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Die Wahrheit · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lette 4. Die Wahrheil Nr. 46. Schwelgend und im Innern vielleicht tief beschämt ließ diese hohe Versammlung den sich selbst verherrlichenden Triumphgesang Lnegers über sich ergehen. So mancher jedoch mochte sich dabei im stillen an den schönen Spruch des weisen Salomon erinnern: ,.O daß dich ein anderer und nicht immer dein eigener Mund loben könnte!" Wahrlich die trotz aller zeitweiligen Ausschreitungen und Verirrungen so glanzvolle Laufbahn der katholischen Kirche während zweier gewaltiger Jahrtausende hat doch noch ein besseres S.ßicksal verdient, als aus diesen Helfer in der Not stolz sein zu müssen. Nicht die gewaltigen Orgelklänge, welche der deutsche Geschichtsschreiber Ranke als so überwältigend schildert, nicht die erlösenden Zeremonien, nicht die einsegnenden Priesterworte und Tröstungen der Kirche, nicht das gewaltige, aus überzeugungsvoller Brust hervorquellende Credo, nicht die heilige Propaganda und nicht die zur Andacht rufenden tiefen Glockentöne halten die Kirche unangefochten durch alle Anstürme empor. Alles ist machtlos — nur Luegers rücksichtslose Agitation allein hält noch ihre Fahne fest und drohend. Was Lueger unter dieser rücksichtslosen Agitation an der Seite eines blutrünstigen Schneider versteht, ist uns nur zu gut bekannt. Gebet ihm noch russische Beamten zur Verfügung und er bringt sicher auch die russischen Gräuelszenen in Wien zustande. Und solche Reden bringen unsere liberalen Zeitungen geradezu mit unverschämter Naivität ohne jede Randglosse, ohne entrüstete Gegenbemerkung zum Abdrucke. Lohnt es sich da noch, Zeitungen zu lesen und zu erhalten, die sich derart als einfache Schleppträger der rücksichtslosen Agitation aufspielen, während die ganze gesittete Welt nach Ausgleich, Versöhnung, Zusammenhalten lechzt? Noch immer ist die Welt nicht im reinen darüber, ob Lueger ein gescheidter oder nur ein verwegener Mensch sei, der sich bei seinen Partisanen alles erlauben darf. Am Katholikentage hat er sicher wie ein Narr gesprochen. Wer weiß, wie bald er seitens seiner unversöhnlichsten Gegner die rücksichtslose Agitation am eigenen Leibe zu spüren bekommt." Der Staatsminister Dr. Schönstedt, der elf Jahre hindurch an der Spitze der preußischen Justizverwaltung stand und, wie selten einer seiner Vorgänger, es verstand, die Juden auf dem Wege der sogenannten ..Verwaltungsprellerei" um ihr verfassungsmäßig gewährleistetes Recht aus ein Staatsamt zu verkürzen, soll nunmehr sein Ministerportefeuille zurücklegen. Wie sehr unter seinem Regime der preußische Richterstand von .reaktionärem und antisemitischem Geiste durchtränkt wurde, zeigt folgende ..Geistesblüte", die durch einen Zufall in Besitz des „Berliner Tagblatt" gelangte: Wie zum Segen keines Landes Wird der Fremden Aberwitz, So. zum Nachteil uns'res Standes Eine koschere I u st i z. Hält die Augen fest verbunden Themis gegen die Gefahr, Hat die Abwehr nun gefunden Doch der d e u t s ch e Ref' rendar. Daß nicht vor der fremden Rasse Weich' der rechtsbefliff'ne Christ, Daß nicht deutsche Treu erblasse Vor der oriental'schen L i st, Daß nicht mit der Nasenlänge Glänze unsere Justiz, Brachten vor aus ihrer Enge Die um Stillfried-Rattonitz. Diese „Verse" wurden kürzlich auf einem Kommers zur Feier der 25jährigen Stiftungsfestes des „Vereines christlicher Referendare" zu Breslau gesungen; derartige Vereine, deren Tendenz hier so vortrefflich charakterisiert wird, bestehen an fast sämtlichen Landgerichten Preußens. Sie umfassen einen großen Teil der Referendare christlicher Konfession, -besonders diejenigen, die „aktiv" gewesen sind und die besten Aussichten aus Beförderung in der richterlichen und staatsanwaltlichen Karriere haben. Sie erfreuen sich sehr warmer Protektion seitens der Vorgesetzten der jungen Leute, also indirekt seitens der Justizverwaltung. Sicherlich haben auch viele höhere Justizbeamte dem Kommerse beigewohnt. Vermutlich haben sie die herrlichen „Verse" mitgesungen; protestiert hat jedenfalls niemand. Die DurchtränküNg der preußischen Justiz mit antisemitischem und reaktionärem Geiste, welche zum großen Teile dem eben zurückgetretenen Justizminister Schönstedt zu danken ist, kann keine bessere Illustration erfahren, als durch diesen „poetischen" Erguß. So sieht leider ein großer Teil des Nachwuchses des Richterstandes aus. Kann man sich dann noch wundern, daß auf den Richterstühlen das ernste sittliche Empfinden für die Gerechtigkeit immer spärlicher anzulreffen ist, daß reaktionäre politische Tendenzen, Kastenhochmut, Klassen- und Rassenhaß das Verantwortlichkeitsgesühl ersticken? Der ..poetische" Erguß ist übrigens auch charakteristisch für den Niedergang des akademischen Geisteslebens, der nicht zum wenigsten durch die antisemitische Verseuchung verursacht wird, und für das geistige Niveau des daraus hervorgehenden Strebertums. Ein Sextaner, der solche albernen und holprigen Verse verbräche, verdiente Prügel. * * Wiederholt wurde in den verschiedenen Protestversammlungen dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß nicht seitens der europäischen Mächte zu Gunsten der russischen Juden interveniert wurde. Herr Dr. Biach-Brüx schreibt uns hiezu Folgendes: Die russischen Greueltaten erwecken in jedem human denkenden Menschen die Frage, ob nicht in solchen Fällen eine Intervention fremder Mächte am Platze wäre. Es dürste daher von Interesse sein, wie sich Baronin v. Suttner über diese Frage geäußert hat, noch ehe jene Schandtaten begangen wurden. Berta v. Suttner schreibt darüber in ihren vor wenigen Monaten erschienenen „Briefen an einen Toten": „Mit dem anachronistischen Prinzip der Nichteinmengung muß gebrochen werden." Man behauptet zwar: „Nichtintervention ist geboten, man darf da nicht retten,, nicht schützen, nicht einmal rügen: Interne Angelegenheit." „Mein Gott, man hat ja auch im Privatleben eine gewisse Selbständigkeit im eigenen Hause und verbietet sich fremde Einmischung. Wenn aber aus einer Nebenwohnung Hilferufe dringen, wenn dort ein Wahnsinniger die Seinen zu erschlagen sucht, eilt man da nicht zur Reitung hinüber — oder läßt man ruhig die internen Angelegenheiten des tollen Nachbarn gewähren? Nein, man ruft die Gendarmen. Welche Gendarmen sollen aber die Nationen rufen? Wendet man ein, die Soldaten? Das ist ja bewaffnete Intervention, das ist Krieg? Und den soll man ja vermeiden, nicht? Mit dieser Fragestellung glaubt man uns Friedensleute in Verlegenheit gebracht zu haben. Wir antworten: Bewaffnete Menschen, die zum Schutze einschreiten, sind nicht Kriegführer, sind rettende Polizei. Die verbündete Kulturwelt braucht keine gegen einander gerichteten Offensivarmeen mehr, aber sie braucht ein verbündetes und bewaffnetes Schutzheer. Nicht zum Morden, Plündern kann dieses äusgeschickt werden, sondern nur zur Bändigung von Mördern, Räubern und Tollen .... Nein, weder Eroberungssucht noch Rachsucht darf die Intervention der künftigen Weltarmee beseelen, sondern einfach Hilfe muß sie bringen und Schutz. W v Verfolgte, Tyrannisierte, Verhungernde ihren Klage sch ei erheben, dort eile man hin und interveniere, denn nicht innere Angelegenheit — Menschenangelegenheit i slls. Tua res agitur. “ Mag man auch die Anschauung, die verbündete Kulturwelt bedürfe nicht der Offensivarmeen, derzeit als Utopie bezeichnen, die Schlußworte, daß es sich hier bei der Intervention nicht um eine innere Angelegenheit, sondern um eine Angelegenheit der Zivilisation handelt, welche die ganze Menschheit angeht, wird kein human Denkender bestreiten können. * * * Als zeitgemäße Reminiszenz wird uns von einem Freunde unseres Blattes Folgendes mitgeteilt: Unter der Regierung Alexander II., des Großvaters des jetzigen Zaren, hatten auch einmal Judenhetzen in Odessa stattgefunden und der beutegierige russische Pöbel fiel plündernd und mordend her. Kurze Zeit nachher kam Alexander H. nach Odessa, woselbst eine Deputation der vornehmsten Bürger der Stadt

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