Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 46 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 46. i-^ 'M i, Wie unglücklich erscheint dem Beobachter das jüdische Volk, welches täglich und stündlich von Esaus Mund begeifert und in den Kot gezerrt wird, ohne in sich selbst die Kraft, oder auch nur die Möglichkeit der Verteidigung zu besitzen. Wir appellieren darum an unsere Führer, die neue Zeit sehr energisch ins Auge zu fassen und beherzt an die Arbeit heranzutreten. Wer diese Epoche verschläft, begeht ein Kapitalverbrechen und besiegelt das jüdische Goluth für alle Zeiten. Samuelsohn. Discite moniti! Ihrer moralischen oder vielmehr unmoralischen Mitschuld sich wohl bewußt, haben die deutschen Antisemiten die jüngsten Judenschlächtereien in Rußland als durch die Beteiligung der Juden an der revolutionären Bewegung verdient darzustellen versucht. Sie haben sodann die Teilimhme für di. Opfer der ungeheuerlichen Judenexzesse als jüdtfch-freisinnige Mache auszugeben sich bemüht und gehöhnt, daß man doch keine Teilnahme gezeigt für die Opfer der Revolutionäre, für die Sergius und Plehwe, für die ermordeten Beamten und beraubten Gmsbesitzer u. s. w. Schließlich haben sie gar die Berichte als ungeheuer übertrieben bezeichnet. Es verlohnt kaum, auf das Unsinnige und Verlogene solcher Darstellungen näher einzugehen. Wenn die Behauptungen und Schlüsse der Antisemiten, der deutschen Antisemiten, richtig wären, warum sind die so oder so an den Judenschlächtereien beteiligten Gouverneure und Beamten abgesetzt worden? Warum entschuldigt sich Witte und ergreift in erster Reihe Maßregeln, itm neue Greuel zu verhüten und um die Haupt-Pogromhelden zur Rechenschaft zu ziehen? Sind die Erzbischöfe, Bischöfe und christlichen Geistlichen, die ihre Sympathie für die verfolgte und dezimierte russische Judenschaft öffentlich kundgegeben haben, Juden? Achten auch sie die revolutionären Handlungen, denen die Repräsentanten des russischen Willkürregiments, wie Großfürst Sergius, Plehwe und viele Andere zum Opfer gefallen sind, gleich den viehischen Ausschreitungen und empörenden Schandtaten, denen man von amtswegen Tausende und Zehntausende unbeteiligter Juden preisgegeben hat? Und wenn wirklich die im ersten Schrecken und Wirrwarr gemeldeten Zahlen der Ausgeraubten, Verstümmelten, Geschändeten und Ermordeten hie und da etwas zu hoch gegriffen sein sollten, sie sind in Wahrheit immer noch entsetzlich hoch. Um ein paar Hundert, selbst ein paar Tausend hätte die russische Regierung zumal in einer Zeit, wo im ganzen Reiche das Totschlägen die alltägliche Beschäftigung war, sich nicht zu Verhütungsmaßregeln und gewissermaßen auch zu einer Abbitte der Juden vor aller Welt bequemt. Danach wären die deutschen Antisemiten bis zur Kreuzzeitungssorte russischer als die russische Regierung. Wir würden uns freuen, wenn wir annehmen könnten, es sei ein gewisses Schamgefühl, das die deutschen Antisemiten veranlaßt, solche Drehungen und Windungen zu machen, oder daß sie sie machen, weil sie fürchten, daß sonst ihre Leser sich voll Ekel von ihnen und ihrer Verherrlichung der russischen Judenverfolgung abwenden möchten. Leider können wir solchem Optimismus uns nicht hingeben. Im Gegenteil müssen wir uns allen Ernstes die Frage vorlegen, ob wir, was bis vor kurzem zeitlich ganz unmöglich schien, nämlich die Wiederholung der allerschlimmsten mittelalterlichen Greuel, nach der von aller Welt erlittenen Enttäuschung nicht auch, was man räumlich für unmöglich zu halten geneigt sein möchte, schließlich doch für möglich halten müssen. Mit anderen Worten, ob was trotz der Entfernung vom finsteren Mittelalter im zwanzigsten Jahrhundert sich wiederholt hat, nicht trotz der Entfernung von Kiew, Odessa u. s. w. in — Deutschland auch möglich wäre? Wer, der sich der Sprache der antisemitischen Presse, der Vorgänge in Könitz und Umgegend, der Reden eines Grafen Pückler erinnert, möchte den Mut haben, unsere Frage mit voller Ueberzeugung zu verneinen? Gewiß, so leicht wie in Rußland dürsten in dem geordneten Deutschland Pogroms, wie sie Graf Pückler mit so wahnwitziger Beredsamkeit zur Freude selbst des wohlgekleideten Metropole-Pöbels empfohlen hat, nach russischem Beispiel und in russischem Maßstabe sich nicht bewer stelligen lassen. Wie aber, wenn unsere Truppen anderweiti engagiert sind? Können wir unbedingt sicher sein, daß wir unll allen Umständen uns nicht vor aller Welt so infam blamieren wie Rußland, das durch alle Niederlagen zu Wasser und zu Lande, durch alle nihilistischen und anarchistischen Schreckenstaten, weder durch fein Sibirien noch durch sein Knutenregiment, nicht so bloßgestellt worden ist, wie durch eben diese Judenschlächtereien, die den deutschen Antisemiten noch nicht zu genügen scheinen, noch nicht imponieren. Vergessen wir namentlich nicht, daß, während nicht ein einziges russisches Blatt die letzten Judenmetzeleien zu billigen gewagt hat, antisemitische Zeitungen in Deutschland, sogar die die für die vornehmen Kreise existierende „Kreuzztg.", wie wir unseren Lesern seinerzeit unterbreitet haben, so darüber sich ausließ, daß, wie ein Professor an einer Schweizer Universität schrieb, ihm der sein deutsches Vaterland über alles liebt, die Schamröte ins Gesicht getrieben wurde. Freilich ganz verschweigen oder unterdrücken laßt sich die Wahrheit nun nicht. Selbst antisemitische deutsche Blätter veröffentlichen Originalbriefe aus Rußland, die die Dinge denn doch erheblich objektiver wie die ..Kreuzztg." darstellen. Das Stöckersche „Volk" z. B. erhält über die Petersburger Schreckenstage eine sehr anschauliche Schilderung, in der es u. a. heißt: . Von anderer Seite wiederum bekommt man Zettel ins Haus, daß es jetzt gegen „Juden und Jüdlinge" —unter letzteren versteht die Masse beinahe jeden Gutgekleideten — losgehew werde." Die antisemitisch-alldeutsche „Deutsche Zeitung" wiederum bestätigt in einem Kiewer Briefe einer deutschen Russin, die den Juden alle nur erdenklichen Schandtaten nachsagt, von denen sie aber nach eigenem Eingeständnis keine einzige durch eigene Wahrnehmung bezeugen kann, daß die A b s ch l a ch t n n g der Juden in Kiew eine ganz planmäßige gewesen ist: s „Die russischen und deutschen Läden werden, so heißt es in dem Briefe, alle verschont, nur alles Jüdische ist zertrümmert worden ... Die Juden Hetze ist in vollem Gange, alle prachtvollen Buden auf dem Kreschtschatik sind zerschlagen . . . Die jüdischen Magazine alle zertrümmert und mit Brettern verschlagen, die russischenauch geschlossen, aber über diesen allen Heiligenbilder und große weiße Kreuze." Fragen wir nun: was ist die G r u n d u r s a ch e, daß Ausschreitungen, wie sie in den letzten Wochen zum Entsetzen der ganzen Welt, mit Ausnahme der deutschen Antisemiten, gegen die Juden in Rußland verübt worden sind, möglich waren, daß man sie erdenken und mit solcher Brutalität ausführen konnte? So weit wir auch spähen und blicken, wir können als Hauptursache nur erkennen, daß man in Rußland sich im Laufe der Zeit gewöhnt hat, die Juden als untergeordnete Wesen zu betrachten und zu behandeln, so daß die Russen vom Gouverneur bis zum Muschik gar nichts außerordentliches darin fanden, Juden zu plündern und zu morden. Weder ist es den Gouverneuren besonders schwer gefallen, wenn es ihnen aus irgend einem Grunde in den Kram paßte, das Signal zu Judenhetzen zu geben, noch machten sich die russischen Massen ein Gewissen daraus, dem Signal zu folgen. Man ist in Rußland zwar auch gegen Nichtjuden oft sehr wenig liebenswürdig gewesen. Man hat Sektierer, Polen, Finländer und Andere mehr recht oft geradezu grausam behandelt. Aber immer waren bestimmte Gründe für solches Tun vorhanden gewesen, Gründe, die man nicht zu billigen brauchte, aber allenfalls begreiflich finden konnte. Für die Behandlung der Polen und Finländer beispielsweise waren international-politische und sonstige Gründe der hohen Staatspolitik maßgebend. Sektierer wollte man der Staatskirche zuführen. Ohne diese Gründe hätte man sie alle für gleichberechtigt angesehen, ja der Zweck der Maßnahmen war, sie alle möglichst mit dem russischen Volke zu verschmelzen. Außerhalb Finlands, außerhalb Polens hatte man gegen Polen und Finländer nichts feindliches. Die russische Judenpolitik hingegen bezweckte im Gegenteil, die Juden vom russischen Volke möglichst gesondert zu halten. Die Juden hatten keine separatistischen Gelüste, konnten keine Gefahr bilden für die Integrität des russischen Reiches, wie Finen, Polen, Armenier, Tartären