Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063311--03972-3070775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 46. Die Wahrheit. Seite 5. sich zu seinem Empfange bereit hielt und ihm als Zeichen der Verehrung Brot und Salz auf goldenen Tellern überreichen wollte. Was tat aber der edle Zar? Er ließ die Deputation mit Schande und Spott hinauspeitschen und rief entrüstet: „Von solch e h r l o s e n M e n s ch e n, die meine a rmen jüdischen Untertanen m o r den und plünde r n, nehme ich keineZeichen der Verehrung an!" Hätte Nikolaus Ü. diese Worte seines edlen Großvaters beherzigt, so wäre manches Unglück und manches Elend verhütet worden. In den Zeitungen wurde berichtet, daß auch in der russischen Kirche in Wien eine Sammlung für die russischen Juden veranstaltet wurde, an welcher sich auch der russische Botschafter am Wiener Hofe mit einer namhaften Summe beteiligte. Wie wir nun aus zuverlässiger Quelle erfahren, ist die letztere Nachricht eine Zeitungsente, welche auch auf der hiesigen Botschaft als solche erklärt wird. Zu dem diesbezüglichen Dementi, das in den russischen Blättern veröffentlicht wird, fügt der „Nowosti" hinzu: „In Rußland darf man morden! und plündern, aber zu Gunsten ermordeter Juden zu sammeln, ist strengstens untersagt. Das wird auch dem Botschafter am Wiener Hofe bekannt gewesen fein." Ein beneidenswertes Land! Kemberger Brief. Die grauenvollen Ereignisse in Rußland, die Ströme unschuldig vergossenen jüdischen Blutes haben auch hier eine doppelte Bewegung hervorgernfen. Die Lemberger Judenschaft beweinte und betrauerte ihre hingemordeten Brüder und gab ihrem Herzleid durch Abhaltung von Andachten in den Synagogen imponierenden Ausdruck. Viele legten sich sogar Fasten auf und die gesamte studierende jüdische Jugend nahm an der Trauer innigen Anteil. Mäßiger erschien uns der Eindruck im Landtage, wo doch die Blüte der polnisch-ruthenischen Intelligenz versammelt ist. Hier blieb es dem jüdischen Landtagsabgeordneten Dr. L ö w e n st e i u Vorbehalten, im Vereine mit seinen Konnationalen den Landtag zu einer Kundgebung zu veranlassen, die jedoch nicht so ernst und geharnischt klang, so auf den Grundton echter Menschlichkeit gestimmt, wie im Bukowinaer Landtage, dessen Sprecher und Dolmetscher der Abgeordnete Dr. Strauch er war. Parallel mit dieser Strömung menschlicher Regung läuft leider eine andere tierische, ja bestialische der unteren Volksschichten. Schon vor zwei Jahren hat die Trauerkunde von den Kischenewer Massakres dem hiesigen Mob den Gedanken nahegelegt, wie ratsam es wäre, auch in Lemberg einen ähnlichen Tanz aufznspielen, und die Holzhauer bildeten Zirkel und besahen sich ihre Werkzeuge, mir denen sie siegesgewiß die Juden anfallen könnten; dazumal sielen nur eine retche jüdische Frau und ihre jüdische Köchin als Opfer ihres eigenen Hausmeisters.*) Aber auch heute läßt der Massenmord diese Volksschichte nicht ruhen. In den Spelunken und sonst an Orten, wo sich diese Menschentiere sammeln, hört man das Thema variieren, wann endlich in Lemberg auf die Juden losgegangen werden wird, da ihnen die Juden alles genommen. Sie rechnen also darauf, durch Morden und Plündern sehr rasch zu Geld zu kommen. Diese und ähnliche schaudererregende Unterhaltungen könnten uns kopfhängerisch machen und zur Ergreifung von Vorsichtsmaßregeln aneifern, wenn wir nicht aus dem Munde des höchsten Beamten des Landes, des Statthalters Dr. Graf Po to cki eine wahre Heilsbotschaft vernommen hätten, die uns nicht bloß auf das angenehmste berührte, sondern auch in Erinnerung brachte, daß wir in einem zivilisierten Lande leben. Der Statthalter gab nämlich eine Erklärung ab, daß er mit aller Energie Recht und Gerechtigkeit werde walten lassen. Sehr treffend bemerkte er hiebei, es gäbe keine ärgeren Tyrannen, als die der Menge, bei der die Gefühle des Hasses die Ober- *) Die Mahnung des Dr. Vierer in Lemberg an die Lemberger jüdischen Hausbesitzer, jüdische Hausbesorger anzustellen, war leider erfolglos geblieben. Hand gewonnen haben. Leicht könnte sich dieselbe dann auch gegen Angehörige, eines anderen Stammes und Bekenntnisses richten, und angesichts einer solchen Gefahr mußte er als oberster Vertreter der Staatsgewalt seine warnende Stimme ertönen lassen. Der Herr Statthalter hat sich mit diesen 'seinen Worten auf diejenige moralische Höhe gestellt, welche einer solchen Persönlichkeit ziemt. Einem ungekrönten Herrscher über sieben Millionen Menschen kann es nicht entgehen, wie gefährlich das Kokettieren mit der Volks leidenschaft gegenüber selbst unsympathischen Elementen sei und wie leicht die Hab- und Blutgier auch die reicheren Gutsherren, die Schlachta, ereilen könnte. Uebrigens wollen wir daran glauben, daß in Oesterreich derlei Regierungshyänen wie Plehwe, Trepow, Schuwalow und andere nicht geboren sind und daß wir Juden in Galizien, obschon die Minorität unter zwei feindlichen Volksstämmen, beruhigt in die Zukunft blicken können. Zudem liegen die beiden slavischen Brüderstämme, Polen und Ruthenen, einander nicht in den Armen, sondern in den Haaren, und wie oben erwähnt, dürfte eine Judenhetze von der einen Seite sehr rasch eine Polen-! oder Schlachtahetze nach sich ziehen. Insbesondere mahnen die Vorgänge im Lager der Ruthenen den Landeschef zur Wachsamkeit, da ja die Unzufriedenheit dieses Volksstammes mit der Polenhegemonie in Galizien von Tag zu Tag wächst. Dies trat am deutlichsten am 12. d. M. gelegentlich des 250. Gedenktages des Kosaken-Hetmans Bogdan C h m e l n i c k i hervor, welcher vor den Lemberger Mauern in einer Schlacht blutig zurückgewiesen und dessen Forderung, die Juden auszuliefern, von dem damaligen Bürgermeister Martin G r o s w a j e w abgeschlagen wurde. Während die Polen mit Recht die Niederlage dieses Ungeheuers, dieser Bestie in Menschengestalt feierten, gab den Ruthenen wieder der Gedenktag Anlaß zur Verherrlichung ihres Stammesgenossen und zur Veranstaltung eines Festabendes, welcher mit Demonstrationen und Schlägereien endete. Die Frage also, wer die eigentlichen Herren in Galizien seien, wird mit Gewalt auf die Tagesordnung gedrängt, und mögen wir galizische Juden, das Puffervolk, am Tage der Entscheidung unberührt aus diesem Dilemma hervorgehen. Man wird uns jedoch vorwerfen, daß Bangemacherei und Schwarzseherei leichter sei, als einen radikalen und weisen Rat für die Geängstigten zu geben, und daher wollen wir in groben Umrissen auch hierüber einige Worte fallen lassen. Zunächst müssen wir 800.000 galizische Juden, gleich den beiden anderen Volksstämmen des Landes, lernen, jüdischnationale Politik zu treiben und die Rolle der Aufdringlichkeit ein für allemal aufgeben. Hiezu ist unbedingt die Einberufung eines galizischen Judentages nöttg mit Delegierten aus jeder jüdischen Gemeinde. Dieser hätte ein Landes-Aktionskomitee zu wählen, welches die jüdischen Angelegenheiten Galiziens leiten und so die bereits vor bald einem Vierteljahrhundert begonnene Zentralisation der Gemeinden in Galizien vollbringen soll Es würde zu weit führen, in diesem Aufsatze alle die Agenden aufzuzählen, welche gemeinschaftlich und von höheren Gesichtspunkten aus geleitet werden müssen; allein im großen und ganzen gehören vor jene Zentralkörperschaft alle jene Agenden, welche das nationale Leben unseres Volkes bedingt, mögen sie politischer, sozialer oder erziehlicher Natur sein. In politischer Beziehung wird das allgemeine, direkte Wahlrecht unsere politische Verttetung vielleicht ganz vernichten, wenn die jüdische Bevölkerung Galiziens keine nationale Kurie für sich in Anspruch nehmen wird. Nur so können unsere 800.000 Stammesgenossen in Galizien sich ohne unnötige Einmischung in die Wahlkämpfe der Ruthenen und der Polen eine Vertretung sichern. Denselben politischen Weg müßten aber auch die Juden aller übrigen österreichischen Länder betreten, dann würden unsere Abgeordneten in einer nennenswerten Anzahl erscheinen und könnten auch einen jüdischen Klub bilden, wie jede andere Nationalität — treu den Interessen des Staates und des Landes und mit voller Wahrung ihrer nationalen. Interessen, welche heute so sehr und so oft zurückgesetzt erscheinen, weil unsere Vertreter alle anderen Nationalitäten vertreten, während die eigene kaum jemals zum Worte gelangt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.