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Die Wahrheit · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit Sette 7. Ix. 46. .?> Andere mehr. Man betrachtete und behandelte die Juden '• wie etwa Kolonialübermenschen die Neger oder sonstige ,'de Völkerschaften, wo es weiter nicht darauf ankommt, ob üan Einige, Dutzende, Hunderte spaßeshalber oder aus sonstigen ^ivolen oder verbrecherischen Gründen mit mehr oder weniger lnmenschlichkeit umbringt. Und nicht nur die russischen Machthaber handelten so, sondern sie erzogen durch die differenzielle Behandlung der Juden das ganze russische Volk systematisch dazu, sie als gelegentliche Brandschatzungsobjekte, als eventuell vogelfreie Geschöpfe anznsehen. Es liegt uns natürlich sehr fern, die Lage der Inden in 'Rußland mit derjenigen der Inden in Deutschland in Parallele .zu stellen. Es wäre dies eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit Legen Deutschland und die deutschen Juden sind ganz gewiß die allerletzten, sich des großen Unterschiedes nicht sehr wohl bewußt zu sein. Aber die höhere Bildung der deutschen Juden und ihre durch die Verfassung verbürgte bürgerliche Gleichstellung macht sie ganz naturgemäß und mit Recht empfindlicher Legen eine verfassungswidrige differenzielle Behandlung. Was die Juden veranlaßt, mit solcher Hartnäckigkeit aus ihrem legalen Scheine zu bestehen, zu verlangen, daß auch sie, sofern sie sich persönlich dazu qualifizieren, Reserveoffiziere, Leutnants und dergleichen mehr werden, das ist die Erwägung, daß, so lange sie es nicht werden, sie als Bürger zweiter -Klasse behandelt und vom Volke denn auch nicht für voll angesehen werden. Das aber wiederum hat zur weiteren Folge, daß gewissenlose Menschen es gelegentlich für angebracht halten, auf die jüdische Gesamtheit zu hetzen und damit bei den Massen, die ja stets vor Angen haben, daß von Staatswegen die Juden in der Tat znrückgesetzt werden, Anklang finden können. In welchem Maße das der Fall ist, haben wir ja seit mehr als nein Vierteljahrhnndert zu sehen sattsam Gelegenheit gehabt, und würden wir, falls der Nährboden durch irgend welche widrigen-Verhältnisse günstiger gestaltet werden sollte, vielleicht schaudernd zu erleben Gelegenheit erhalten. Aber die Wirkung der differenziellen Behandlung äußert sich nicht nur nachteilig für die Juden, sondern in viel -schlimmerer und geradezu demoralisierender Weise auf die vifferenziell Behandelnden. Unrecht leiden mag schmerzlicher sein, aber es demoralisiert nicht so, als Unrecht tun. Minister oder Offizierkorps oder Justizbehörden, die Juden verfassungswidrig nicht anstellen, hinausballotieren, boykottieren, verletzen bewußt nicht nur das Recht, das das Fundament des Staates ist, sondern des Fundamentes Fundament, den Eck- und Grundstein des Staatsgebäudes. Und durch nichts wird der Staatskörper so sicher unterminiert, wie durch offenbare Ungerechtigkeit. So ist es auch in Rußland gegangen, bis das Reich dahin kam, wo es jetzt angelangt ist. Odessa nach de» Krawallen. In unserer blühenden Stadt, von den Franzosen „Le petit Paris“ genannt, die in den schwarzen Oktobertagen zu einem schrecklichen Schlachtfelde umgewandelt wurde, ist jetzt Waffenstillstand eingetreten. Der Henker, Gouverneur General Neidgart, ist seines Postens enthoben und General Grigoriew .zu seinem Nachfolger ernannt worden. Ordnung ist wohl versprochen worden, wir leben aber leider in einer solchen Zeit .des Mißtrauens, daß kein Mensch etwas auf Versprechungen gibt. In allen Teilen der Stadt patroulieren Wachen aus der Rotte Kaulbars, die in den.Unglückstagen den berühmten Befehl Trepows, keine Kugeln zu sparen, so treu an den ruhigen, armen Juden befolgten, im Vereine mit den renniformierten Polizisten, die unlängst als verkleidete Rädelsführer der Chuligani fungierten. Dies sind die Wachen, die die gewünschte Ruhe einführen sollen, und es wird wohl niemand Wunder nehmen, daß solche Schutzleute mehr Angst als Ruhe einflößen. Nur bei Tage ist noch etwas Leben und Verkehr in den Straßen, dagegen von 5 Uhr abends bis zum nächsten Morgen werden die Häuser fest geschloffen, und draußen wird es öde, weil die Wachen noch mehr als die Chuligani gefürchtet sind. Diejenigen Einwohner, die gezwungen sind, die Gassen zu passieren, werden von den Wachen, ohne Unterschied des Geschlechtes, strenge untersucht, ob sie keine Bomben bei sich haben. Daß die Untersuchten dabei ihres Geldes, Schmuckes, sehr oft auch ihrer Kleidung loswerden und außerdem als Zugabe ein Paar Fäuste in die Zähne kriegen, ist selbstverständlich. Darin liegt ja der Humor der chuliganischen Strategik. Die Universität ist täglich für politische Versammlungen, aber nicht für Studien offen, die Normal- und Mittelschulen sind aber ganz gesperrt, weil das Leben der Schüler und Schülerinnen von der schwarzen „Sotnie" und den Chuliganen auf der Straße bedroht ist. Alle jüdischen Vorbereitungs- und Professionalschulen dienen als Sammelstellen für die beraubten Familien, die Witwen und Waisen. Das Personal der italienischen Oper und der russischen Operette ist entlassen, und das ganze gesellschaftlu" . Leben in den Familienkreisen, wie in den Kaffee- und Teehätnern wie auch in den Klubs hat zur Abendzeit total aufgehört. Auch die großen Synagogen sind alle geschlossen. Im Schaloschen Tempel wurden Kantor und Chor entlassen, im Stadttempel der Chor halbiert, und auch die Brodyer Synagoge ist geschlossen, vielleicht wagen wir es, am nächsten Sabbatmorgen einen kleinen Gottesdienst abzuhalten. Die Witwen, Waisen und Beraubten werden gespeist, gekleidet und nach Möglichkeit mit Geld versehen, um ihre Gewerbe und Läden zu renovieren. Ans den Straßen begegnet man aber immer noch auf Schritt und Tritt vielen Verwundeten. In der Vorstadt Slobodka Romanowka wurden 60 Mitglieder umgebracht, die Synagoge total demoliert, die Thorarollen geschändet und zerfetzt, und der Chasan ist zum Bettler gemacht worden. Der alte Rabbi Leibesch Chasan wurde auf seinem Wege von dem Gottesacker nachhause von einem Kosaken niedergeschossen. Der Rabbiner Slouschtsch wurde beraubt und geprügelt, und nur durch ein Wunder ist er am Leben geblieben. Auch ich und meine Familie waren zweimal in Lebensgefahr. Gott sei Dank, sind wir aber gerettet worden. Eine Horde Chuliganis war schon an meinem Hause und nahe daran, das Tor einzubrechen, aber sie waren mit geraubten Sachen so schwer beladen, daß sie nachhause eilten, um das Geraubte aufzubewahren, und dann mich nicht mehr mit ihrem Besuche beehrten. Mit einem Worte. Odessa ist bereichert worden mit einem Proletariate von 40.000 Leuten, die nun ganz und gar auf der schon ohnehin ökonomisch gedrückten Lage der jüdischen Gemeinde lasten. Eines ist gewiß: hätten die Soldaten Kaulbars, in diesem Ueberfalle sich nicht gegen die Juden gewendet, es wäre kein einziger Chuligan am Leben geblieben. Auch jetzt ist die Zahl der gefallenen Chuligani doppelt so groß wie die Zahl der jüdischen Opfer; ein Zeichen dafür, wie heldenhaft die Juden sich verteidigt haben. Das Traurige dabei ist die Ungewißheit der Zukunft und die allgemeine Demoralisation des Volkes. P. Minkowsky. Jüdische Frauen und Mütter! Das tieftraurige Schicksal unserer Glaubensgenossen in Rußland legt uns die Pflicht ans, den an unseren Verband sich wendenden Emigranten-Franen und Kindern das Allernötigste an Wäsche zu geben. Helfet das nackte Elend bekleiden! Um außer Verwendung gesetzte Bett-, Leib- und besonders Kinderwäsche bittet der Verband zur Unterstützung armer i s r a e l. Wöchnerinnen. I., Seitenstettengasse 2, an den auch schriftliche Aufträge, die milden Spenden abzuholen, gerichtet werden können. Baronin Charlotte v. K ön i g s w ar t er, Präsidentin. Nerschiedene Nachrichten. Wien. (Predigt.) Freitag, abends, am 1. Dezember 1905, Predigt im Stadtteinpei. Wien. iSemeinbetempel, XY., Turnergasse 22.) Samstag, beit 2. Dezember d. I., 5 Uhr itachmittags, findet anläßlich des Thronbesteigungstages Sr. Masestät des Kaisers ein Festgottesdienst mit Predigt statt. — Die nächste Freitagabend-Predigt ist auf den 15. Dezember a. c. festgesetzt. Wien (Bortr äg e a n s j ü d i s ch e r Geschichte. Veranstaltet vom Vorstände der israelitischen Kultusgemeinde in Wien.) Donnerstag, 7. Dezember 1905. Herr Dr. M. G r u n w a l d: „Ein jüdischer Ministerresident der Königin Christine von Schweden." (Nach neuen archivalischen Materialien.) Mit Vorführung von Lichtbildern. Donnerstag, 14. De-

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