Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 47 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aßr^eil Redaktion ii. SlbniiniftratiOH: Wien, II/, Rovaragasse 27. T^tephou Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Noiipareille-Zeiie. Slbouiiemeutsu. JusertionSbeträze und iu Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitfchrifl für Mische Interessent Kr scheint jeden Kr eitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verugsznreis: I Ganzjährig ... St. 12.— Halbjährig ... St. 6 —! Für Cultusbeamte: l! Ganzjährig . . . St M> — jj Für Ausland: | Ganzjährig . . . s Mark!j 6 Rubel oder 16 Acr. Ur. 47. Wien, 8. Dezember H)05. Znhalt: Aus der Woche. — Brief aus Böhmen. — Jüdischer Gemeindetag in Kroatien. — Ans der Wiener Kultusgemeinde. — Zur Lage der Juden in Russisch-Polen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Emigrant. Ans der Woche. Die politische Lage in Oesterreich wird gegenwärtig durch die Frage der Wahlreform beherrscht und nach den Straßendemonstrationen der Vorwoche melden sich jetzt im Reichsrate die Führer der einzelnen politischen und nationalen Parteien zum Worte, um ihre Stellung zum allgemeinen Wahlrechte zu präzisieren. Dem in unserem letzten Lemberger Briefe ausgesprochene^ .Gedanken, daß es jetzt, für die Juden in Oesterreich an der Zeit sei, die Forderung nach eigenen Vertretern geltend zu machen, gab auch der ruthenische Abgeordnete Rom anezuk Ausdruck, indem er es als ganz natürlich hinstellte, daß auch die Juden sich auf nationaler Basis organisieren. In viel kräftigerem Tone jedoch vertrat ein jüdischer Abgeordneter, aus der Bukowina, Dr. Strauche r, diesen Standpunkt. Er sprach sich zunächst mit großer Entschiedenheit für die Wahlreform aus und kam sodann auf die in „gewissell jüdischen Kreisen" herrschende Bewegung nach Schaffung einer nationalen Autonomie für die Juden zu sprechen. Die Juden, so meinte er, betrachten sich, wie jedes andere Volk im Reiche, als eine politische Individualität und verlangen ihre Berücksichtigung zunächst auch bei der Schaffung der Wahlreform. Auf den wenig geschmackvollen Zwischenruf des polnischen sozialdemokratischen Abgeordneten D a s z y n s k i: „Will man Jargongymnasien oder nicht?" gab Dr. Strauch er folgende treffende Antwort: „Darum handelt es sich nicht! Es kann ein Volk, das die Sprache eines anderen Kulturvolkes spricht, doch eine eigene nationale und politische Individualität besitzen. Der Ministerpräsident hat ausdrücklich hervorgehoben, die Regierung dürfe die nationale Vertretung eines Volksstammes nicht verkümmern, weil sonst das Parlament nicht ein richtiges Bild Oesterreichs wäre. Ob die gekennzeichnete Bewegung der Judenschaft gerechtfertigt sei oder nicht, bleibe unervrtert, sie besteht, und deshalb muß die Regierung bei der praktischen Durchführung der Wahlreform ihr einige Beachtung schenken. Ich weiß, daß die Besprechung einer derartigen Frage hier im Hause nicht populär ist. Aber so wie jeder Abgeordnete habe auch ich Pflichten gegenüber meinem Volke und ich würde mir selbst verächtlich erscheinen, wenn ich nicht den Mut hätte, die Jnterssen meines Volkes zu vertreten, das ja stets beschimpft, zurückgesetzt und geknechtet wird. Uns, die wir in Ländern wohnen,! wo große Massen der Juden nebeneinander leben, dürfen sie es > nicht verargen, wenn wir hier die Interessen eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung verteidigen, der in Angst darüber ist, daß er bei Schaffung eines Volkshauses unvertreten bleiben könnte. Ich weiß, wir sind ein nebensächlicher und schwacher Faktor, aber wenn schon Recht geschaffen wird, mag es geschaffen w er d en n a ch allen Seit en." Ueberaus bemerkenswert ist, daß die sogenannten liberalen Blätter die Aeußerungen Dr. Strauch ers nur stark verkürzt Wiedergaben, aber noch sonderbarer muß die Tatsache berühren, daß die Sozialdemokraten, diese privilegierten Vertreter des gleichen Rechtes für Alle, die den nationalen Aspirationen ihrer deutschen, tschechischen oder polnischen Gesinnungsgenossen nicht i so abhold sind, sich immer empfindlich zeigen, sobald es sich um! jüdische Interessen handelt. So glaubte auch die von den Antisemiten als unter jüdischem Einfluß stehend verschrieene „Arbeiter-Zeitung" die Rede Dr. S t r a u ch e r s mit! der mokanten Bemerkung abzutun, „daß Dr. S t r a u ch e r den! seltsamen Ehrgeiz hatte, den zum Schimpf der Juden ersonnenen! Einfall des ..Deutschen Volksblatt" einer nationalen Kurie für die Juden allen Ernstes zu vertreten." Die „Arbeiter-Zeitung" möge beruhigt sein, diesen Schimpf werden wir Juden sehr leicht ertragen, ja ein sehr großer Teil! derselben wird seinen Führern besonders dankbar sein, wenn sie > nach der von Dr. S t r a u ch e r angedeuteten Richtung eine j energische Aktion entfalten wollten.! * I Die Antisemiten, die durch ihre bisherigen Erfolge über-! mütig gemacht, gerne auch die Wiener Handels- und Gewerbe- > kammer erobern möchten, können ihren Aerger darüber nicht : verhehlen, daß sie hier nicht an der Schüssel sitzen, um ihre bekannten Wahlkünste spielen zu lassen, und sie. denen sonst kein Kniff und kein Mittel zu schlecht ist, spielen sich jetzt, da einige Mandate in der Kammer zur Besetzung gelangen, plötzlich als! Wahlkatone auf und schimpfen weidlich über Wahlmißbräuche! der liberalen Partei, die ganz unter dem Einflüsse des jüdischen Geldes stehe. Daß dieser Einfluß, der bei dem großen Prozentsatz von! Juden in Handel und Gewerbe besonders in Wien ein allerdings vollkommen berechtigter wäre, in Wirklichkeit jedoch nur eine Chimäre ist, beweist folgender Vorfall: Für die Handelssektion i der vierten Wahlkategorie sind zwei Mandate zu besetzen und