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Die Wahrheit · 1905-12-08 · Heft 47 (8.12.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 47 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 47. stand, weil wir sehen, daß keine Hilfe unser harrt, keine Rettung weit und breit. Das litthauische Volk, das selber arm und elend ist, sucht den Hunger mit dem von den Juden erbeuteten Brod zu stillen und seinen Unmut in dem geraubten Schnaps zu ersäufen. Und wo immer es zu Zwischenfällen, zu Exzessen kommt, sofort schießen die Polizei und das Militär, und am liebsten zielen sie auf den Juden. Ich frage dich, lieber Grischa, du bist doch im Auslande, wo die Zeitungsberichte pünktlich erscheinen, wo man von allen Vorgängen genaue Kenntnis hat, haben wir denn gar nicht zu hoffen, daß es bald anders wird? Sieht denn das zivilisierte Ausland mit Gleichmut zu, wie tausende und abertausende von unschuldigen, vogelfreien Geschöpfen gemartert und hingeschlachtet werden, ohne sich darob Skrupel zu machen? Wehe, wehe, daß sich über uns der von Moses in der Bibel prophezeite Fluch ganz ergoß: „Am Abend wirst du stöhnen: o, wäre schon Morgen, am Morgen: o, wäre schon Abend!" Wie weh' und bitter war uns, da unsere hoffnungsvollen Söhne in den ostafiatischen Krieg ziehen mußten. Die Juden hatten perzentmäßig das größte Kontingent gestellt; aber wir fügten uns stumm darein, weil wir uns sagten: Der allgemeinen Pflicht darf und kann sich kein Untertan entziehen. Den Fliegen gleich sind sie auf den mandschurischen Schlachtgefilden gefallen. Keine Mutter hoffte mehr ihr Kind noch zu sehen, keine Gattin ihren Ernährer zurückzubekommen; allein die gegenwärtigen Schrecken sind noch gräßlicher, nervenzerstörender als die des Krieges, weil keine Aussicht vorhandeu ist, wann ihr Ende kommen wird. Es ist kein Ende mit Schrecken, sondern Schrecken ohne Ende. Man plündert unser Hab und Gut, zündet unsere Häuser an, schändet, foltert und mordet, und keine Hilfe harrt unser, keine Rettung weit und breit! Kalwarji, 16./29. November 1905. Es grüßen dich deine alte Mutter und deine verzagten Geschwister E—l. Klaffe. Zu den Metzeleien in Rußland. Will in den russischen Hütten der Freier küssen die Braut, Bevor er eins besorgt hat, er sich's zu tun nicht traut: Es werden die Heiligenbilder, die man so hoch verehrt, Sie werden sorgsam vorher gegen die Wand gekehrt. Der Heilige darf's nicht sehen, wie Lippe zu Lipp' sich find't, Er kennt nur Engelsliebe, nicht wie man irdisch minnt. Doch bei dem Menschenschlachten hat man ihn nicht verhüllt. Verstopft nicht seine Ohren, als man geheult, gebrüllt. Er sah olympisch ruhig vergießen Ströme Blut, Stieg nicht aus seinem Rahmen, gebot nicht Halt der Wut. In ihrer Nackcheit zeigten der Mensch, sein Heil'ger sich, Zum Vorschein kam die Bestie, der Fetisch jämmerlich. O arme Hekatomben, o arme Opfer ihr, Ihr fielt in einem grausigen, erbärmlichen Turnier! Kein Uebermensch verbraucht euch, ach, kein Napoleon, . Der Pöbel wutkitrunken erwürgte euch voll Hohn! Als man dem Grab die Toten Hyänenhaft geraubt, Humanitas noch tiefer sie senkt ihr trauernd Haupt. Sie hüllt wie Cäsar trauernd sich in den Mantel ein, Den edlen Brutus sah sie in der Verschwörer Reih'n. Sie wehklagt wie einst Cäsar: »Auch, Brutus, du mein Sohn, Du zwanzigstes Jahrhundert der Zivilisation?" S. Vineta. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Predigt.) Freitag-Abend, den 8. Dezember, Predigt inr Leopoldstädter Tempel. Wien. (Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte.) Donnerstag, den 14. Dezember 1905, präzise lj28 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vorirag des Herrn Rabbiner W. Reich aus Baden statt. Thema: „Eindrücke einer Palästinareise." Wien. (Hilfsaktion der „I s r a e l i t i s ch e A l l i a n z z u W i e n".) Das Ergebnis der von der „Israelitischen Allianz zu Wien" zu Gunsten dcrOpfer der russischen Jndenexzesse eingeleiteten Spendensammlung beträgt bis heute einschließlich der für die nächsten Tage avisierten Sendungen ungefähr 600.000 K. Ansgegeben wurden für Rechnung der vereinigten europäischen und amerikanischen Hilfsorganisationen zur Linderung der ersten Not der Hinterbliebenen der Ermordeten zirka 200.000 Rubel (500.000 Ui), während die auf viele Millionen sich belaufenden Ausgaben für die dauernde Versorgung der Waisen und die Wiederherstellung der Existenz der Beraubren erst nach Einlangen der genauen Berichte der gegenwärtig in Rußland weilenden Konimission von Vertretern der westeuropäischen Hilfsorganisation einzeln auf Grnnd der vorzulegenden genauen Daten bestimmt werden sollen. Mit Rücksicht auf die Störungen im Post- und Telegraphenverkehr, durch welche auch die regelmäßige Berichterstattung von den von den Exzessen betroffenen Orten unterbrochen wurde, sind außer dem erwähnten Betrag unaufschiebbare Auslagen zu Gunsten der südrussischen Gemeinden größere Summen zur Verfügung gestellt worden. Dem Bureau der „Israelitischen Allianz" sind mehrere Zuschriften zugegangen, in welchen Familien sich in hochherziger Weise bereit erklären, Waisenkinder nach ermordeten russischen Juden in Erziehung zu nehmen. Es kann in Bezug darauf mitgeteilt werden, daß seitens der vereinigten Organisationen der Plan erwogen wird, diejenigen Kinder, die beide Eltern verloren haben, eventuell außerhalb Rußlands verschiedenen Familien oder Waisenanstalten zur Erziehung zu übergeben. Näheres wird darüber erst nach Vorliegen von ausführlichen Berichten aus den betroffenen Orten bestimmt werden können. Wien. Samstag, den 25. November, erschien eine Deputation des Verbandes der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen, bestehend aus dem Obmaune Herrn Rabbiner Dr. D. Feuchtwan g, den Professoren Dr. Ad. Weiß und Dr. H. P o l l a k, bei dem neuen Leiter des Ministeriums für Kultus und Unterricht, Herrn Baron v. Dienert h, um denselben im Namen des Verbandes zu begrüßen und ihn um die Förderung der Interessen des Religionsunterrichtes und der Religionslehrer zu bitten, zu welchem Behufe eine Abschrift der Petition überreicht wurde, welche schon vor Monaten dem früheren Minister für Kultus und Unterricht Ritter v. H a r t e l übergeben worden war. Der Obmann richtete an Se. Exzellenz eine schöne Ansprache, worauf dieser in sehr freundlichen Worten erwiderte und versprach, den Inhalt der Petition genau zu prüfen und den vorgebrachten Bitten und Wünschen nach Tunlichkeit zu entsprechen. Hierauf begab sich die Deputation zu dem neuernannten Präsidenten des k. k. niederösterreichischen Landesschulrates Herrn E. v. M a r e n z e l l e r, um bei demselben in gleichem Sinne vorzusprechen. Der Herr Präsident empfing die Deputation in der freundlichsten Weise, richtete eine Reihe von Fragen an die erschienenen Herren, ließ sich über manche Verhältnisse des Religionsunterrichtes genau Bericht erstatten und versprach in seinem Wirkungskreise die angestrebten Ziele und Zwecke gerne zu fördern. — Montag, den 27. November, begab sich wieder eine Deputation, bestehend aus dem Obmannstellvertreter Prof. Dr. Äd. Weiß (der Obmann Rabbiner Dr. D. Feuchtwang fühlte sich unpäßlich) und dem Schriftführer Prof. Dr. H. P o l l a k, zu dem gewesenen Unterrichtsminister R. v. H a r t e l, um demselben anläßlich seines Scheidens aus dem Amte den vollsten Dank des Verbandes zu überbringen und ihm einen heiteren Lebensabend zu wünschen, wobei Prof. Dr. Weiß herzliche Worte sprach. EMllenz v. Härtel erwiderte, daß ihn diese Kundgebung sehr freue, sprach sich bei diesem Anlasse über das Wirken der israelitischen Religionslehrer in höchst anerkennenden Worten aus und bat, seinen Dank und Gruß den anderen Herren zu übermitteln. Wien. (Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis.) Samstag, den 25. v. M. fand die diesjährige Generalversammlung des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. Alois Klemperer, begrüßte die erschienenen Mitglieder und Gäste, namentlich Herrn Hoftat Sigmund T a u s s i g als Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde, die Vertreter folgender Vereinigungen: „B'nai B'rith", „Frauenhort". „Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender", „Verein zur Hebung der Gewerbe", die Herren Rabbiner Dr. E. David, Dr. D. Feuchtwang und Doktor A. K a m i n k a, Herrn Emil Horner als Vertreter des Bankhauses S. M. von Rothschild und die Vertreter der Presse. Die Herren Oberrabbiuer Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Max Grunwald und David Ritter von G u t m a n n hatten ihr Fernbleiben entschuldigt. Dann erstattete der Obmann des Exekutivkomitees, Herr Dr. Bela Taussig, den Jahresbericht. Man erfuhr aus demselben, daß der Verein im abgelaufenen Berichtsjahre neuerliche, und zwar bedeutende Fortschritte gemacht hat. Es wurde eine Bermittlungsziffer von 3013 gegenüber 2524 im vorhergehenden Berichtsjahre, also eine Steigerung von fast 20% erhielt. Im ganzen sind seit Gründung des Vereines — vor sechs Jahren — 13244 Vermittlungen durchgeführt worden. Wie groß der Betrieb und

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