die ebenso böswillige als unsinnige Insinuation zurückgewiesen werden, als ob die ö st e r r e i ch isch en Juden, die ste ts zu den loyalsten und treue st en Staatsbürgern zählten, jemals ihr Vaterland bedrohen könnten. Während in der ganzen gebildeten Welt die in Rußland verübten Greuel Abscheu und Entsetzen erregten, deutsche und englische Kirchenfürsten diese Vorkommnisse aufs schärfste gebrandmarkt haben, der Oberbürgermeister der deutschen Metropole sich an die Spitze eines Hilfskomitees für die Hinterbliebenen der Ermordeten stellte, findet der Bürgermeister der Stadt Wien kein Wort der leisesten Mißbilligung, er droht vielmehr der Wiener Judenschaft mit ähnlichen Ereignissen. Als Juden, als Wiener, als Menschen müssen wir gegen die ungerechtfertigte Verdächtigung der Judenschaft, gegen die beschämende und,gewiß unverdiente Bloßst e l l u n g unserer Vaterstadt, gegen die der Humanität und Zivilisation hohn sprechende Haltung des Bürgermeisters der Stadt Wien laut und feierlich protestieren. Dem Kultusvorstand fehlt jede Macht, derartigem Beginnen wirksam zu begegnen. Er hält es aber für seine unabweisliche Pflicht, die Träger der Macht auf die furchtbaren Gefahren aufmerksam zu machen, die ein solches Vorgehen bei dem ungeheuren Zündstoffe, der in der Bevölkerung angesammelt ist, nicht nur für die Juden, sondern in weiterer Folge für das gesamte Vaterland, dem feine anmaßungsvollen Verteidiger die schlechtesten Dienste leisten, Hervorrufen muß. Er hält es für feine Pflicht, auf die lottere Verantwortung hinzuweisen, die daraus erwachsen würde, wenn diesen Bestrebungen nicht im Keime mit aller Entschiedenheit entgegengetreten wird und die Irreführung und Verhetzung der Bevölkerung, der Appell an die brutalsten Instinkte nicht hintangehalten werden." Die Antwort des Ministerpräsidenten. Ministerpräsident Freiherr v. Gautsch beantwortete die an ihn gerichteten Interpellationen in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 11. d. M. mit folgenden Worten: „In Beantwortung dieser Anfragen möchte ich zunächst bemerken, daß mir der authentische Wortlaut der erwähnten Rede nicht zur Verfügung steht, ich deshalb zum Teile auf die Berichte der Zeitungen, zum Teile auf die Angaben angewiesen bin, die Herr Dr. Lueger selbst in der Sitzung des Wiener Gemeinderates vom 7. Dezember gemacht hat. Gerade in den entscheidenden Stellen der Rede decken sich aber diesen beide Berichte nicht vollkommen. Wie denn aber auch sei, in der Sache selbst gibt es für die Regierung nur einen unverrückbaren Standpunkt, und das ist der des Staatsgrundgesetzes, das jedem Staatsbürger ohne Ansehen der Nationalität oder des Bekenntnisses das volle Recht, sich einer beliebigen Partei anzufchließen, und den vollen Anspruch auf die A ch t u n g d i e s e s Rechtes gewährleistet, so lange der Boden der Gesetzlichkeit nicht verlassen wird. Aus diesem Grunde steht jeder, wenn auch nur in hypotheti sch e r Form, unternommene Versuch, auf die politischen Anschauungen irgend einer Klasse der Bevölkerung einen unzulässigen Zwang auszuüben, im Widerspruche mit dem t a a t s g r u n d g e s e tz e. Die bürgerlichen Freiheilen müssen für alle gleichmäßig und unterschiedslos gelten und darum kann auch j e d e r m a n n bei der Betätigung der politischen Meinungsfreiheit innerhalb der gesetzlichen Schranken des n a ch d r ü cklich st en Schutzes der Staatsgewalt gewiß sein. Zu einer Beunruhigung in dieser Richtung liegt dem na ch kein Grund v o r. Bei diesem Anlasse möchte ich nur noch bemerken, daß leider die politischen Erörterungen in Oesterreich bereits seit langem in einem sehr erregten Tone geführt werden. Würde man nach den in den Versammlungen gehaltenen Reden auf die wahren Gesinnungen der Bevölkerung schließen, so müßte man mitim ter sehr bekümmert sein. Gerade mit Rücksicht auf diese gesteigerte Gereiztheit des Parteilebens kann die Regierung nur die dringende Mahnung aussprechen, besonders in politisch so bewegten Zeiten, wie wir sie jetzt durchleben, alles zu vermeiden, was die Spannung st ei g e r n und die nationalen oder konfessionellen Gegensätze verschärfen könnte." Wien und London. Zur Charakteristik der Rede Dr. Luegers veröffentlicht Baurat Stiaßny unter dem Schlagworte „Der Bürgermeister von Wien und der Lord Mayor von London folgendes: „Bei dem berechtigten und peinlichen Aufsehen, welches die jüngste Lehrmeinung des Bürgermeisters von Wien über die „Judenfrage" in der ganzen gebildeten Welt hervorgerufen hat, wird es gewiß allseitig interessieren, in welcher Weitz sich ein berühmter Kollege des Dr. Lueger, der Lord Mayor von London, in derselben Angelegenheit ausgesprochen hat. Ich verdanke die Anregung zu nachfolgender Mitteilung einem alten verehrten Freunde, welcher, Engländer und guter anglikanischer Christ, meine Aufmerksamkeit auf die von mir hier wiedergegebene Publikation gelenkt hat. Am 4. Dezember 1905 waren es 250 Jahre, seitdem unter Oliver Crom well und auf Ansuchen des Menasse ben Israel die Rückkehr der Juden nach England bewilligt worden ist. Aus diesem Anlasse bringt nun die letzte Nummer der ..Jewish Chronicle" eine historische Darstellung dieses Ereignisses, ferner die Porträts Cromwells uud vieler in der Sache beteiligter Zeitgenossen, Faksimiles darauf bezüglicher Urkunden u. f. w. Außerdem veröffentlicht die genannte Zeitschrift eine Reihe von Kundgebungen, welche ihr bei diesem Anlasse von hervorragenden Persönlichkeiten, Politikern, geistlichen Würdenträgern und Gelehrten zugekommen sind. So werden längere Zuschriften veröffentlicht von Lord Roseberry, Viscount Peel, Lord Avebary und Lord Stanley, von den Parlamentsmitgliedern Sir Charles Dilke, James Bryce, R. B. Haldane, dem Lord-Bischof von London, Dechant vonDurham, Kanonikus Bar nett u. a. m. An der Spitze dieser Enunziationen steht aber die des Lord Mayor iu London, die wir hier in der Uebersetzung folgen lassen: „Die 250. Wiederkehr der Ansiedlung der Juden in England bietet der Londoner Bürgerschaft einen willkommenen Anlaß, die englischen Juden ihrer vollen Sympathie und ihrer stets wohlwollenden, freundschaftlichen Gefühle zu versichern. Die Gemeinschaft der Juden hat sich zu allen Zeiten durch ihre treue Gesinnung, durch ihre Wohltätigkeit sowie durch ihre Achtung vor der Meinung anderer hervorgetan. Wohl infolgedessen konnte sie eine so machtvolle und einflußreiche Stellung erlangen, welche sie im Interesse des Gesetzes, der Ordnung und des allgemeinen Wohles behauptet. Bekümmert und entmutigt durch die Behandlung, welche ihre mit Füßen getretenen

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