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Die Wahrheit · 1905-12-15 · Heft 48 (15.12.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 48 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Während die ganze gesittete Welt mit Sympathiebeweisen für die unglücklichen Opfer der russischen Judenmassakres nicht zurückhält, fahren die Antisemiten aller Herren Länder fort, durch lügenhafte Entstellungen die Märe zu verbreiten, daß die Juden in Rußland ihr Unglück selbst verschuldet haben und die schrecklichen Greueltaten als eine natürliche Reaktion des russischen Volkes gegen die revolutionären Umtriebe der Juden zn betrachten seien. Gegen diese bewußte Lüge anzukämpfen, ist wohl vergebliche Mühe, aber dennoch können wir es uns nicht versagen, aus einem offenen Schreiben, das der bekannte russische Schriftsteller und Kriegsberichterstatter Nemir o w i t s ch - D a n t s ch e n k o über die russischen Judenmetzeleien veröffentlicht, einige der markantesten Stellen wiederzngeben: „Die Greueltaten der Baschi-Bozuks, die ganz Europa erzittern machten, gaben im Jahre 1877/78 den Anlaß zum türkischen Kriege. Aber was für Stümper waren die muselmanischen Fanatiker gegen unsere .,Schwarze Bande"! Und wir erkühnten uns noch vor kurzem einen Vergleich zu ziehen zwischen der russischen und der japanischen Ethik und — die! christliche Toleranz hervorzuheben! Unermeßlich weit sind wir in den letzten 25. Jahren zurückgegangen, und jetzt schwingt die niedrigste Gemeinheit das Szepter in Rußland. Und gegen wen richtet sich die Blutwelle? Gegen die Armen, die Handwerker! und Taglöhner, die sich Juden nennen. Die schwarze Masse der j Raubmörder wird von reichen, hochgestellten Kreisen bezahlt,! die nach einem fest Umrissenen Plan die „Progromy" vorbereitet! haben. Sie entbraunten wie auf ein Signal gleichzeitig an verj schiedenen Orten. Wäre der Generalstreik nicht ausgebrochen,! der den Verkehr der „Schwarzen" gehemmt hat, so hätten sich! d ie Greueltaten, gegen die die Fackeln des Nero verblassen, noch! verzehnfacht. Die Geschichte wird bald die schmachbedeckten i Namen enthüllen, die Rußland in den Kot geworfen nnd über! den anbrechenden Festtag der Freiheit einen Trauerflor gebreitet haben. Es kann kein Zweifel mehr walten, wer die Missetäter! waren, nachdem unter den Mänteln der Mörder die Polizei-! uniform entdeckt wurde.In dieser Walpurgisnacht, wo! alle Schrecken- Orgien feierten, richtete sich wie ein Fels im | Meer die russische Arbeiterschaft auf. Sie befleckte sich weder! durch Raub noch durch Mord, in majestätischer Ruhe leitete! sie ihre Bewegung und griff zielbewußt den brudermörderischen Kosaken und Gendarmen in den Arm, wo sie es vermochte....! Ich war Zeuge der Volksbewegung in Italien und in Spanien. In Barcelona spielten sich Szenen ab, die als wild bezeichnet wurden. Aber was war denn das, was waren selbst die Torturen der Inquisition gegen die kanibalischen Ungeheuerlichkeiten der „Schwarzen"! In der Mandschurei sprach man von den Grausamkeiten des chinesischen Aufstandes, aber keinem Boxer ist es je eingefallen, sich mit solch teuflischen Schändlichkeiten zu besudeln, die in Odessa an der Tagesordnung waren. . . . Wenige Monde sind es, seit ich von dem mandschurischen Kriegsschauplätze zurückgekehrt bin. Ich muß an die jüdischen Soldaten denken, die neben ihren russischen Brüdern auf dem Felde der Ehre hingestreckt wurden. Ich entsinne mich, wie nach einer verzweifelten Schlacht eine Rotte in Nacht und Nebel auszog, um einen jüdischen Helden zu suchen, der im schwersten Artilleriefeuer die russische Fahne verteidigt hatte. Unvergeßlich wird mir auch ein anderer Jude bleiben, der unter dem feindlichen Geschoß den Schaho durchschwamm, um verwundete Soldaten zu retten, die im Gefecht vergessen wurden. Auf keinem Gebiet stand das jüdische Militär hinter dem russischen zurück, aber unter den bettelnden und besoffenen Soldaten in Charbin sind mir keine Juden begegnet. Sie haben alle Unbill des Krieges, wie tropische Hitze, die sintflutlichen Regengüsse, Hunger, Kälte und Anstrengung mit der größten Selbstbeherrschung tapfer ertragen, ebenso wie die Polen, Russen und Tartaren. Nach einer Nacht der schrecklichsten Qualen sagte mir ein russischer Jäger lächelnd: „Jetzt wird man uns daheim nicht mehr „Jid" schimpfen." . . . Aber die „Huligany", die Geheimpolizisten, die besoldeten Bluthunde, sie kennen keine Dankbarkeit, keine Menschenwürde, sie begreifen weder die Regungen der menschlichen Seele noch den erhabenen Gedanken der Vergebung. Darin liegt die Tragik der russischen Schande, die ein Meer von Tränen heraufbeschworen und den Fluch der gebildeten Menschheit auf sich geladen hat." Was sagt der Bürgermeister von Wien Dr. Lueger zu diesen Aeußerungen eines Vollblutrussen? Wird er auch fernerhin seine Analogien zwischen russischen und österreichischen Verhältnissen aufrecht erhalten und die in seiner berüchtigten Rede gegen die Juden ausgestoßenen Drohungen gerechtfertigt finden? Kein Zweifel, er wird und kann sich nicht von der Haltlosigkeit seiner Anwürfe überzeugen lassen, schon aus dem Grunde nicht, weil er selbst daran nicht glaubt und weil dem Agitator, der den Boden unter seinen Füßen wanken fühlt, jedes Mittel willkommen ist, um seine geschwächte Position zu kräftigen. Aber

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