Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-12-15 · Heft 48 (15.12.1905) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 48 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063313--03995-3070800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 4. Die Wahrheit Nr. 48. seine Taktik ist viel zu durchsichtig, als daß sie nicht selbst von dem blödesten Auge erkannt würde. Darum werden auch die Juden in Oesterreich sich von seinen Drohungen nicht beirren lassen -und im Kampfe um das allgemeine Wahlrecht jene Haltung einnehmen, die ihnen ihre politische Ueberzeuguug sowie die Rücksicht auf ihr eigenes Wohl und das Wohl des Staates gebietet, in dem sie sich jederzeit als treue und loyale Bürger bewährt haben. #• * -r- Daß übrigens auch in der christlichen Bevölkerung die Hetzreden Dr. Luegers keine Billigung, sondern im Gegenteil scharfe Verurteilung fanden, dafür bietet nachstehendes Schreiben, das eine christliche Dame an die „Oesterreichische Volkszeitung" richtete, einen treffenden Beleg: „Als ehrenhafte Wienerin protestiere ich energisch dagegen, daß immer im Namen aller Wiener bei solchen Anlässen gesprochen wird. Nein, es gibt Gott sei dank in meiner Vaterstadt noch tausende Wiener, die gesunden Menschenverstand haben und mit Ungeduld die Zeit erwarten, wo der schwarze Lügensack, der über die Stadt gezogen, auselnanderreißen wird. Will vielleicht Herr Dr. Lueger jemand Vernünftigem einreden, daß er nicht weiß, was in dem beispiellos korrupten Rußland die Ursache der schaudervollen Vorgänge ist? Warum will Dr. Lueger die Schuld auf die unglückseligen Juden zugunsten seiner so edlen Partei schieben? Dies fragt ihn eine von keinem Juden abstammende wahrhafte C h r i st i n. Wie ist es denkbar, daß Wien einen Bürgermeister hat, der sich wundert, daß die gesamte gebildete Welt solche Greuel verdammt, daß der Bürgermeister eine Wiederholung solcher Schandtaten in unserem Wien als möglich in Aussicht stellt? Sollte es in Wien wirklich solche Bestien geben, die Kinder von den höchsten Gebäuden auf die Straße hinabwerfen, den Eltern die Augen aus den Höhlen drücken, die Zunge herausreißen, sie bei lebendigem Leibe verbrennen? Sollten das vielleicht die Sozialdemokraten tun, ich glaube, zu dem würden sich eher die Abkömmlinge der Inquisition eignen. Was das allgemeine Wahlrecht betrifft, so begrüßt auch die Mehrzahl des Mittelstandes dasselbe als Hoffnungsstrahl in dieser traurigen Zeit, wo sich nicht einmal mehr der Bürger zu essen kaufen kann, dank der famosen Wirtschaft für Parteizwecke, denn noch nie ist es uns Wienern so schlecht gegangen. Aus diesem Grunde waren wohl am 28. v. M. viele Geschäfte gesperrt. Und Herr Dr. Lueger sollte nicht vergessen, daß auch er einst unter der roten Fahne marschierte. Hätte Herr Dr. Lueger in frommer Christlichkeit es lieber gesehen, daß die tausende Familienväter unter der roten Fahne, die mit einem allerdings von ihm längst vergessenen bitteren Elend zu kämpfen haben, von Polizei und Soldaten zerhackt worden wären? Ich glaube, einem Bürgermeister von Wien soll es darum zu tun sein, daß ein blutiger Zusammenstoß in der von ihm verwalteten Stadt nicht vorkommt. Dies die Meinung einer anständigen Frau und christlichen Wienerin." $ * Ein antisemitisches Blatt, der „Deutsche Volksbote" in Prag hat jüngst bei Verteidigung der Rede Dr. Luegers die lügnerische Behauptung ausgestellt, das Judentum habe in Rußland systematisch jede Autorität untergraben und jede staatliche Autorität verhöhnt. Wie wird aber die genannte Schriftleitung die Auslassungen ihres Gesinnungsgenossen Mechaniker Schneider charakterisieren, der auf dem allgemeinen österreichischen Tischlertage bei dem Referate über die Abschaffung des Besuches der Versammlungen von Lehrlingen den österreichischen Beamtenstand in einer geradezu unerhörten Weise verhöhnte und verdächtigte? „Die Behörden" sagte er, treten deshalb nicht gegen den Mißbrauch der Versammlungsfreiheit auf, weil sie feig und niedeflträchtig sind.... . . . Hätte man bei der Statthalterei nicht mit Leuten zu thun, die a la Baron Hock selbst sozialdemokratische Agitatoren sind, würde die Sache anders sein. Es ist traurig, daßRegierungs- und Statthaltereiorgane mit Juden verwandt oder denselben verschuldet sind und aus diesem Grunde sozialdemokratische Agitatoren sind. Wir haben dagegen Stellung genommen. Ich habe mit dem Statthalter und mit dem Minister des Innern ge-, sprachen, allein diese Herren sind zu feige, daß sie einschreiten würden, denn sie sind von den Juden abhängig." Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen apostrophierte Abg. Schneider die anwesenden Berichterstatter mit folgenden Worten: „Es muß einmal gesagt werden und ich bitte die Herren Berichterstatter, das genau aufzunehmen. Wir haben die ehrlosesten Gerichte der ganzen Welt. Neunzig Perzent der Richter sind bestochen, entweder selbst Juden oder deren Freunde. Hätten wir nicht derartige infame Richter, wären solche Sachen nicht möglich. Dann wird, wenn man die Beseitigung solcher Leute verlangt, gesagt, die Richter sind unabsetzbar. Die Bevölkerung verlangt jetzt schon energisch die Beseitigung solcher Juden richte r, und wenn dies nicht geht, kann der Fall ein treten, daß die Bevölkerung von Wien in ihrer Erregung gegen diese Richter Front macht. Ich werde sehen, ob die k. k. Regierung nicht den Mut hat, gegen die Juden aufzutreten. Das Ganze ist nur eine feige Konzession der Regierung gegenüber den Juden, denen die Minister persönlich Geld schuldig sind. Der Eine hat Wechselschulden, die Anderen sind verschwägert oder verheiratet u. s. w. und dann machen sie, was die Juden wollen." Bedarf es da noch eines weiteren Beweises, daß der Antisemitismus das destruktivste und zersetzendste Element im Staate ist und daß die Antisemiten, die sich jetzt gerne als Staatsretter aufspielen möchten, im Volke jede Achtung vor dem Gesetze untergraben, sobald die behördlichen Organe nur irgendwo ihnen nicht zu Willen tun? Aber der Herr Ministerpräsident wird gegen diese Pauschalverdächtigungen ebensowenig wie gegen die Drohungen Luegers, die er im Prinzipe als Verletzung des Staatsgrundgesetzes stigmatisierte, einschreiten. Wahrscheinlich ist er, ähnlich wie bei Dr. Lueger, nicht in der Lage, sich den authentischen Text der Rede zu verschaffen. ❖ In der Festversammluug, welche die amerikanische Judenschaft in New-Iork zur Erinnerung an die vor 250 Jahren erfolgte erste Landung der Juden in Amerika veranstaltete und in welcher der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Grover Cleveland als Festredner fungierte, gelangte nachfolgendes Schreiben des Präsidenten R o o s e v e l t zur Verlesung : „Ich habe es mir zur Regel gemacht, keine Briefe für festliche Gelegenheiten, und mögen dieselben noch so wichtig sein, zu schreiben, aus dem einfachen Grunde, weil ich, falls ich einen Brief schreiben würde, hundert andere schreiben oder riskieren müßte, geachtete Leute zu verletzen. Bei der heutigen Gelegenheit kann ich jedoch von dieser Regel abweichen, weil die bedauerlichen und schrecklichen Leiden der jüdischen Raffe in anderen Ländern mir als Haupt des amerikanischen Volkes nicht nur die Pflicht auferlegen, meine tiefgefühlte Sympathie auszudrücken, wie ich dies hiemit tue, sondern gleichfalls die glänzenden Bürgertugenden hervorzuheben, welche von jüdischen Männern, die hieher kamen und die Wohltaten der freien Einrichtungen und der Gleichberechtigung vor dem Gesetze genossen, geoffenbart wurden. Ich bin fest davon überzeugt, daß die Bedrückung eines Volkes sich schließlich stets an den Bedrückern rächt: es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der geistigen Welt, daß niemand ein Unrecht begehen kann, ohne schließlich selbst zu leiden." Nach Hinweis auf die wichtigsten historischen Ereignisse, an welchen allen die Juden hervorragenden Anteil genommen, heißt es dann weiter in dem Schreiben: „Sie haben sich ehrenhaft ausgezeichnet durch ihren Fleiß, durch ihre Gesetzesliebe und ihre Hingabe für des Landes Wohlergehen. Mit den Mitbürgern anderer Religionsgenossenschaften wetteifern sie, die Interessen des gemeinsamen Vaterlandes zu fördern. Dies gilt nicht nur von den Abkömmlingen der ersten Einwanderer und den auf amerikanischem Boden geborenen Juden, sondern von einer großen und beständig größer werdenden Zahl jener Einwanderer, die in den verflossenen 25 Jahren als Flüchtlinge, aufs tiefste verarmt und'verelendet, unser Land betraten. Dieses außergewöhnliche Beispiel der Weisheit und der Stärke unserer Regierungsform sollte jeden Amerikaner mit Stolz erfüllen. In wenigen Jahren haben sich Männer und Frauen, bisher ungewohnt der bürgerlichen Privilegien,, zu loyalen, sich selbstachtenden amerikanischen Bürgern entwickelt, sie sind Bürger geworden, die nicht nur ihre Rechte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.