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Die Wahrheit · 1905-12-08 · Heft 47 (8.12.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 47 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 5. Nr. 47. Bislang hat man in jüdischen Gemeinden.bei Verfolgungen und Niedermetzelungen von Juden in irgend einem Lande allenthalben getrauert, ein Fasten abgehalten,, besondere, auf die unglücklichen Ereignisse gedichtete Bußgebete mit schmerzerfülltem Herzen und trauernden Augen in den Synagogen vorgetragen und Geldspenden für die/beraubten und armgewordenen Geretteten gesammelt. Jetzt will man zwar auch den unglücklichen Opfern des gottlosen Fanatismus und der unmenschlichen Raubuud Mördsucht helfend beistehen, aber nur mir dem, was nach Abzug der Kosten für Tanz und Unterhaltung übrig bleiben wird. Das haben gewiß die ob ihres Glaubens grausam ermordeten Juden in den schrecklichen Augenblicken, wo sie gemartert wurden, nicht geahnt, daß man bei der Nachricht davon irgendwo bei Juden die Lust zum Tanzen und Unterhalten, wenn auch zu Gunsten ihrer verwaisten Hinterbliebenen, verspüren wird. Die jungen Damen und Herren von Prtschitz und Umgebung täten daher jedenfalls besser und würden viel mehr im Sinne und Geiste des Judentums handeln, wenn sie das Tanzen für jetzt sein ließen und die Kosten eines Kränzchens samt dem gewöhnlichen Reinerträgnisse eines solchen unter sich sammeln und dem vor Augen gehabten Zwecke zuführen würden. Wenn man schon nicht fastet und Bußgebete betet, wie das an vielen Orten Deutschlands geschehen ist, so soll man doch auch in Böhmen wenigstens nicht tanzen und sich unterhalten. Selbst bei Buße und Fasten besteht, nach einem talmudischen Ausspruche, das dabei Verdienstvolle in dem mit Fasten verbundenen Almosengeben. Ein Reinerträgnis von einem Kränzchen aus solchem Anlasse wäre nicht rein, sondern blutbefleckt und tränenden etzt. Solche Verkehrtheiten können übrigens nur in einem Lande Vorkommen, wo für die Rabbiner in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht allein der Talmud und dessen Literatur, sondern jedes unpunktierte hebräische Buch ein Buch mit sieben Siegeln ist (für manchen von ihnen hat auch ein punktiertes diesen Charakter, wenn nicht eine deutsche oder tschechische Uebersetzung neben dem hebräischen Textö steht); wo jüdische Trauungen und Hochzeiten in nichtjüdischen Gasthäusern und Restaurationen stattfinden; wo anläßlich von Synagogeneinweihungen veranstaltete Bankette ebenfalls in solchen Lokalen abgehalten werden. Bei uns zu Lande bekommt man wirklich Dinge zu sehen und zu hören, welche das bekannte Wort Ben Akibas: „Alles schon dagewesen" Lügen strafen. Was die Metropole des Landes, Prag, betrifft, so hat dort, wie im „Prager Tagblatt" zu lesen war, Sonntag, am 19. November, eine vom Vereine „Bar Kochba" einberufene Protestversammlung stattgefunden, in welcher der Präsident und der Oberrabbiner der Prager Kultusgemeinde anwesend waren und in der nebst zwei Studenten Herr Dr. Heinmann aus Berlin als Redner auftrat. Am selben Tage fand auch in der Zigeunersynagoge und eine Woche später im Tempel in der Geistgasse ein Trauergottesdienst statt. Auch in den Vororten von Prag in Karolinental und Smichow wurden besondere Trauergottesdienste veranstaltet. Wahrscheinlich ist das noch in vielen anderen Gemeinden Böhmens der Fall gewesen, wenn auch nichts davon in den Zeitungen zu lesen war, wie denn auch in allen Gemeinden Sammlungen eingeleitet worden sind. So ersteulich nun einerseits diese Offenbarung jüdischer Zusammengehörigkeit ist, so betrübend ist es andererseits, daß zu gleicher Zeit jüdische Jünglinge und Jungfrauen, von welchen es in jedem arischen Ballkomitee je ein Paar gibt, auch in diesem für die Juden der ganzen Welt so traurigen Jahre nichts Besseres zu tun wissen, als Geld bei Juden zu sammeln und zu Veranstaltungen zu verwenden, zu welchen sie selbst, wie sie ganz gut wissen, nur ihres Geldes wegen zugelassen werden. Möchten doch diese solch große Selbstverleugnung und Opferwilligkeit bekundenden jüdischen Jünglinge und Jungfrauen in diesem Jahre ausnahmsweise an die Taschen ihrer arischen Freunde und Freundinnen zu Gunsten der Opfer russisch-arischer Greuel appellieren! Jüdischer Gernemdetag in Kroatien. Sonntag, den 21. November, vormittags um ^11 Uhr, fand im Agramer jüdischen Gemeindehause die angekündigte Versammlung der Vertreter der jüdischen Kultusgemeinden des ganzen Landes statt. Anwesend waren die Herren Oberrabbiner Dr. Hosea I a c o b i, Vorsteher Josip S i e b e n s ch e i u, Sekretär Josip R e n d i, Abgeordneter Dr. Ljndevit Schwarz, die Vorstandsstellvertreter Tr. Goldmaun und Lav. Königsberg (Zagreb), Rabbiner - Dr. S- Ungar und Dr. Hugo Spitzer (Osijek), E b e n s p a.n g er tBjelovar), Jakob Kohn (Brod), Marko Baue r (Cernik), Rabbiner Dr. Lazar R o t h, Adolf K o h n (Djakovo), Jakob H i r s ch l e r (Kaprivnica), Marko Brey er (KriLevei), Vilim Scheyer (Ludoreg), Josip F l e i s ch m a n n (Mitrovica), Rabbiner Sam. Winter und Makso Fischer (Naschice), Dr. V. Reiner (Karlovac), Rabbiner Dr. M. Marge! und Makso Steinen- (PoLega), V. Reiß (Sisak), Oberrabbiner Dr. Jg. Ernst, Adolf P l a ch t e, Alb. Broch (VaraLdin), Rub. Salomon N e u m a n n (Vinkovci), Oberrabbiner Dr. Julio Diamant (Vukovar), Mavra Binder (Zemun). Vorsteher Josip Sieben sch ein begrüßt die Versammlung namens der Zagreber jüdischen Gemeinde, worauf er zum Vorsitzenden und zu Stellvertretern Dr. Hugo Spitzer (Osijek) und Adolf Plachte, zum Schriftführer Sekretär Josip R e n d i, zu Berichterstattern Dr. Spitzer und Dr. Dragutin Goldmann gewählt werden. Dr. Spitzer betont, daß die Versammlung nur den Zweck habe, auf die Mängel der von der Regierung ausgearbeiteten Gesetzesvorlage über die Regelung der jüdischen Gemeindeversassung aufmerksam zu machen, nachdem die Regierung bedauerlicherweise die Gemeinden nicht vorher befragt hatte. Zu § 14 der Vorlage bemerkt er, daß er die Nichtgleichberechtigung der Juden mit den anderen Konfessionen enthalte, da er den Uebertritt zur jüdischen Konfession nicht gestattet. Ten Juden seien die Proselyten keineswegs erwünscht, doch müssen sie Gleichberechtigung fordern. Redner bemängelt es, daß den anderen Konfessionen ein Beitrag aus Landesmittelu zugewiesen sei, den Juden aber nicht, ferner, daß die Aufsicht über die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden den Lokalbehörden überlassen sei, während über die griechisch-orientalischen und protestantischen Gemeinden der Banus selbst die Aufsicht habe. Rabbiner Dr. Julije Diamant-Vukovar weist darauf hin, daß bereits mit Verordnung vom 4. April 1884 der in Wien vom Christentum zum Judentum stattgefundene Uebertritt in Kroatien gültig sei. Auf eine im Landtage gestellte Interpellation wurde vom Kultuschef Voncina erklärt, daß in einem zu schaffenden Gesetze der Uebertritt zum Judentum gestattet werden wird. Rabbiner Dr. Ungar-Essegg betont, daß nach § 80 des interkonfessionellen Gesetzentwurfes alle früheren widersprechenden Gesetze und Verordnungen außer Kraft treten. Daher wird also die Gleichberechtigung der Juden aufgehoben werden. Wir Juden brauchen keine Proselyten. aber wir müssen die Möglichkeit dazu haben. Rabbiner N e u m a nn - Vinkovce erklärt, daß mit der Verfügung des neuen Gesetzes kein Uebertritt zum Judentum gestattet sei, darin liege ein Schutz des jüdischen Volkes gegen eventuelle Verfolgungen. Darum möge der § 18 mit der Begründung unverändert bleiben. Rabbiner Winter und Makso Steiner wünschen unbedingte Aenderung der Bestimmung, damit die jüdische Religion nicht als minderwertig erscheine. Oberrabbiner Dr. Hosea I a c o b i - Agram betonte ebenfalls, daß die jüdische Religion Proselyten nicht begünstige, aber unwichtig ist die Frage nicht; denen viele treten heute aus dem Judentum aus, weil die Heiraten mit Christen nicht gestattet seien, sowie wegen Schwierigkeiten bei der Kindererziehung, Wir Juden haben diese Frage nicht auf das Tapet gebracht; aber jetzt müssen wir Stellung nehmen. Sind wir gleichberechtigt, so

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