Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 47 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. da in dieser Sektion die Genossenschaft der handelsgerichtlich nichtprorokolllerten Handelsagenten die Majorität bildet, wurde dieselbe seitens des liberalen Zentral-Wahlkomitees aufgefordert, zwei Kandidaten aüfzustellen, die auch seitens der Partei offizielle Anerkennung uub Unterstützung finden sollten. Die Genossenschaft kam dieser Aufforderung nach und stellte zwei Vorstandsmitglieder, die allerdings Juden waren, als Kandidaten auf. Nach einigen Tagen erhielt sie jedoch eine Zuschrift seitens des Zentral-Wahlkomitees, daß der eine der Namen gestrichen werden müsse, weil er zu prononziert jüdisch klinge, und in kurzer Folge darauf eine zweite Zuschrift, daß überhaupt nicht Juden, sondern nur Arier kandidiert werden müssen. Die Genossenschaft wies dieses sonderbare „liberale" Anerbieten mit Entrüstung zurück und wird nunmehr ihre Kandidaten für die bevorstehende Wahl selbständig aufftellen. So sieht also der Einfluß der Juden auf die liberale Partei und das Entgegenkommen der letzteren gegenüber den Juden aus! * Sowohl die Haltung der Sozialdemokraten gegenüber der Anregung Dr. Strauchers bezüglich der Wahlreform als auch die Erscheinungen bei den gegenwärtigen Handelskammerwahlen in Niederösterreich beweisen ganz offenbar, daß die Juden weder bei den Sozialdemokraten noch bei den Liberalen aufrichtige politische Unterstützung finden und daß sie am besten täten, ihre Kräfte nur für sich auszunützen und ihre eigenen Wege zu gehen. Durch eine solche Haltung würden sie auch davor bewahrt werden, jederzeit als Prügelknaben anderer politischer Parteien behandelt zu werden, und es wäre auch dem Herrn Dr. Lueger nicht Anlaß gegeben gewesen, solch infame Verdächtigungen und unerhörte Drohungen gegen die Juden loszulassen, wie er dies vorgestern im christlichen Wählerverein „Donaustadt" tat. Bei Besprechung der Wahlrechtsfrage sagte er nämlich folgendes: „Die Bewegung in Wien fußt eigentlich auf den Resultaten der Bewegung in Rußland. Das Manifest des Zaren von Rußland war das eigentliche Signal für die Ereignisse, die sich in der letzten Zeit bei uns in Oesterreich und in Wien zugetragen haben. Charakteristisch ist, daß, solange nur Großfürsten und andere maßgebende Persönlichkeiten in Rußland umgebracht wurden, man nur immer nicht so sehr von den Ermordeten als von den Mördern, den Märtyrern ihrer Ueberzeugung, sprach und schrieb. In der letzten Zeit ist nun einzelnen russischen Volkskreisen eingefallen, daß das, was die Juden und ihre Verbündeten, die Revolutionäre, in Rußland treiben, doch etwas zu stark ist, und so enfftanden plötzlich die sogenannten Judenhetzen und Judenverfolgungen, und da hörten die Mörder auf Märtyrer zu heißen, weil die Opfer Juden waren, und ganz Europa und Amerika, die ganze Welt, wo Menschen wohnen, wurden in Bewegung gesetzt und aufgefordert, die russischen Juden zu schützen. Ich warne speziell die Juden in Wien, nicht auch so weit zu gehen wie ihre Glaubensgenossen in Rußland und sich nicht allzusehr mit den sozialdemokratischen Revolutionären einzulassen. (Mit erhobener Stimme.) Ich warne die Juden deshalb nachdrücklichste; es könnte vielleicht das eintreten, was in Rußland eingetreten ist. Wir in Wien sind Antisemiten, aber zu Mord und Totschlag sind wir gewiß nicht geschaffen. Wenn aber die Juden unser Vaterland bedrohen sollten, dann werden auchwirkeineGnadekennen." Daß ein Antisemitenlehrer die Geschichte durch lügenhafte Erfindungen zu Ungunsten der Juden zu entstellen sucht, ist nichts Neues mehr und darüber wollen wir uns nicht sonderlich ech auffieren; aber daß Dr. Lueger uns Juden als Staatsfeinde proklamieren möchte und daß ein Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien solche aufreizende Reden führt, dagegen müssen wir mit aller Energie protestieren, und das werden wir Juden auch nicht ruhig hinnehmen. Daß aber der Bürgermeister überhaupt in so bewegten Zeiten solche rethorische Brandraketen wagen darf, ohne von der Regierung an seinen auf die Staatsgrundgesetze geleisteten Eid erinnert zu werden, das ist ein trauriges Zeichen der gegenwärtigen politischen Situation in Oesterreich. Eine würdige Antwort auf die Drohung Dr. Luegers hat Oberrabbiner Dr. Güdemann in folgender an die Redaktion der „Neuen Freien Presse" gerichteten Zuschrift gegeben: „Geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir mit Bezug auf den Bericht im heutigen Morgenblatt über eine im Wählerverein „Donaustadt" vom Herrn Bürgermeister Dr. Lueger gehaltene Rede, andiesen die öffentliche Anfrage zu richten, ob die Judenmassakres in Rußland zu weiter nichts angeregt haben, als dazu, wie er getan, die hiesigen Juden zu „warnen", damit es ihnen nicht ebenso ergehe. Ich für meinen Teil wäre ihm für die leiseste Bekundung christlichen Erbarmens mit jenen Hingemordeten dankbar gewesen, seine „Warnung" werfe ich ihm vor die Füße. Ich bin gewiß, daß alle meine Glaubensbrüder in Wien ebenso denken. Hochachtungsvoll Dr. M. Güdemann, Oberrabbiner in Wien." Diese von flammender Entrüstung getragenen Worte des Oberrabbiners werden bei unseren Glaubensgenossen gewiß einen mächtigen Widerhall finden. * * In derselben Versammlung sprach Dr. Lueger auch über die „Los von Rom"-Bewegung. Die Sache an sich würde uns wohl wenig interessieren, aber immerhin ist es bemerkenswert, wie man selbst in antisemitischen Kreisen in Deutschland diesbezüglich über Dr. Lueger urteilt. In einem Artikel mit der Überschrift „Luegerische Unverschämtheiten" übt nämlich die antisemitische „Deutsche Wacht" in Dresden an dem Verhalten des Wiener Bürgermeisters und Antisemitenführers auf dem fünften österreichischen Katholikentage eine Kritik, der wir folgende Kraftstellen entnehmen: Wir haben die Vielseitigkeit des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Karl Lueger schon oft anerkannt und sein „segensreiches" Wirken mehrfach zum Gegenstand ausführlicher Betrachtungen gemacht Wir wissen, daß es ihm trotz seiner antisemitischen Neigungen nichts verschlägt, Juden für den Vizebürgermeisterposten zu wählen, wir kennen seine sonstigen vielfachen Verbindungen mit Israel, wir wissen aber auch, daß ihm das Heil Roms am Herzen liegt und Betbruderschaften und Betschwestern stets auf seine Unterstützung rechnen können, kirchliche Bittgänge und Prozeffionen niemals ohne seine höchsteigene Mitwirkung stattfinden. Jetzt aber, auf dem Ultramontanentag, hat sich der Wiener Oberbonze selbst übertroffen. Er sprach über die „Los von Rom"-Bewegung und behauptete dabei, „im Deutschen Reiche würden Riesenopser gebracht, um das österreichische Volk dem katholischen Glauben abwendig zu machen und dem protestantischen Bekenntnis zuzuführen." Aber diese Tendenz sei durchsichtig. Katholiken könnten die Preußen nicht brauchen. Schließlich denke doch jeder draußen: Na, vielleicht kriegen wir doch einmal die österreichischungarischen Provinzen. Der Katholizismus sei die beste Versicherung dagegen „daß wir nicht eines schönen Tages als unfreiwillige Preußen erwachen." Weiter nagelt das antisemitische Blatt den Ausfall Luegers gegen die deutschprotestantischen Pastoren in Oesterreich als „niederträchtigste Denunziation" fest und bezeichnet es als eine „Gemeinheit," daß Lueger diejenigen Leute, die infolge der „Los von Rom"-Bewegung vom Katholizismus abgefallen sind, ..Povelware' genannt habe. Wie wir also sehen, genieren sich auch deutsche Christen nicht, Herrn Dr. Lueger der niederträchtigsten Denunziation zu zeihen. Krief ans Köhmen. Die russische Tragödie, die Millionen von jüdischen Herzen erzittern macht und selbst nichtjüdische Herzen, aus denen menschliches Fühlen und Empfinden noch nicht, wie bei den Antisemiten von Wien und Berlin, ganz geschwunden, mit Schmerz und Mitleid erfüllt, ermangelt auch der Komik nicht. Oder ist es keine Komik, wenn man in der Rubrik „Vergnügungschronik" eines Prager Blattes die Notiz liest: „Am 17. Dezember veranstalten die jungen Damen von Prtschitz und Umgebung ein Kränzchen in Sedlitz an der Franz Josefs-Bahn. Das Reinerträgnis wird den unglücklichen russischen Juden gewidmet."